In Flammen Open Air 2017 - Festivalbericht

  • Datum: 06.-08.07.2017
  • Ort: Entenfang, Torgau
  • Besucher: 2000
  • Tickets: 49,90 € Vvk.,
  • Redakteur: Jens Dunemann
In Flammen Open Air 2017 - Festivalbericht

 Flyer V

Die Historie des IN FLAMMEN OPEN AIR´s reicht zurück bis ins Jahr 2004. Und in den vergangenen Jahren hat sich das Festival durch die stetig hochkarätigen wie abwechslungsreichen Besetzungen einen herausragenden Ruf in der Szene erworben, der Veranstalter Thomas Richter und seinem Team vorauseilt und sich somit in den Fokus der Metalheads, die eine gemütliche Atmosphäre in einem überschaubaren Rahmen abseits von Massenabfertigungen und Volksfest-Umgebung vorziehen.

Genre-Größen stehen hier mehr oder weniger gleichwertig neben hoffnungsvollen Newcomer-Formationen aber auch Insider-Tipps, die man nicht unbedingt auf dem Radar hat. Obwohl die stilistische Ausrichtung überwiegend Anhänger von Death-, Black-, Thrash Metal und Grindcore anspricht, ist man mit Scheuklappen auf diesem Festival fehl am Platze. Denn gute Musik ist keine Frage des Stils und so wurde das Billing nicht nur in der Vergangenheit immer wieder durch vermeintliche Irrläufer musikalisch bereichert. Beispielhaft hierfür stehen die (ost-)deutschen Heavy Metal - Urgesteine Macbeth, die italienische Powermetal-Institution Skanners oder die deutsche Drone-Hoffnung The Great Cold. Nicht alltäglich ist auch die Kulisse des Festivals. So liegt das idyllische Gelände eingebettet in Wiesen-, Wald- und Heidelandschaften in unmittelbarer Umgebung zum Naturschutzgebiet Großer Teich, das vielfältige und artenreiche Lebensraumstrukturen bietet und u. a. wichtiges Brut- und Rückzugsgebiet für Vögel aber auch Biberhabitat ist. Das heutige Ausflugslokal bzw. das nebenerwerblich betriebene landwirtschaftliche Gut des Entenfangs kann auf eine rund fünfhundertjährige, bewegte Geschichte zurück blicken. Diese Umgebung verleiht dieser Veranstaltung einen sehr besonderen Charakter und der Chef-Organisator nimmt den Mund durchaus nicht zu voll, wenn man den Info-Text auf der Homepage des Festivals zitiert:

"METAL IST FREIHEIT. Kommt zum IN FLAMMEN Open Air und lasst euch überraschen. Wer unser Gelände, gelegen zwischen Wiesen, Wäldern und der unter Bäumen stehenden Hauptbühne zum ersten Mal betritt, wird fühlen, dass „METAL ist Freiheit & No Commerce“ nicht nur Phrasendrescherei bedeutet. Wir erschaffen mit euch eine andere, neue Art Metal Festival!" Sowohl das Speisen- und Getränkeangebot sind überschaubar aber von guter Qualität und kommen aus der Region, die Preise angemessen und durchaus günstig. Ebenso verhält es sich mit dem Angebot beim Merch.

Es gibt die bereits im Zitat erwähnte Hauptbühne sowie eine kleinere Zeltbühne, die abwechselnd bespielt werden. Der Clou ist jedoch, dass es zwischen Camping- und Bühnenbereich keinerlei Barrieren und auch keinen großen Backstage- oder VIP-Bereich gibt. Wenn man dann noch die liebevoll entlang der Auffahrt und auf dem Gelände drapierten, handgezimmerten und bemalten Holzkreuze sieht, dann begreift man, mit wieviel Hingabe diese Veranstaltung auf die Beine gestellt wird. Die Atmosphäre der Umgebung sowie die Leidenschaft und das Herzblut, mit dem hier alle bei der Sache sind überträgt sich einfach auf das anwesende Publikum, wie das Wochenende zeigen wird. Ich habe jedenfalls nur selten Veranstaltungen in dieser Größenordnung erlebt, bei denen es allerseits so entspannt und gelassen zugegangen ist. Wenn es ein Pendant zum "Sanften Tourismus" in der Festival-Landschaft geben würde, das IN FLAMMEN OPEN AIR ist in vielen Belangen sehr nah dran an entsprechenden Idealen...

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Donnerstag, 06.07.2017

 Als wir am frühen Nachmittag auf dem Gelände eintreffen erwarten uns nach der Wagenkontrolle am Checkpoint zunächst ein paar überforderte Ordner und Einweiser, die sich nicht wirklich einig sind, wie und wo Fahrzeuge und Zelte hingehören. Nach ein paar Diskussionen und gefühlt, dreimaligem Zelte- und Pavillonverrücken können wir bei bestem Wetter zum gemütlichen Teil übergehen.

Nach einem entspannten Rundgang über das wirklich idyllisch gelegene Gelände zieht es mich zu den Ungarn von SEAR BLISS vor die Bühne im gut gefüllten Zelt, nachdem die Leipziger BLOODY VENGEANCE den Startschuss geben durften. Die margiarischen Epic Black Metal - Vorreiter, die Mitte der Neunziger die Posaune im Extrem-Metal kultiviert haben, erleben in den letzten Jahren eine zweiten oder gar dritten Frühling. Sie sind live ungeheuer präsent, erfahren und wissen trotz früher Stunde und Tageslicht im Zelt mit ihrem düsteren Sound zu überzeugen, obwohl ich mit der Diskografie des Quintetts abgesehen vom kultigen Debut "Phantoms" nicht vertraut bin.

 sear bliss3sear bliss

SUICIDAL ANGELS gehören für mich in die Kategorie von Thrash Bands, die zwar - ähnlich wie ihre holländischen Kollgen von Legion Of The Damned - ganz locker im oberen Mittelfeld mithalten können und insbesondere live durchaus gefällig sind aber denen darüber hinaus schlicht und einfach das Salz in der Suppe fehlt.

 suicidal angels3suicidal angels

Das ändert sich auch mit dem Gig am heutigen Abend nicht. Gerne hätte ich mir danach noch die nächste Thrash-Breitseite des deutschen Urgesteins HOLY MOSES um Sabina Claasen gegeben, doch zwischen Party-Zelt, Bratwurst-Stand und Camp werde ich unweigerlich mit dem Verlust meines Autoschlüssels konfrontiert, der nicht nur die Stimmung vorrübergehend deutlich eintrübt, als auch die Prioritäten etwas verschiebt. Die vage Hoffnung, den Schlüssel in einem Moment der Unachtsamkeit, im Fahrzeug selbst "verlegt" zu haben, wird leider durch den gelben Engel vom ADAC zerstört, der mir zwar wieder Zugang zum Auto verschafft, wobei der Schlüssel jedoch verschwunden bleibt. Während also Sabina & Co. die Bühne rocken und Weltenbrand danach vor der Bar zur Froschkotze ihre stimmungsvolle Feuershow zelebrieren unternehme ich noch einige Runden über den Platz zu den neuralgischen Punkten von Orga, Bars und Security, ohne dort einen Hinweis auf meinen Schlüssel zu bekommen. Es heißt also Ruhe bewahren und abwarten, statt ausschweifender Party.

 

Freitag, 07.07.2017:

Der Tag beginnt aufgrund der persönlichen Umstände ungeplant früh. Die Nacht war kurz und unbequem und für manch´ einen in unserer Nachbarschaft noch nicht einmal vorbei (Zitat: "Schlafen? Sowas kommerzielles machen wir hier nicht!"), da ich mich mangels Abschließbarkeit meines Autos dazu entschieden hatte, im selbigen zu übernachten. Dennoch genieße ich mein Frühstück zu einer "Festival-Unzeit" trotz der unbefriedigen und ungewissen Situation und die Morgenstimmung auf diesem naturnahen Gelände, während die Security, welche nachts unauffällig und stehts freundlich für Ruhe und Ordnung sorgt, sich langsam auf den Feierabend vorbereitet und die Organisationsmitglieder die Ablösung durch die Frühschicht ersehnen. Die folgenden rund vier Stunden fühlen sich trotz der vielen schönen Eindrücke und der Morgenstimmung beim Herumschlendern über das Gelände wie eine Ewigkeit an, bis mein Autoschlüssel und ich schließlich wieder vereint sind und pure Dankbarkeit und Vorfreude der Anspannung weicht. Sofern der edle Finder dies hier lesen sollte: Sie oder er schreibe mir bitte eine Mail mit den einer Beschreibung des Schlüssels, Automarke, Abgabezeit und Abgabeort an jens@twilight-magazin.de und ich werde mich gerne erkenntlich zeigen.

 crowdarea2morgenstimmung auf dem in flammen open air

Anschließend versuche ich mir, bevor es musikalisch losgeht, noch eine Mütze Schlaf zu gönnen, was angesichts eines schon wieder unbarmherzig brennenden Planeten nicht wirklich erfolgreich ist. Aber es heißt ja auch IN FLAMMEN OPEN AIR, nicht Kindergeburtstag und Schlaf ist eh´ Kommerz. Somit geht´s also auf zu MEATKNIFE bzw. zum Grindcore am Mittag mit einer Prise Slipknot in Form von Maskeraden der Mucker, was nicht sonderlich kreativ aber sehr unterhaltsam ist. Die "Frühaufsteher" sind aber durchaus dankbar sowie in absoluter Feierlaune und danken es dem Quintett mit Circle-Pit, Schwimmflügeln, Badeenten, Rudereinlagen, Klobürsten, Paniermehl und mehr... Erlaubt ist, was gefällt.

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Weiter geht´s für mich auf der Zeltbühne mit den Niederländern von DISTILLATOR, die mir zwar bis dato völlig unbekannt waren aber deren Ankündigung mich neugierig gemacht hatte. Und tatsächlich avanciert das Trio, welches dem klassischen Thrash der Marke Metallica, Exodus oder Testament fröhnt, zu einem meiner absoluten Hightlights dieses Festivals. Ungeheure Spielfreude, eine explosive Performance, abwechslungsreiche Songs und ein sehr variabler Gesang, dazu noch "Angel Of Death" zum Abschluss. Das Rad erfinden Distillator zwar nicht neu aber das Trio findet einen erfrischend eigenen Weg, klassischen Thrash für sich neu zu definieren. Ganz stark!

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Die Erfurter Metal-Urgesteine von MACBETH hatte ich ebenfalls noch nicht auf dem Schirm. Mit ihrer irgendwie aus der Zeit gefallenen Mischung aus klassischen Heavy Metal, Dark Metal und teilweise sogar atmosphärischen und folkigen Anleihen steht das Quintett förmlich zwischen allen stilistischen Stühlen. Die deutschen Texte, die sich oftmals mit Themen aus dem WK ll auseinandersetzen, muss man darüber hinaus mögen aber spätestens mit ihrer Adaption der Doldinger-Titelmelodie zum besten Kriegsfilm ever, im gleichnamigen Song "Das Boot" haben Macbeth einen neuen Fan gewonnen, wobei das Publikum den alten Metal-Hasen unter dem Blätterdach vor der Hauptbühne sowieso aus der Hand frisst. So kann es weitergehen.

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Beeindruckend ist auch die massive Soundwand, die BEHEADED im Anschluss auf der Hauptbühne auffahren. Technisch und was die Einsatzfreude angeht gibt es bei den Maltesern wahrlich nichts zu meckern aber auf dauer klingt mir das Getrümmere zu eintönig. Die holländischen Death-Metal-Urgesteine von SINISTER hätte ich mir gern mal wieder angetan. Allerdings verpasse ich sie, da ich bei einer kurzen Verschnaufpause am Zelt versacke. Die kurze Nacht fordert leider ihren Tribut, so dass ich erst wieder bei den spanischen Kollegen von GRAVEYARD vor der Bühne eintreffe. Knochentrockener Todesstahl bei dem besonders Fronter Fiar mit seiner theatralischen Gestik neben seinem Organ auch optisch eine verstörende Augenweide ist. Musikalisch aus meiner Sicht nicht besonders aber unterhaltsam ist das Quintett allemal.

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Ich nutze die Zeit, um mich für den langen Abend zu stärken. Das kulinarische Angebot ist ebenso abwechslungsreich wie preiswert. Von Nudelgerichten mit verschiedenen Soßen über die klassische Brat- und Currywurst, Pommes bis hin zu Ostgerichten wie dem hervorragenden Kesselgulasch oder dem Jagdburger (gebratene Jagwurstscheibe mit Remoulade und Kraut im Brötchen) braucht auf dem IN FLAMMEN OPEN AIR niemand zu verhungern. Inzwischen dürfen die norddeutschen von GRAVEYARD GHOUL auf der Zeltbühne ran, um noch tiefer in den Death Metal - Urmorast zu sinken. Nicht ganz zufällig bilden sie Teil zwei der unheiligen Trilogie, die danach mit den Kaliforniern von GHOUL auf der Hauptbühne ihren Höhepunkt findet. Die Amis sind optisch eine großartige Persiflage auf Bands der Marke Gwar oder Lordi. Da sind Masken, Mützen und Säcke über den Köpfen und jede Menge Kunstblut im Spiel, während man sich musikalisch aus einer Mischung von Death, Grind, Thrash und Crust bedient, die wie eine eingängige und wesentlich schmissigere Variante von Macabre klingt. Das ganze macht Laune, geht gut ins Gebein und in die Nackenmuskulatur, so dass es die Plüschmonster auf der Bühne eigentlich gar nicht braucht. Slapstick at it´s best!

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Weiter geht´s mit THE GREAT COLD, die einen durchaus intensiven, gesangfreien Post - Rock/Metal - Teppich im Zelt ausbreiten, der zwar endzeitmäßig klingt, aber insbesondere aufgrund des fehlenden Gesangs nicht wirklich über den gesamten Set überzeugen kann. Trotz der leidenschaftlichen Performance ziehe ich hier Vorreiter wie Red Harvest definitiv vor.

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Schrill und bunt wird´s danach auf der Hauptbühne. Es ist an der Zeit für SKANNERS, ein italienisches Heavy Metal - Urgestein. Bereits seit 1982 aktiv sind die Herren um Fronter Claudio Pisoni wohl kaum einem auf dem Festival ein Begriff, geschweige denn mit dem Material vertraut. Und trotzdem funktioniert der Auftritt und die Performance, die nicht mit Kitsch und Klischees geizt, weil die Songs absolut schmissig sind und Substanz haben und ein Publikum, welches primär auf Death - und Black Metal geeicht ist, dankt es den Skanners, indem sie die Show abfeiern.

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ABSU sind stilistisch absolut einzigartig und noch dazu eine der unterbewertetsten Bands der Szene. Darüber hinaus ist man auf dem Live-Sektor nicht gerade inflationär aktiv. Der singende Bandkopf und Ausnahmetrommler Postscriptor und seine Mitstreiter ziehen musikalisch wie optisch alle Register. Celtic-Black-Thrash aus Texas vom Feinsten, bei dem sich nicht nur die "Highland Tyrant Attack" denkwürdig ins Gedächtnis meißelt.

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Nicht weniger intensiv geht´s mit den Polen von BATUSHKA weiter, ebenfalls eine Band, die man nicht an jeder Straßenecke zu Gesicht bekommt. Und der Name des immer noch aktuellen Albums "Liturgiya" ist auch live Programm. Aufwendig, bild- und tongewaltig inszeniert, zelebrieren Batushka eine wahrhaft dunkle Messe, die eine ganz besondere spirituelle Atmosphäre transportiert. Weihrauch, Kerzenschein, Altar und Musiker, die in ihren Roben hinter ihrer Kunst zurück treten. Black Metal meets Sakralmusik. Puristischer und intensiver geht es kaum. Ein in jeder Hinsicht erfüllendes und bereicherndes Erlebnis, dass mich ein Weilchen sprachlos macht.

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Ich hatte meine Zweifel, ob NIFELHEIM nach dieser Vorstellung die Stimmung weiterhin aufrecht halten können aber scheinbar ist es nach der eher introvertierten Batushka-Show genau dieses "grobmotorische" Black-Thrash-Chaos, wonach es dem Publikum verlangt. Dabei steht der Auftritt der schwedischen Brüder und wohl loyalsten Maiden-Fans der Welt, Maniac und Hellbutcher, unter keinem guten Stern. Die Requisiten-Kiste ist irgendwo auf dem Flugwege unter die Räder gekommen aber das IN FLAMMEN OPEN AIR wäre nicht das In Flammen Open Air, wenn man den Schweden nicht tatkräftig unter die Arme greifen würde. Und so hatte sich die Crew noch am Nachmittag aufgemacht und bei den Fans fleißig Material eingesammelt, mit dem sich Nifelheim für ihren Gig adäquat ausstaffieren konnten. Denn mal ehrlich. Nifelheim ohne Nieten und Leder wäre nicht wirklich Metal. Selbst beim Backdrop wird kreativ improvisiert und das Logo kurzerhand mit Panzertape auf eine Plane gebracht. Der Rest ist ein rotziger musikalischer Mittelfinger der puristischer und roher kaum ausfallen kann und die Meute begeistert. Ein Arschtritt, den ich der Band nach dem vergleichsweise lahmen Auftritt auf dem Party.San im vergangenen Jahr nicht mehr zugetraut hätte. Das sind Nifelheim, wie ich sie liebe!

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Es ist mittlerweile spät geworden aber die Besucher des IN FLAMMEN OPEN AIR´s halten trotz der späten oder frühen Stunde immer noch zahlreich vor der Bühne aus, um KRISIUN zu huldigen. Das brasilianische Trio ist auch schon weit über zwanzig Jahre in der Szene aktiv und hat über eine beachtliche Anzahl an Longplayern seinen technischen Todesstahl über die Jahre hinweg kontinuierlich verfeinert. Die Kolesne-Brüder und Alex Camargo haben in der Vergangenheit durchaus Standards gesetzt und trotzdem wirkt der ebenso filigrane wie brutale Sound im Vergleich mit so mancher Slam- oder Tech-Death Band von heute vergleichsweise altbacken, was nicht negativ gemeint ist. Dennoch, so wirklich zünden wollen Krisiun nach den überdurchschnittlichen Gigs von Absu, Batushka und Nifelheim nicht mehr, was zum einen an einer eher zögerlichen Performance aber durchaus auch an der vorgerückten Stunde liegen mag. Wirklich schlecht sind die Südamerikaner nicht und einen würdigen Abschluss des langen Tages bieten sie allemal.

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Samstag, 08.07.2017:

Für die Hartgesottenen beginnt der IN FLAMMEN OPEN AIR - Samstag sportlich am Stand von Ketzer Records. Getreu dem Motto: "Wer saufen kann, der kann auch laufen!", wird hier der Beweis angetreten, dass Metal, Feiern und Sport sich nicht ausschließen. Bereits zum dritten Mal zelebrieren einige Metalfans und Läufer den In Flammen Hangover Run rund um den nahegelegenen See. Orga-Chef Thomas lässt es sich nicht nehmen, die Läufer ein Stück weit mit dem Rad zu begleiten, um sie danach mit Melone, Pfeffi und Banane zu begrüßen und zu stärken. Darüber hinaus hält der Samstag zunächst keine guten Nachrichten Parat. Die spanischen Grindcore-Opener SERRABULHO canceln ihre Show kurzfristig wie verständlich aufgrund eines Trauerfalles. Da sich so schnell keine Band aus den Reihen des anwesenden Festival-Publikums reaktivieren lässt, macht man aus der Not eine Tugend und zieht das traditionelle wie einzigartige Kaffee- und Kuchenbufett einfach vor. Da ich IN FLAMMEN OPEN AIR - Rookie bin, erlebe ich auch diese großartige Geste zum ersten Mal, bei der unter den altehrwürdigen, schattenspendenden Bäumen zwischen Bar-, Merch- und Bühnenbereich Festzeltgarnituren aneinandergereit werden, an denen vom Festival gezeichnete Metalheads artig zusammenkommen und Platz nehmen, um sich mit verschiedensten, leckeren Hausgemachten Kuchen sowie mit Kaffee versorgen zu lassen und darüber mit anderen Bekannten und Unbekannten Sitznachbarn über das , Musik und die Welt zu philosophieren, Resümee zu ziehen oder über das was da noch ansteht zu diskutieren. Wer auch immer diese Idee hatte. Es ist nicht nur außergewöhnlich und einmalig, sondern einfach ein großartiger Moment, um zwischen all der Party tatsächlich einmal inne zu halten. Ein Hoch und Dank auf und an die vielen Bäckerinnen und Bäcker. Metal, Kaffee und Kuchen, auch das geht zusammen.

crowdarea30 kaffee & kuchen

Gut gestärkt geht es danach mit 5 STABBED 4 CORPSES so richtig in den finalen Festivaltag. Das Augsburger Gore-Grind-Quartett ist genau das Richtige, um die Meute sofort wieder in Wallung zu bringen. Egal ob Circlepit oder Utensilien-Arsenal. Sowohl vor, als auch auf der Bühne haben alle Beteiligten sichtlich Spaß.

5 stabbed 4 corpses55 stabbed 4 corpses

Finster wird es danach mit MORAST im Zelt, die eine tonnenschwere Apokalypse aus angeschwärzten Doom und Death Metal herauf beschwören. Das ist echt heftige, sperrige Kost von Musikern, die sich komplett in ihrer selbst geschaffenen Notenwelt verlieren. Faszinierend und beeindruckend zugleich aber irgendwie auch ganz schön anstrengend.

morast7morast

Nicht weniger massiv geht es bei den Herren von PROFANITY zur Sache. Die technischen Feinschmecker aus Schwaben sind auch schon seit den frühen Neunzigern aktiv und somit Urgesteine, auch wenn man in diesem Jahr mit "The Art Of Sickness" erst den dritten Longplayer veröffentlicht hat. Das Trio fährt eine gewaltige, wie sperrige Wand auf, bei denen die Finessen leider oft unter gehen.

profanity2profanity

Auf technischen Firlefanz haben BLOOD schon immer verzichtet. Die Jungs aus Speyer sind Deutschlands Grindcore-Band der ersten Stunde und suhlen sich seither in simpel gestriktem Schlagzeug- und Saitengemetzel mit verruchten, blutigen und okkulten Vokalfragmenten zwischen Genie, Ironie und Wahnsinn. Und genau die letzten drei Attribute umschreiben den Gig des Vierers am besten. Nicht zuletzt durch Fronter Martin, der wie ein Irrer über die Bühne tobt: Die Band hat nichts von ihrer schrägen, morbiden Faszination verloren, seit ich sie 1994 zum ersten Mal live gesehen habe.

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Im Zelt geht´s danach weitaus dunkler und kühler zu Werke. KRATER sind wiederum eine der deutschen Underground-Formationen der Stunde in Sachen Black Metal. Zwar existiert das sächsische Quartett mittlerweile auch schon seit 2003 aber trotzdem kann mich die Band, die während des Gigs immer wieder mit technischen Problemen zu kämpfen hat, irgendwie nicht wirklich einfangen. Im Gegensatz zu den Hörproben, die ich vorher kannte, wirkt die Musik doch ziemlich beliebig, weshalb ich es vorziehe, mich in den Schatten der Hauptbühne zu begeben, da DISBELIEF bereits angefangen haben zu spielen.

krater4krater

Die Band ist ein Phänomen. Trotz konstanter Line-Up-Wechsel hat es die Formation um die Ausnahme-Röhre Jagger in den vergangenen Jahren seit dem 97er Debut geschafft, den unverkennbaren Stil zu bewahren und über mittlerweile elf Alben filigran weiter zu entwickeln. Und der düster-atmosphärische, groovende Death Metal funktioniert auch auf dem IN FLAMMEN OPEN AIR. Live sind die Hessen schon immer ein Macht gewesen aber auch, wenn Disbelief heute nicht unbedingt in überragender Form sind. Wer Songs wie "Misery", "Navigator", "To The Sky" oder "One By One" im Repertoire hat, der bietet immer noch ein mehr als anständiges Niveau.

disbelief12disbelief

Es folgt mit MOURNING BELOVETH leider ein Reinfall. Dabei hatte ich mich doch auf den Gig der Iren sehr gefreut. Nach dem 2005er Werk "A Murderous Circus" hatte ich die Jungs irgendwie aus den Augen verloren, bis man im vergangenen Jahr mit der Doom-Ode "Rust & Bone" über Ván Records wieder richtig für Furore sorgen konnte. Frank Brennan hat live die Gitarre an den Nagel gehängt. Man sollte meinen, er könne sich nun mehr auf sein cleanes Gesangsorgan, mit dem er gesegnet ist, konzentrieren. Stattdessen kämpft er mehr damit, seinen Mikroständer auf der einen und sein Bier auf der anderen Seite in den Griff zu bekommen, als seine Gesangsparts. Darüber hinaus scheint manch´ anderer in der Band ebenfalls bewusstseinserweiternde Mittelchen in nicht unwesentlichem Ausmaß konsumiert zu haben. Der vergleichsweise miese Sound tut sein Übriges. Mourning Beloveth werden ihrer zweifelsohne außergewöhnlichen Diskografie so leider überhaupt nicht gerecht. Da muss auf dem Party.San Metal Open Air Wiedergutmachung her. Noch ein Auftritt in dieser Form und es droht die Selbstdemontage.

mourning beloveth3mourning beloveth

Wenn die Hellacopters gemeinsam mit den Backyard Babies eine Black Metal - Combo gründen würden, dann müssten sie klingen, wie ALFAHANNE. Wieder so eine Band, die bisher komplett unter meinem Radar geblieben ist. Dabei hatten die schwedischen Alfamännchen bei so illustren wie legendären Projekten wie Maze Of Torment oder Vinterland ihre Finger im Spiel. Drummer Niklas eröffnet das Spektakel mit einer Spray-Dose, die er als Flammenwerfer benutzt, nachdem er sich auf der Bühne brüllend und rotzend in Rage gebracht hat. Was folgt ist eine dreiviertel Stunde pechschwarzer Rock ´N´Roll und Goth-Punk, gepaart mit schwarzmetallischem, menschenverachtendem Nihilismus, ehe Niklas die Show ebenso verstörend beendet. Statt Feuer gibt´s diesmal Wasser aus PET-Flaschen, die der Patient mit allerlei Zetermordio zum Umut der Bühnencrew auf den heiligen Brettern zum Bersten bringt. Schrille Show, wahrlich eigene Musik und neben Distillator meine persönliche Entdeckung des Festivals.

alfahanne6alfahanne

Nachdem ich zuvor schon HARMONY DIES und ULTHA aufgrund der Überschneidungen verpasst hatte, nehme ich mir bei FLESHGOD APOCALYPSE eine bewusste Auszeit und verpasse, wie mir bei den letzten Klängen des Sets bewusst wird, einen in Sachen Sound und Show ein wahrhaft einmaliges Schmankerl in Sachen Bombast und Death Metal. Der anschließende Gig von VALLENFYRE ist genauso minimalistisch gehalten, wie das aktuelle Album "Fear Those Who Fear Him". Von Altersmilde keine Spur, so steht der alte Greg seinem Paradise Lost - Kollegen Old Nick um nichts nach und tobt stilecht mit Nietenkutte und blondiertem Igel-Punk über die Bühne und beschwört mit seiner Mannschaft ein wahres Crustpunk meets Todesstahl - Inferno herauf. Wenn es derart an allen Ecken und Enden rumst und scheppert, ist weniger oftmals soviel mehr und das ist verdammt gut so.

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Mit "For The Fallen" haben MEMORIAM eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie mehr sind, als die Summe ihrer namhaften Haupt- und Ex-Bands. Das unterstreichen sie live an diesem Abend in imposanter Manier. Die Herren Whale, Healy, Willets und Fairfax lassen sich von den Songs ihres Debuts und den enthusiastischen Fans durch ihren Set tragen und haben nicht nur deshalb sichtlich Spaß und Freude daran, auf der Bühne zu stehen. Hier scheinen sich vier Freunde gefunden zu haben, von denen man in Zukunft noch sehr viel erwarten kann. Death Metal, bei denen einem das Herz aufgeht als absoluter Höhepunkt des Samstagabends.

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MARDUK beweisen danach, dass sie noch mit viel weniger Licht als Vallenfyre auskommen können aber auch, wenn die schwedische Panzerdivision mit ihrem jüngsten Album "Frontschwein" die Atmosphäre alter Tage wiederentdeckt zu haben scheint. Gegen das, was Memoriam zuvor abgeliefert haben können sie zu fortgeschrittener Stunde nicht mehr anstinken. Zum Runterkommen bieten die Schwarzheimer jedoch mit meinen persönlichen Favoriten "Materialized In Stone", "Wolves" oder auch "Wartheland" beste Unterhaltung.

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Mit den letzten Klängen endet ein langes Musikwochenende und ein Festival, das mit unglaublich viel Leidenschaft und Herzblut vom Chef, über die Crew, die Security bis hin zu den Kuchenbäckerinen und -bäckern organisiert wurde. Mit einem abwechslungsreichen Billing inklusive vieler Formationen, die man eben nicht an jeder Straßenecke zu sehen bekommt, in einer landschaftlich traumhaften Umgebung und einer stets entspannten und gelassenen Atmosphäre bei guter kulinarischer Versorgung wie fairen Preisen. Am Rande eines Gesprächs mit Karl Willets hatte ich am Samstag-Nachmittag kurz Gelegenheit, mich persönlich bei Veranstalter Thomas für die Organisation dieser wunderbaren Veranstaltung zu bedanken. Sichtlich (im positiven Sinne) gezeichnet von den Eindrücken des Wochenendes gab er mir mit auf den Weg, ich möge meine positiven Erlebnisse doch bitte weiter erzählen.

Das mache ich nur allzu gerne.

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Wer also auf der Suche nach einem Festival ist, auf dem die Uhren zwar sehr klassisch aber irgendwie auch ganz anders ticken, der sollte dem IN FLAMMEN OPEN AIR im kommenden Jahr mal eine Chance geben.

Schließen möchte ich jedoch mit eine Splitter, der mir bei meinem Spaziergang am Rande des Festivalgeländes und des Naturschutzgebietes trotz des eindringlichen Apells von Veranstalterseite ziemlich aufgestoßen ist: Müll! Jeder Besucher dieses Open Airs sollte sich klar machen, welches Privileg es ist, eine Veranstaltung dieser Art in einer so reizvollen Umgebung erleben zu dürfen. Doch dieses Privileg setzt sehr viel Akzeptanz und Vertrauen von örtlichen Behörden, (Naturschutz-)Verbänden, Anwohnern bzw. Bewirtschaftern angrenzender Grünlandflächen und nicht zuletzt der Bevölkerung, welche während und vor allem nach dem Festival ein Anrecht auf die Erholungsfunktion der Landschaft hat, voraus. Diese Akzeptanz sollte nicht leichtfertig durch gedankenloses Wegwerfen von Abfällen auf die Natur- und Kulturflächen verspielt werden. Man tritt hier gegebenenfalls die Arbeit von Naturschützern, die sich das ganze Jahr ehrenamtlich mit der gleichen Hingabe, wie wir alle unserer Musik fröhnen, um die Pflege von wertvollen Landschaftsteilen kümmern, mit Füßen oder versetzt so manchen Bewirtschafter in die berechtigte Sorge, Abfälle im Futter seiner Tiere befürchten zu müssen. Gerade in einer Szene, die sich die Verbundenheit mit und den Respekt vor der Natur oftmals sehr plakativ auf die Fahne schreibt, sollte dieses Bewusstsein nicht mit dem Öffnen des dritten Dosenbieres schwinden. Dem Fazit von Veranstalter Thomas Richter nach, handelt es sich glücklicherweise nur um einzelne weniger Bereiche und Ausnahmen aber wer sich diesen Schuh anziehen mag, der tut dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zurecht und hat eigentlich auf dem IN FLAMMEN OPEN AIR nichts zu suchen.

Nun denn, genug der Bergpredigt. Ich sage allen Verantwortlichen und Beteiligten noch einmal DANKE für ein überragendes Wochenende und ein großartiges Festival.

Ich komme im nächsten Jahr gerne wieder! 

Das IN FLAMMEN OPEN AIR 2017 wird vom 12.-14.07.2017 stattfinden und der Vorverkauf startet bereits am 01.09.2017.

 

IN FLAMMEN OPEN AIR 2017 - Aftermovie: