M'era Luna 2014

M'era Luna 2014

Zumindest einmal im Jahr kann sich Hildesheim wirklich als Großstadt fühlen, geradezu als kosmopolitische Metropole, und zwar immer dann, wenn Zehntausende von Gothic-Jüngern, Dark-and-Wave-Anhänger, Mittelalter-Rock-Fans, EBM-Fetichisten und Freunde des gepflegten melodischen Metal zum M'ERA-LUNA-Festival pilgern, um ein Wochenende im August zusammen in friedlich-toleranter Atmosphäre ihre Lebensart, ihren Lebenstil und ihre Musik zu feiern. Dieses Jahr konnte sogar vermeldet werden, dass das M'ERA LUNA ausverkauft war.

Ob das einzig und allein an dem Grusel- und Skandal-Rocker MARILYN MANSON gelegen hat, wie einige Hildesheimer Publikationen vermeldeten, liegt im Bereich des Möglichen, plausibler erscheint allerdings, dass sich das gleichbleibend hohe Niveau des Line-ups weiter herumgesprochen hat. Denn Acts wie PARADISE LOST, SUBWAY TO SALLY, ASP VON DEN ZAUBERBRÜDERN, DEINE LAKAIEN, LETZTE INSTANZ, IN EXTREMO oder WITHIN TEMPTATION sind in dieser Zusammenstellung in Deutschland, wenn nicht sogar in ganz Europa, einzigartig.

Das gilt auch für die vielen Festivalbesucher, für die das M'ERA LUNA eines der Highlights des Jahres ist und die sich daher auch besondere Mühe bei der Gestaltung des Outfits geben. So viele außergewöhnlich und so viele ungewöhnlich angezogene, kostümierte und gestylte Individuen sorgen für eine unglaubliche Vielfältigkeit und Einzigartigkeit, aber auch für eine innere Verbundenheit, zum Ausdruck gebracht durch die (fast) alle einigende Farbe Schwarz. Ungewöhnlich und überaus lobenswert ist zudem, dass hier auf dem M'ERA LUNA generationenübergreifend gefeiert wird. Von Jungendwahn keine Spur. Da wird man dann auch nicht schief angeschaut, wenn man das dreißigste oder vierzigste Lebensjahr überschritten hat.

 

Aber auch das Festivalgelände ist mit sehr viel liebe abwechslungsreich gestaltet worden. Da wäre zum einen der Mittelaltermarkt, der einen nicht nur kulinarisch in eine andere Welt entführte, sondern auch die anderen kommerziellen Stände, bei denen man von Merchendise-Artikeln über Schmuck bis hin zu Mode so ziemlich alles kaufen konnte, was das M'ERA-LUNA-Herz begehrte.

Ein besonderer Clou für unsere Smartphone-dominierte Welt war zudem der Stand mit den Ersatzakkus. Denn man stelle sich nur vor, es spielt die Lieblingsband und man kann mit seinem Telefon kein Foto mehr machen, weil der Saft alle ist. Gruselige Vorstellung. Des Weiteren war auch die Festival-Post eine herausragende Idee. Warum nicht einmal seinen Lieben zu Hause oder denen, die aus welchen fadenscheinigen Gründen auch immer nicht mit nach Hildesheim konnten, einen old-schooligen, technisch-mittelalterlich, weil analogen sowie postalischen Gruß senden. Also wir haben es gemacht. Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich nicht die vielen fleißigen Helfer an den vielen Ständen, die für unser leibliches Wohl gesorgt haben, sei es in fester oder flüssiger Form.

Von den Konzerten her haben mir PARADISE LOST, DEINE LAKAIEN, IN EXTREMO und LETZTE INSTANZ am besten gefallen. Von der ersten Band habe ich es nicht anders erwartet, die anderen drei haben mir und dem tolerantesten Musikfreund unter dem Himmelszelt, dem Kollegen Zwingelberg, die Ohren, die Augen und die Herzen für die Schönheiten und Feinheiten der entsprechenden Musikgenres geöffnet. (KL)

Der Kollege Lison spricht großes Wort gelassen aus, aber tatsächlich zeigte sich auch 2014 mal wieder, dass die schwarze Szene durchaus Hörenswertes zu bieten hat. Noch 1995 gab uns DEINE LAKAIEN Sänger Alexander Veljanov im Interview zu Protokoll, dass seine Musik zwar nicht unbedingt zu Sonnenschein passe, er aber trotzdem auch mal grinsen dürfe. Nun, ob er gegrinst hat, konnten wir aus der Entfernung nicht erkennen, aber die Sonne verdrängte auf jeden Fall die Regenwolken, als die Truppe die Bühne betrat. Ob nun mit Klassikern wie „Fighting the Green“, „Into my arms“ und „Overpaid“ oder mit neueren Songs wie „Over and Done“, „Dark Star“  und Material des neuen Albums „Crystal Palace“, DEINE LAKAIEN erspielten sich eine dunkle Seele nach der anderen. Ganz klar eine der besten Bands des Festivals. (TZ)

Mittelalter muss man eben mögen. In musikalischer Hinsicht gab es jedenfalls jede Menge Auswahl in diesem Jahr: ob FAUN, SUBWAY TO SALLY, FEUERSCHWANZ, LETZTE INSTANZ oder IN EXTREMO, das Tanzbein durfte geschwungen werden. Tolerant wie ich nun mal bin, behaupte ich gerne, dass diese Kapelle im Grunde alle ähnlich klingen würden. Der direkte Vergleich auf der MERA LUNA Bühne belehrte mich jedoch eines Besseren. Letztlich machten doch „IN EXTREMO“ das Rennen, da ihre Hitdichte mit Songs wie „Feuertaufe“ vom aktuellen Album „Kunstraub“ oder natürlich „Vollmond“ doch recht hoch ist. Diese Meinung teilten auch die Fans: Neben uns tanzten sowohl eine Dame im schneeweißen Barockkleid, als auch diverse halbnackte, blutbespritzte Damen, die lediglich für einige PoPo-Bilder innhielten. Und der Kamerad in Wehrmachtsuniform mit Gasmaske dürfte im Dixiklo ebenfalls mitgetanzt haben. Fraglich blieb allerdings, ob der ein oder andere Kamerad in Uniform tatsächlich ein EBM Jünger war oder nicht doch ein Relikt aus Fliegerhorst-Zeiten, der die stampfenden Rhythmen für einen russischen Sturmangriff hielt und daher dienstbeflissen aus den Kellern der alten Gebäude gekrochen war. (TZ)

 

Enttäuscht war ich allerdings von dem mehr als launischen Auftritt von dem bleichgeschminkten MARILYN MANSON. Erst einmal klingen die industrial-metallischen Songs, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für mich alle ähnlich. Das immer gleiche und eintönige Gesinge macht es dann auch nicht besser. Zum anderen sollte man sich als hochprofessioneller Rockstar nicht von ein paar technischen Problemen dermaßen aus dem Konzept und der Ruhe bringen lassen, dass man dann beleidigt wie eine Diva die Mikroständer umwirft oder das Mikro in die Ecke pfeffert. Aber vielen scheint das auch gefallen zu haben. Geschmackssache eben. (KL)

Nun, möglicherweise hätte in dieser Situation ein Erdnussriegel Linderung verschaffen können. Doch wer hat den schon zur Hand, wenn es Spannungen gibt. Meiner Wenigkeit hat der Auftritt des amerikanischen Schockrockers durchaus gefallen, klang die Mucke für mich live doch deutlich weniger eintönig als dies mitunter auf CD der Fall ist. Und immerhin schlug sich die Begeisterung für das bleiche Rockphänomen bis in die Küchen der Hildesheimer Gastronomie durch, wie wir am Sonntag in einem Anflug investigativen Journalismuses herausfinden konnten: „Der Mann ist total irre – aber ich liebe irre Menschen!“ Was würde also besser auf das MERA LUNA Festival passen, als MARILYN MANSON, dort, wo das Anormale zur Normalität wird und das Latexkleid auch dann nicht abgelegt wird, wenn die Sonne es direkt auf die Haut zu brennen droht.

Zwar scheint mir die Mischung der Kleidungsstile in den letzten 15 Jahren durchaus ungezwungener geworden zu sein, so dass neben ausgetüftelten Kostümen, Lack und Latex, Mumienkleidung und alten Wehrmachtsröcken auch das schlichte schwarze T-Shirt mittlerweile Akzeptanz gefunden hat. Wem das jedoch nicht reicht, der bekam auf der FASHION SHOW gelungene Ein- und Anblicke und konnte später im großen Marktzelt gleich die entsprechenden Händler aufsuchen, um sich je nach Neigung passend einzukleiden. Für den Kollegen Lison habe ich bereits die ein oder andere Maßanfertigung bestellt, so dass wir für die Zukunft gerüstet sind. Ich denke mal, dass wir den THE CURE Fan der ersten Stunde 2015 im knackigen Napoleon-Latex-Outfit begrüßen dürfen. Es bleibt also spannend… (TZ)  

Fazit: M'ERA LUNA 2015: WIR KOMMEN!