M’era Luna 2008

M’era Luna 2008

Für die Mitglieder des Aero-Clubs Hildesheim dürfte das Treiben auf dem örtlichen Flughafen aus der Luft einem Ameisenhaufen gleichen. Vor 12 Jahren brachte das Zillo erstmals die schwarzen Massen in die Bischofsstadt. Mittlerweile haben sich die Einwohner an den Anblick der düsteren Gestalten, die sich da alljährlich in Steuerwald treffen, gewöhnt.
Wenn man dann noch die Berichterstattung der örtlichen Printmedien in der Wochen zuvor aufmerksam verfolgt hat, ist inzwischen das Gothic Girl oder der Fürst der Finsternis sogar Die Wunsch- Schwiegtertochter bzw. der Wunsch-Schwiegersohn, insbesondere unter den Gewerbetreibenden nahe des Festival-Geländes.


Samstag, 09.08.2008

Ärgerlich; man wacht auf und der Himmel ist strahlend blau. Kann es für lichtscheue Nachtmenschen etwas Schlimmeres geben? Ja, Dauerregen, denn für so ein Festival werden auch mal die düsteren Gedanken über Bord geworfen und man möchte die Lieblingsbands trockenen Fußes erreichen.
Für die Frühaufsteher begann das Festival in diesem Jahr viel versprechend. Zwar geriet die Eröffnungsfeier weniger pompös als die gestrige Eröffnung der Olympischen Spiele, allerdings blieben den Niederländern von Delain auch nur 20 Minuten um den Reigen zünftig zu eröffnen. Diese Zeit nutzte die Truppe um Frontfrau Charlotte Wessels bestens. Die Truppe zeigte sich spielfreudig und konnte eine recht ansehnliche Menschenmenge vor der Hauptbühne versammeln und mit ihrem Gothic-Metal á la Within Temptation und Nightwish auch ordentlich in Wallung bringen. Dies ist aber auch kein Wunder, setze die Band mit großartigen Songs wie „Sleepwalkers Dream“, „Frozen“ oder dem hervorragenden „The Gathering“ doch von Beginn an auf schwere Geschütze. Nach Nach 20 Minuten war die Show dann um 11.20 Uhr bereits Geschichte und die Fans wurden mit „Pristine“ für das frühe Aufstehen belohnt. Delain haben bewiesen, dass sie nicht nur aufgrund ihrer Sängerin sehenswert sind, nein, auch musikalisch kann man mit den Großen des Genres mehr als nur mithalten. Man darf auf ein neues Studioalbum gespannt sein.

Für die Fans der 80er präsentierten sich im spärlich gefüllten Hangar ebenfalls recht früh die legendären Legendary Pink Dots Die letzen Songs wurden dann auch artig von den mitgebrachten Fanclubs gefeiert, mir war die Musik etwas zu bla.
Dann füllte sich der Raum merklich, denn die für Ihre schrillen Auftritte berühmten
Cinema Strange ( nicht zu verwechseln mit den gar gruseligen Cinema Bizzare ) spielten ab 13:10 auf. Und das taten sie dann auch so gut, dass alle, die keine Geduld hatten, den Raum fluchtartig wieder verließen. In den ersten 15 Minuten wurde wieder genügend Platz für die harten Fans oder Schmerzfreien geschafft, um dann mit dem harmonischen Part des Auftritts zu beginnen. Ach ja die Outfits: Neben dem jungen Osama bin Laden am Bass waren auch noch Madonna mit Dutt und Ziegenbart für den außergewöhnlichen Falsett Gesangspart, sowie irgendetwas Buntes mit Gitarre auf der Bühne. Voller Spielfreude und stimmlich in allen erdenklichen Höhen wurden die Dagebliebenen mit einem hörenswerten Konzert zwischen Pop-Punk und Balladen belohnt,
Nachdem ich dann den Hangar zu den ersten und zweiten Klängen eines recht unspektakulären
Christian Death verlassen hatte ( ich sollte den Hangar für diesen Tag nur noch einmal kurz für ein par Klänge von Moonspell von innen sehen können, aber dazu später ) warteten auf der Hauptbühne schon Red Lorry Yellow Lorry um mit sattem Indiesound ein angenehm ruhiges Set zu spielen, das stark an Joy Division erinnerte und einfach nur cool war. Kein Wunder, spielt Chris Reed diesen Sound doch schon seit 1982 auf den Bühnen der Welt. Leider vor m.E. zu wenigen Leuten, aber das sollte sich bei den nun folgenden Elektropoppern Mesh schnell ändern.
So richtig voll wurde es dann bei meinem Tageshighlight, einer der besten Livebands überhaupt.. Die Mannen von
Tanzwut ( Corvus Corax + Elektronik ) verstehen es immer wieder, durch eine rasante Show und das ständige Zusammenspiel mit dem Publikum, die Spannung und den Zauber eines Live-Spektakels perfekt zu inszenieren. Zwischen Elektrosound, Gitarren, div. Tröten, sehr sehr großen Trommeln und Sackpfeifen aller Art, gibt Teufel allerhand Liedgut zum Besten, das die Menge nicht nur zu den Klassikern „ Lügner“ und „Der Wächter“ aus dem Labyrinth der Sinne sondern auch zum .neuen „ Schattenreiter“ toben lässt. Die haben Spaß und die machen Spaß !
Den Grafen von
Unheilig mit gereifter Stimme und großer Bühne habe ich dann fast ganz verpasst, da ich u.a. den weltbesten dänischen Gitarrenspieler und seine norddeutsche Truppe kennen lernen musste. Denn symptomatisch für das ganze Festival war die riesige Menge an entspannten und netten Mitmenschen, die aus allen Teilen Europas gekommen waren, um zu feiern und unabhängig von Outfit und Alter zusammen Spaß zu haben. Hört sich abgedroschen an, ist in dieser Form aber recht ungewöhnlich, da hier schon lang nicht mehr eine homogene Gruftiegemeinde tagt, sondern ein buntes Volk zwischen Cybergoth, Elektros, „Normalos“ und div. anderen Stilrichtungen zugegen ist. Besonders auffällig waren diesmal noch die in die Jahre gekommenen Fans, kein Wunder stehen die anwesenden Bands auch schon mal über ein Viertel Jahrhundert auf der Bühne.
Nach einem netten Treffen mit der lokalen Radio-Legende Ecki Stieg, konnte ich dann noch die Schmetterlingsexperten von
ASP genießen, die nach div. Hits a la „Ich bin ein wahrer Satan“ natürlich auch das charismatische „Ich will brennen“ brachten und mir damit ein zufriedenes Grinsen aufs Gesicht zauberten. Live sind die Gothrocker um Frontmann Asp immer wieder ein Erlebnis, es wird immer authentisch und immer fürs bzw. mit dem Publikum gespielt.
Mit Ronan Harris (electronics, lyrics, vocals) und Mark Jackson (drums) alias
VNV Nation betrat dann eines der erfolgreichsten Elektroprojekte die Bühne. Nach den ersten gewohnt perfekt arrangierten Liedern und dem immer höflichst mit dem Publikum agierenden Ronan ( kannte ich von den div. zuvor besuchten Konzerten des Duos her bestens ) entschloss ich mich dann fatalerweise für den Gang in den Hangar, um die mir live unbekannte Metal Fraktion anzutun. Mein dortiges Erlebnis dann nach dem Fachkommentar des Metalprofis Mighty T.

Der Samstag bot für den Freund des düsteren Metals ja doch die ein oder andere potentiell sehenswerte Band. So etwa Epica. Für die Niederländer war es nicht der erste Auftritt auf dem Mera Luna, doch dieses Mal spielte die Band zu abendlicher Stunde im Hanger auf. Wie gewohnt enterte Sängerin Simone Simons die Bühne in enger Lederkluft, was mich irgendwie gerade an die Jugendjahre des Kollegen Ossowski erinnert. Bedenklich!
Mit ihrer Mischung aus klassisch geprägtem Symphonic Metal konnte die Kapelle durchaus eine ansehnliche Metal- und Gothicmasse vor die Bühne locken und man muss bescheinigen, dass die Damen und Herren ein ordentliches Brett gefahren haben. Ich war ganz überrascht, weil ich die Band gar nicht so hart in Erinnerung hatte. Mir haben zwar Delain besser gefallen, aber Epica waren definitiv härter und dies wurde von den anwesenden Fans auch dankbar aufgenommen.
Im Hanger ging es dann mit dem „Gift Gottes“, Samael weiter. ich hatte die Schweizer das letzte mal in den 90igern gesehen, da war gerade ihr Hammeralbum „Ceremony of Opposites“ erschienen und sie haben die Hamburger Docks im Rahmen der Full of Hate Festivals ramponiert. Nach der „Passage“ hatte ich dann das Interesse an der Band verloren und war daher gespannt, wie sie sich hier in Hildesheim präsentieren würden. Klar, sie kamen in Schwarz auf die Bühne und von der ersten Sekunde war klar: sie haben den Hammer mitgebracht und würden ihn auch rotieren lassen. Xy sprang hinter den Keys/Drums rum, als hätte man ihn mit an die Starkstromleitung gelegt. Vorph schrie sich die Seele aus dem Leib und die Gitarren-Rhythmus Sektion drückte die Fans mit einer brachialen Soundwand regelrecht zu Boden. Hut ab, hätte ich den Jungs nicht zugetraut. Der massive Gitarren- und Drumsound der Kapelle trug deutliche Industrialanzeichen und erinnerte fast hier und dort an die nackenbrechende Kraft von Ministry. Klar, dass mein Favorit an diesem Abend natürlich das kraftstrotzende „Baphomet’s Throne“ war.
Sehr zu meiner Überraschung muss ich den Schweizern attestieren, dass sie sich viel ihrer Härte der frühen Tage durch ihre experimentelleren Phasen hindurch gerettet haben und dass sie durchaus einen Konzertbesuch wert sind. Auch wenn natürlich Nichts die Coolness des ehemaligen Keyboarders Rodolphe H. ersetzen kann.
Mit Moonspell verbinde ich vor allem die T-Shirt Kollektion unseres Häuptlings Hübner und die Reise zur „Wolfheart“ CD Release Party nach Dortmund, wo der Kollege Stoffregen weniger die Band als nur das kalte Buffet zu Gesicht bekam und dieses auch vernichtete. Zwar hab ich die Scheiben der Band im Schrank stehen, so richtig interessiert hat mich aber vielleicht noch „Irreligious“, danach wurden mir die düsteren Herren Portugal zu langweilig. Umso interessanter, sie nach mehr als 10 Jahren mal wieder auf der Bühne zu sehen. Fernando Ribeiro und seine Düsterjungs verbreiteten sofort ihre dunkele Aura im Hanger und zogen die hungrige Meute vor der Bühne schnell in ihren Bann. Der Gothic-Metal der Portugiesen profitierte vom druckvollen Sound und der düsteren Art ihres Frontmannes, so dass die Fans wohl zufrieden gewesen sein dürften.
Ich hatte den ganzen Abend auf die Begründer des Gothic Metal gewartet: Paradise Lost. Die Briten haben auf den letzten Scheiben zwar wieder eine deutlich härtere Gangart eingeschlagen, die Klasse von Platten wie „Gothic“, „Shades of God“ oder „Icon“ nie wieder erreicht. Nachdem ich nach der „One Second“ Tour von Konzertbesuchen der Briten abstand genommen hatte, war ich auf die heutige Show wirklich gespannt und sicherte mir einen Platz in den vorderen Reihen.
Die Haarpracht von Holmes und Mackintosh erinnert ja fast wieder an alte Tage, Basser Steve Edmondson hat dafür gar keine Bühnenpräsenz mehr und Gitarrist Aaron Aedy bangt wie in seiner Jugend, nur ohne Haare. Die Band schrubbte sich zu später Stunde durch einige Songs neueren Datums und schnell wurde klar: Nick Holmes hatte entweder keinen Bock oder er kann es einfach nicht mehr. Das es keine Death Metal Growls geben würde war zu erwarten, aber eine derart gelangweilte und ausdruckslose Intonation hatte ich dann doch nicht erwartet. Wo auf der Icons Tour noch ein boshaftes, raues Kratzen in der Stimme war, hörte man jetzt kraftlose Töne, die nach 20Litern Kuschelweich klangen. Was für eine Enttäuschung. Dann kam mit „As I Die“ endlich ein Song der guten alten Zeit. Von der Stimme abgesehen brachten die Briten den Klassiker auch gut rüber und die Fans bangten gebührend. Es folgten Songs wie „Erased“ (langweilig) oder das kraftlose „One Second“. Erst „Embers Fire“ konnte mich wieder etwas versöhnen. „Never For The Damned“ oder „Sweetness“ braucht kein Mensch und „The Last Time“ war zwar okay, aber da hätte man doch auch „Pitty The Sadness“ oder „Mortals watch the day“ oder „Remembrance“ oder wenigstens „True Belief“ spielen können. Das „Gothic“ und vor allem „Eternal“ im Programm fehlten, muss ich wohl nicht mehr extra sagen.
Paradise Lost waren für mich DIE Enttäuschung des Festivals. Eine schwache Playlist wurde getoppt von einer ganz schwachen gesanglichen Leistung eines unmotiviert und abgebrüht wirkenden Nick Holmes. Insgesamt wirkte die Band zu statisch, programmiert und Basser Steve war es offenbar selber so langweilig, dass er immer in den Songs zum trinken ging.
So und ich stand währenddessen draußen, denn leider war der Weg in den Hangar nicht mehr möglich. Eine riesige Menschenmenge stand bereits vor dem Eingang und es bewegte sich mal wieder nichts. Nur ein nettes Gothic Girl schien irgendwie rausgekommen zu sein und erklärte mir am nächsten Bierstand die Lage der drinnen gut hörbar aufspielenden Paradise Lost wie folgt:
" Ich hatte von Leuten gehört, dass die sich nach einem Konzert von P.L. in den Kopf schießen wollten. Ich glaube die Wirkung ist inzwischen verpufft, die Zeit ist wohl schon lange vorbei. " Dem hatte ich dann nichts mehr hinzuzufügen.
Sauer wegen der verschenkten Zeit und dem wie immer nicht ausreichend gelösten Problem mit dem Hangar-Ein/Ausgang ( Am Sonntag wurde dann reagiert und zumindest eine Absperrung vor den Dixis für Pipivögel und alle, die während des Konzertes rauswollten aufgestellt) habe ich dann auch noch den fulminanten Opener einer EBM Legende und DEM Vorbild einer ganzen Musikergeneration verpasst. Muss wohl gigantisch gewesen sein, was
Front 242 vor der riesigen Videoleinwand abgezogen haben. Die Lightshow auf dem inzwischen dunklen Gelände war jedenfalls gigantisch, alle die nicht im Hangar feststeckten, waren vor der Hauptbühne. Kurz, es war voll ! Pünktlich zum all times´ best „Headhunter“ feierte die Menge ausgiebig. Nach allen Hits und über einer Stunde war das Ganze für diesen Tag dann vorbei. Seltsam nur, dass niemand die obligatorische Zugabe verlangte, lag vielleicht an der Performance, die in geschlossenen Räumen noch besser, sprich konzentrierter und härter rüberkommt.
Nun musste natürlich noch die Aftershow-Disko inspiziert werden, aber nicht ohne mir vorher an der Cocktailbar vor der Hauptbühne die wohl schlechteste Caipirinha und einen genauso ungenießbaren aber wenigstens auch teuren Cuba Libre aufdrängen zu lassen. Was ne Verschwendung, Sorry, Ralph fürs Wegschütten ! Auf dem Weg in den Diskohangar noch schnell eine nette junge Dame zum Mitkommen überredet, ( Aloha Carmen aus Kassel, ICH war Sonntag 15:00 am Gummibärenstand ! ) ne Runde abgetanzt und dann ab nach Hause.


Sonntag, 10.08.2008

Nachdem Kollege Zwingelberg (übler Hexer) am Vortag den Regen ja geradezu heraufbeschworen hatte, war’s dann endlich auch so weit: Pünktlich mit Betreten des Geländes am frühen Morgen ( ca. 12:00 bereits inkl. einem Gehbier vom Stand an der Zufahrtsstraße ) hatten die Wolken genug Wasser angesammelt, um uns schlagartig im Überfluss daran teilhaben zu lassen. Die Flucht in den zufällig hinterm Eingang stehenden Merchandise-Stand war nur kurzfristig, denn meine plötzlich aus Zucker bestehenden Begleiter, Gruß an Werner und Ralf, jammerten nach einem Schirm, um die letzten 100 Meter zur Hauptbühne lebend zu bewältigen. Einen kurzen Sprint an den gegenüberliegenden Verkaufswagen und ein wirklich blauäugiges „ Einen Regenschirm, bitte“ später wurde ich hellwach, denn die Verkäuferin erklärte mir, dass mein Wunsch nicht so lapidar zu erledigen sei: „Welche Größe, welche Farbe, welche Aufschrift, wir haben 852 verschiedene Modelle“ wurde mir entgegengeworfen, mein klägliches „Sch...egal was drauf steht, Hauptsache schnell weil’s regnet“ wurde erst nach nochmaliger Klärung der Aufschrift akzeptiert und dann endlich war ich um einem lustigen „ Regen macht naß“ ( ja mit ß ) 3Mann Schirm reicher und um satte 20 EURO ärmer.
Aber es sollte sich lohnen, denn mit
The Other wartete schon gleich die erste positive Überraschung des Tages auf uns. Horrorpunk aus Deutschland, gut und kraftvoll vor nur einer Handvoll Leute ins inzwischen nasse Publikum vor der Hauptbühne gespielt. Grad auch die Psychobillyklänge sorgen für den eigenständigen Sound, die „ Ghoul“ Tage als Misfits-Cover-Band sind definitiv vorbei. Klasse Truppe um Sänger Rod Usher, die natürlich auch optisch mit fies geschminkten Gesichtern voll im Thema ist. Zum Abschluss des Gigs kündigte Rod gleich die nächste „klasse Band“ an und er sollte völlig Recht behalten:
Mit
Blitzkid enterten die nächsten Horrorpunks, diesmal aus den Staaten, die Bühne und die wollten keine Gefangenen machen. Das natürlich auch morbid geschminkte Trio bestehend aus Argyle Goolsby (Bass), TB Monstrosity (Gitarre) und Rhea M.( Drums) peitschte auf die nun schon heftig tobende (inzwischen etwas größere) Menge ein, als würden Sie im Akkord bezahlt. *An dieser Stelle noch einmal schöne Grüße an die 3 Gothikpogoschl...., die mit Ihrer Performance an den großen Pfützen dafür gesorgt haben, dass wirklich jeder ( auch die Weicheier unter den Schirmen ) gleichmäßig nass wurde. (Mistkröten aber hübsch) Songs wie „She Dominates“ oder dem anfangs sanft durch TB angestimmten „Love Like Blood“ lassen erahnen, das Sie den Urvätern mindestens ebenbürtig sind. Das Wechseln des Gesangsparts bringt weitere Dynamik in die Show, die teilweise knochenbiegenden und -brechenden Einlagen am Bass sowieso. Nach viel zu kurzen 40 Minuten wurde dann zur großen Freude des Publikums noch eine alte Gitarre zertrümmert, wobei das Ritzen mit den Resten sicherlich fiese echte Wunden am Körper von Argyle hinterließ. Hört sich bisschen krank an, war aber ganz passend zum sonstigen Gebaren. Die zweite sehr positive Überraschung. Tipp für den Bassmann: Einfach gleich am Anfang die Gitarre zerschlagen und das Schminken von Beginn an durch echtes Blut ersetzen.
Anschließend noch schnell das neue Mittelalterdorf besucht, den ein oder anderen Festivalveteranen getroffen und dann ab für den Rest des Tages in den Hangar, denn hier kündigten sich die Härtesten der Elektro-Gilde an.
Die Münchner
Eisbrecher waren die ersten im Reigen. Die seit ca. 2002 im Stil der „Neuen deutschen Härte“ agierende Combo ist bekannt für Ihre martialische Wirkung in Text und Sound, Vergleiche mit Rammstein liegen da nahe. Der stimmgewaltige Kapitän Alexx Wesselsky, anfangs noch in schmucker, vollständiger Marineuniform mit Schiffchen, wurde von Beginn an gefeiert, um dann später zum Ausziehen aufgefordert zu werden ( ja es war auch reichlich Weibsvolk anwesend ) Mit dunkler Stimme wurden Stücke wie „ Kann denn Liebe Sünde sein“ oder die „Schwarze Witwe“ geboten und das Publikum nahm die Geschenke dankbar an. Viel Druck und eben die maximale Härte eines quasi Industrial – Rock Acts hinterließen ein gutes Gefühl und die Lust auf mehr.
Dann gab´s richtig was auf die Ohren:
Combichrist schickten sich an, den Anwesenden das Hirn durchzuspülen. Unterstützt vom immer gern gesehenen Schlagzeug und den Mannen an den Reglern feuerte Frontmann Andy La Plegua reichlich Elektrosalven aufs Publikum, die Basswellen drückten entsprechend erfolgreich die Restluft aus den Lungen. Der von Andy als autobiographisch angekündigte Titel „Elektrohead“ beschreibt zusammen mit „This shit will fuck you up“ den Auftritt ganz gut, allerdings scheint er auch privat zu keinerlei Kompromissen bereit, denn eigentlich fehlte nur noch der 2004er Hit „Sex, Drogen and Industrial“, um das eigene Weltbild rund um das Thema Medienterror und Dekadenz zu vervollständigen.
Eins noch zu Thema Terror: Ich stand zusammen mit Freunden, ein paar klasse Elektros aus Ludwigsburg ( Sorry Manuel und Co. für die div. Österreich-Sprüche) und reichlich anderen Konzerterprobten meist ziemlich weit hinten. Es war trotz Gehörschutz, auch für Hangarverhältnisse, tierisch laut = siehe Thema Luft und Lungen oben. Trotzdem schob sich zu unser aller Entsetzen ein junger Vater mit der ca. 6 jährigen Tochter auf den Schultern in Richtung Bühne an uns vorbei. Was soll das ? Liebe Leute, die Kleinen sind noch so empfindlich, da müssen, trotz Watte in den Ohren, Schäden bleiben ! Ich weiß, dass es rechtlich schwierig ist, aber da sollte die ansonsten doch auch gute und professionelle Security schnell reagieren und den Zutritt von Kindern in den Hangar verhindern bzw. sie inkl. der Eltern wieder rausziehen.
Nächstes Highhlight: Die Mexikaner
Hocico bestehend aus Erk Aicrag (Texte, Gesang) und Racso Agroyam (Programmierung) waren zu Beginn noch nicht am Set. Zwei wohl aztekische Paradiesvogelkrieger, unterstützt von einem Bongotrommler und sphärischen Synthieklängen, kündeten mit einer sich von ruhig nach schrill steigernden Performance von der Ankunft der beiden. ( konnte nicht richtig erkennen wer die Bongos gespielt hat, war ziemlich neblig auf der Bühne) Dann ging´s ohne weitere Verzögerungen zur Sache: Aggressiver EBM in, im Vergleich zur Vorband, deutlich besserer Hörqualität. Unzählige Hits, des bereits seit 1993 aufspielenden Duos wurden gebracht, natürlich auch die der aktuellen CD „ Memorias Atras“. Immer aggressiv und immer voller Energie brüllte Erk, unterstützt von den GoGo Kriegern, die abwechselnd englischen und spanischen Texte in den vollständig gefüllten Hangar. Runde Sache, gern wieder!

Während draußen auf der Hauptbühne so große Bands wie
Apoptygma Berzerk oder die New Model Army eine klasse Vorstellung gaben und die Fields of the Nephilim schon den nötigen Nebel für das Abschlusskonzert anrührten, wartete die Halle nur noch auf den heimlichen Headliner des Tages. Viel zu lange hatte man auf die Reunion von Gabi Delgardo Lopez und Robert Görl alias DAF warten müssen, daher waren die Erwartungen und Hoffnungen entsprechend groß. Auch wenn die Akteure nach den aktuellen Ankündigungen die Kultur unseres Landes ablehnen, die Festivalkultur des Mera Luna als letzter Hangar Act des Festivals das beste Konzert zu spielen, sollte aufrechterhalten werden. Der Bühnenaufbau wie immer, ein Schlagzeug, eine Maschine und sonst nichts, Robert startet die Maschinen, rennt ( von mir unbemerkt, weil direkt vor der Bühne und auf den das Publikum beruhigenden Gabi fixiert) ans Schlagzeug und mit „Verschwende deine Jugend“ wird als Opener gleich einer der besten Songs überhaupt gespielt. Das zwischen hysterisch und überglücklich reagierende Publikum bedankt sich umgehend mit einem Massenpogo für Erwachsene, der ein oder andere Herr scheint wohl lange drauf gewartet zu haben. Während es also unten hart aber fair zur Sache geht, wird auf der Bühne ein Best of Set vom Feinsten geboten. Angefeuert von reichlich Gabi Rufen zwischen den Liedern, werden neben „Kebap Träume“ und „Als wärs das letzte Mal“ auch die ultimativen Tanzlokal-Räumer „Muskel“ und natürlich der „Mussolini“ gespielt. Erstaunlich die nahezu unverändert gebliebene Ausstrahlung des Duos und die Authentizität. Inzwischen sind beide deutlich über 50 und immerhin seit 30 Jahren auf der Bühne. Klasse, wie Gabi den „Mussolini“ zwischendurch mal erstaunlich zärtlich ironisch besingt, um im nächsten Augenblick wieder gewohnt aggressiv in die Menge zu brüllen. Mir bleibt nur noch ein letzter Kommentar zu den Pionieren des Minimalismus: Respekt, Zufriedenheit und ich hab schon eine Karte für das Konzert am 08.01.2009 im Capitol . Eine Bühne ohne Schmücke, ein Schlagzeug, ein analoger Synthie, Gabi und Robert, mehr braucht es nicht. DAF pur d.h. vollelektronischer Punk ohne Schnörkel ( trotz Schlagzeug ). Danke und bis zum nächsten Jahr.