Metal Invasion 2007

  • Datum: 9. bis 10. November 2007
  • Ort: Passau
  • Besucher: 1000

TAG 1

Es ist ein widerlich kalter 9. November. Wer zu Hause bleiben kann, bleibt auch zu Hause, trinkt sein Käffchen und träumt vom nächsten Festival-sommer, während draußen eisig kalte Winde den Widerhall dumpfer Riffs zu mir herübertragen. Moment mal? Metal-Riffs? In Passau? Im hinterletz-ten Winkel Deutschlands?

Ja, richtig gehört. Denn zum 9. und 10. November lud dieses Jahr zum ersten Mal die Metal Invasion Passau in die X-Point-Halle, um eindrucksvoll zu zeigen, dass selbst das äußerste Niederbayern metaltechnisch noch nicht ganz tot ist. Um 16 Uhr war die Halle schon ausstaffiert mit ein paar kleinen Metalmarkt-Ständen, die T-Shirts, CDs, Schmuck oder Airbrush-Tattoos unter ein noch recht spärliches Publikum zu bringen hofften. Wer mochte, konnte sich so noch ein wenig die Zeit vertreiben, während man auf die erste Band wartete.

Die allerdings ließ leider noch auf sich warten. Denn kaum, dass der Auftritt heran war, kam mit großen Getöse ein Teil der Bühnenaufbauten herunter! Ein unglücklicher Start für ein eigentlich verheißungsvolles Festival. So hieß es eben noch eine Weile: Bierchen und Metalmarkt. Aller Anfang ist eben schwer, und so verzieh man die kleine Verzögerung mit einem Augenzwinkern. ;-)

Lange dauerte es auch nicht. Denn um sechzehn Uhr dreißig stand die Bühne schon wieder - Vorhang auf für Scared to Death! Der Thrash-Dreier aus dem nahen Teisnach hatte von allen Bands mitunter die kürzeste Anfahrt, aber auch gleich den schwierigsten Job zu erledigen: Denn nach dem Bühnen-Debakel hatte offenbar niemand damit gerechnet, dass es nun doch losgehe. Ergo fanden sich gerade einmal 20 bis 30 müde Figuren vor der Bühne ein, als die Band loslegte. Während sich die Drei ordentlich ins Zeug legten, blieb das dünne Publikum überwiegend am Sound-Mischer stehen und ließ einen riesigen Graben zwischen sich und der Band.

Dabei war das, was Scared to Death da vom Stapel ließen, außerordent-lich spaßig! Denn für die halbe Stunde, die sie hatten, boten die Bandmitglieder ein kleines Feuerwerk zwischen melodischem bis teuflisch taktwechselndem Thrash und Titelansagen in krudem Bavaro-Englisch ("Und jetzt kommt: ‚Hies Lähst Wöhds!'"). Insofern war es recht schade, dass sich nur einige Wenige dazu hinreißen ließen, zu den Liedern des gerade erschienenen Debüt-Albums "Your Pain Is My Passion" die Mähne zu schwingen.

Ganz anders schon bei der nächsten Band. Denn während der Umbau- und Soundcheckarbeiten drängten nun mehr und mehr Besucher in die Halle, so dass etwa 150-200 zusahen, wie Seasons in Black zu den epischen Klängen von Orffs "Carmina Burana" die Bühne enterten. Schon die ersten Töne reichten aus, um den zuvor so störenden "Graben" zwischen Band und Publikum mit kreisenden Matten zu füllen. Denn offen-bar kam der groovige Dark/Death Metal (Marke: Dark Tranquillity) bestens an. Einziges Ärgernis blieb jedoch der Sound, welcher bis zum Schluss matschig und undifferenziert blieb und die (eigentlich recht domi-nanten!) Keys fast total verschluckte. Vielleicht verließ Keyboarder Maxx auch deswegen beim sechsten Lied kurz seine Tasten, bis man soundtech-nisch nachgebessert hatte; die Grunts, die er statt dessen beisteuerte, waren jedoch umso besser zu hören.

Probleme hin, Probleme her, Seasons in Black boten eine saftige Show. Von Anfang bis Ende um Animation und Stimmung bemüht heizte man dem Publikum ein, bis die Leute auf der Bühne standen und mithüpften. Und dass Sänger Luck seinen Bierbecher zum Trinken an die ersten Reihen weitergab, trug sicher noch einiges mehr zur guten Stimmung bei :-P Nach einer guten Dreiviertelstunde händigten Seasons in Black sichtlich zufrieden ein gut aufgewärmtes Publikum an die nächste Band aus.

Daraus sollte vorerst nichts werden. Denn kaum hatten SiB den Laden einigermaßen auf Touren gebracht, krachte erneut die Bühne herunter, sobald die Band sie verlassen hatte. Die daraus folgende Verzögerung sorgte nicht ohne Grund für Unmut unter den Anwesenden.

So betraten Sworn erst mit deutlicher Verzögerung die Bühne. Doch selbst dann konnten die fünf Norweger nicht wirklich begeistern. Obwohl sich Sworn melodischen Black Metal auf die Fahnen geschrieben haben, blieb de facto eher ein Death'n'Roll-Gemisch übrig, das ebenso langweilig und kahl wirkte, wie die Glatze von Sänger Lars Jensen (bis vor Kurzem musste der doch noch lange Haare getragen haben ... wo sind die hin?). Entsprechend lahm reagierte auch das Publikum auf die noch sehr junge Band, deren Mitglieder allesamt Anfang 20 sind. Ohne groß Furore veranstaltet zu haben mussten Sworn abtreten.

Denn im Backstage saßen schon Wolfchant in den Startlöchern. Da praktisch alle Mitglieder die Festivalorga im Bühnenbereich übernah-men, durfte die Band quasi als "Hausband" des Festivals gelten. Dementsprechend waren schon viele Wolfchant-Shirts unter's Publikum gejubelt worden, deren Aufdrucke bereits vorwegnahmen, was es nun auf die Ohren geben sollte: "Epic Pagan Metal from Bavaria", welchem Wolfchant nun ihre eigene, recht melodische Note hinzufügten. Umso ärgerlicher die Tatsache, dass erneut nicht gescheit am Mischpult gearbeitet wurde. Besonders zu Anfangs spuckte die P.A. einen zähen Soundbrei aus, der die vielen musikalischen Feinheiten zerstörte, welche Wolfchant normalerweise auszeichnen.

Dem Publikum machte das glücklicherweise nichts aus, und so erzielten Wolfchant mit verhältnismäßig wenig Aufwand verhältnismäßig viel Effekt: Zwischen 300 und 400 Leuten feierten die Band mit bester Mitarbeit und "Skol"-Rufen in den Bierpausen ab. Und selbst, wenn Wolfchant mich auf Grund der genannten Probleme nicht so mitreißen konnten, gab es am Schluss sicher keinen Anlass für die Band, unzufrieden zu einem Kühlen ins Backstage zu verschwinden.

Die mittlerweile angesammelten Verzögerungen schlugen nun immer heftiger zu Buche: Statt der angekündigten 20:20 Uhr war es schon 21:40 Uhr, bis die nächste Band auftreten konnte. Daran machte der schier endlose Drumcheck, der nun folgte, auch nicht viel besser. Erst nach einer halben Ewigkeit konnten mit Rebellion die ersten Headliner die Bühne betreten. Die Nachfolgeband von Uwe Lullis und Tomi Göttlich (beide bis 2000/1997 bei Gravedigger am Frickeln), bot neben recht modernem Heavy / Power Metal auch die erste Frau des Festivals auf der Bühne - wie mein Nachbar witzelte, "das Beste an der ganzen Band". Ganz gerecht wurde diese Bewertung Rebellion jedoch nicht: Das souveräne und freundliche Auftreten der Band schlug recht schnell beim Publikum an, und so waren schon beim ersten Lied die Matten am Kreiseln. Während Sänger Michael Seifert mit einer exzellenten Live-Stimme zu überzeugen wusste und alle Nummern mitreißend intonierte, schien auch der Bassist der Band sich nach einem Mikro zu sehnen, sang er den doch Lippenbewegungen nach jedes einzelne Lied mit. Innerhalb der gegebenen Zeit führte die Band das Publikum quer durch die eigene Diskographie, und ließ das Konzert mit "Disdaining Fortune" vom allerersten Album ausklingen.

So, und jetzt das Kontrastprogramm! Denn ganze zwei Stunden hinter dem Zeitplan traten um 0 Uhr Debauchery auf. Die Band hatte sich das Motto ihres jüngsten Albums "Back in Blood" gründlich auf den Leib geschmiert und rückte in einer Montur an, als komme sie gerade von einem wohltuenden (Kunst-)Blutbad. Als Bandchef Thomas die ersten kranken Grunts in die Menge rotzte, wirkte das Publikum noch relativ müde. Dafür zeigte er umso mehr Verständnis: "Ich weiß, es ist ist spät und ihr seid betrunken. Seid ihr noch fiiiit?" In der Tat erholte sich der Mob recht schnell: Besonders in den vorderen Reihen schlug der Brutal Death Metal im groovigen Midtempo-Bereich gut ein, und wütete dort zu "Blood for the Bloodgod" bald der erste Moshpit des Festivals (wurde auch Zeit!). Dass der reichlich rutschige Boden (eine leckere Melange aus verschüttetem Bier, matschigem Wasser und Schweiß) für eine Menge lustige Stürze sorgte, trug da nur zum Spaß bei. Debauchery überzeugten vor allem musikalisch. Das heißt: Ich bin nicht unglücklich darüber, dass man von größeren Zwischenansagen absah. Sinnige Aufforderungen wie "Lasst uns mal alles zerstören... was weiß ich... oder so..." ließen nicht auf viel Tiefgang hinter der blutverschmierten Glatze des Fronters schließen. Wenn man Dummfug wie den eben genannten jedoch wegdachte, boten Debauchery einen kurzweiligen, kleinen Höhepunkt des Abends mit angenehm hohem Knüppelfaktor.

Zum letzten Act des Abends, Stahlzeit, war dann deutlich weni-ger Publikum übrig, als noch bei Debauchery. Infolge der massiven Verzögerung im Veranstaltungsplan trat die Rammstein-Coverband erst dann auf die Bühne, als sie längst fertig sein sollte. Um geschlagene zwei Uhr begann der (dunkle?) Zwilling Rammsteins mit "Reise, Reise" sein Programm zwischen Neuer Deutscher Härte, viel Poserei und Pyroshow. Dabei profitierte die Band vor allem von der Qualität der Originale: Lieder wie "Keine Lust", "Links, 2,3,4" oder "Sehnsucht" gerieten zu kompletten Selbstläufern, welche von einer Vielzahl von Feuereffekten begleitet und von einem ebenso angefachten Publikum frenetisch abgefeiert wurden. Stimmungstechnisch gab es somit absolut nichts zu meckern.

Vom künstlerischen Wert her sieht es schon deutlich düsterer aus. Denn in den akkuraten Covers von Stahlzeit blieb kein Hauch individuelle Note hängen. Selbst die charakteristischen Synthie-Sounds von "Sehnsucht" hatte man eins zu eins aufs Keyboard gesamplet, penibel kopiert, ohne auch nur die Spur eines eigenen Fingerabdrucks zu hinterlassen. Dadurch geriet die Band vollkommen in den Schatten einer Musik, die gar nicht ihre eigene war, wurde mehr und mehr zur austauschbaren Requisite. Auch das dämliche Gehampel des rußgeschwärzten Sängers, der sich jede Silbe mit einer hauenden Handbewegung aus den Rippen leiern musste, konnte nicht mit der kranken Gestik, Mimik und Intonation eines Till Lindemann mithalten. Vielleicht wurden gerade deswegen umso mehr Propan-Feuerbälle, Funkenregen und Flammenwerfer abgefeuert (allesamt ebenfalls vom "großen Bruder" übernommen); als versuche man, mit infernaler Effekthascherei und heißer Luft von der Seelenlosigkeit dieses Rammstein-Klons abzulenken. Bittere Ironie, dass ausgerechnet jenes flammende "Ablenkungsmanöver" dann zur Farce geriet. Denn als zu "Spring!" das erste Mal die Front-Flammenwerfer aktiviert wurden, verkohlten sie dem zweiten Gitarristen fast das Gesicht. Er wich zurück und musste sogar kurz aussetzen. Es war, als wollten die - offenbar zu nah gezündeten - Flammen sagen: "Gib acht, mit wem du dich einlässt! Denn wer mit dem Feuer spielt, riskiert, sich zu verbren-nen..."

TAG 2:

Nachdem am Vortag Stahlzeit bis tief in die Nacht überzogen hatten, war es kaum verwunderlich, dass am nächsten Tag praktisch keiner auf der Matte stand, um die ersten Bands zu sehen. Auch mich hat es deutlich später aus dem Bett gerissen, als ursprünglich geplant. Was jedoch allen Festivalbesuchern zusätzliche Flüche entlockte, als sie am nächsten Mor-gen aufstanden, war das Wetter: Über Nacht hatte heftiger Schneefall eingesetzt, dessen Flocken und Kälte den ganzen Tag anhalten soll-ten.

Derart um Schlaf und einen schnellen Weg zur X-Point-Halle gebracht ließ es sich leider nicht vermeiden, dass ich Stainless Steel und die darauf folgenden Bands des Morgens nicht sehen konnte.

Glücklicherweise reichte es aber, um Iron Fire zu sehen. Die ziemlich nach Freizeitrockern aussehende Power Metal-Kombo wartete mit melodischen Kompositionen, Proletensoli und der genreüblichen, aber guten Jaul-/Vibrato-Stimme auf. Eigentlich lieferten die fünf Dänen eine sehr solide Show ab. Leider stießen sie dennoch beim Publikum auf recht taube Ohren. Zu anfangs sammelte sich noch ein Haufen von ca. 40 Leuten vor der Bühne, der mit voranschreitender Zeit jedoch dem kon-stanten Zuschauerschwund in Richtung Bier-Ausschank zum Opfer fiel. Ich habe keine Ahnung, was den Sänger der Band bei derartigem Desinteresse seitens des Publikums dazu verleitete, zu "Thunderstorm" auch noch jenen kläglichen Mitsing-Versuch zu starten. Aber er ließ nicht locker. Als einfach keiner mitsingen wollte, unterbrach er sogar seine Bandkollegen und beschwerte sich laut beim Publikum: "Is Germany a Heavy Metal country?" Ja, guter Mann. Ist es. Aber nicht, wenn man gerade eben erst und mit einem Schädel von hier bis Dänemark aus dem Bett gekrochen ist. Letztendlich musste er das Lied allein zu Ende singen.

Wenn ein Rezensent über den Festivalauftritt einer Band wenig Aufzeichnungen gemacht hat, dann darf das manchmal auch als gutes Zeichen gelten. Und von In Slumber habe ich in der Tat extrem wenige Aufzeichnungen. Dafür hat der Fünfer aus Linz einfach zu sehr mitgerissen. Ohne weiteren Kommentar dröhnte die Death/Thrash-Combo um 16 Uhr einfach los und bewies, was für eine gut geölte Vernich-tungsmaschine sie mitgebracht hatten. Von Midtempo-Grooves bis zu leckerem Geknüppel, das immer wieder durch melodische Einlagen unterbrochen wurde, hatte die noch recht junge Band alles dabei, was müde Männer munter macht. Das blieb nicht lang ein Geheimnis: Schon bald war der vordere Teil des Saales mit gut 200 Leuten gefüllt, und selbst diejenigen mit erheblichen Nackenschmerzen konnten sich den ein oder anderen Mosh-Versuch nicht verkneifen. "Ihr seid ja ein sehr geiles Pub-likum!", kommentierte Sänger Wolfgang - und Recht hatte der Mann ja! Jede Granate, die die Band ins Publikum feuerte, wurde dort begierig aufgenommen. Als die sympathischen Fünfe nach einer satten Stunde Geballer zum Biere schritten, stand für mich fest: In Slumber waren in jener kurzen Zeit meine heimlichen Headliner und - wie sich später im Resummée ergeben sollte - meine persönliche "Band des Festivals". Und das nicht nur, weil ich recht wenige Aufzeichnungen über den Auftritt besitze... =P

Und dann war Thrash-Time. Mit Contradiction startete um 17:15 Uhr die erste in einer Serie von Thrash-Bands. Das ließ auch Sänger und Rhythmusgitarrist Oliver, genannt "Koffer", nicht unbeachtet. Freudig kommentierte der schon etwas betagtere Herr mit dem kahlen Fleck auf dem Schädel: "Vier Thrash Bands auf diesem Festival, das kann nur hei-ßen: Thrash Metal lebt!" Und zu dieser Lebendigkeit des Thrash Metal trug die Band dann auch gleich einen guten Teil bei. Contradiction standen für Oldschool-Thrash par excellence, fix, gerade heraus, ohne viele Schnörkel. Dabei hatte die Band auch keine Scheu, näher auf Tuchfühlung mit dem Publikum zu gehen: Besonders Bassist Andreas machte gleich beim ersten Lied seinen Weg durchs Publikum und marschierte bangend zurück auf die Bühne, um dann den Fotograben zu erkunden und von da aus einen auf der Brüstung stehenden Fan zu umarmen. Auch sonst taten die Wuppertaler alles, um die Distanz zum Publikum abzubauen: "Wir ha-ben heute 800 Kilometer hierher zurückgelegt", rief Sänger Oliver den hinteren Reihen zu, "da könnt ihr ruhig fünf Meter näher kommen." Das Konzept ging auf: Besonders die vorderen Reihen waren gut dabei, als Contradiction Kracher wie "Hate Patrol" vom Stapel ließen. Auf Grund der Verspätung hatte man jedoch beschlossen, nun Spielzeiten zu kürzen; somit mussten Contradiction nach nur einer halben Stunde die Bühne räumen und die Rufe nach Zugabe ungehört verebben lassen.

Denn schon ging's weiter mit der zweiten Thrash-Attacke des Tages: Während schon die ersten Stände auf dem Metalmarkt einpackten, packten Dew Scented aus. Ganze 300 bis 400 Leute sahen zu und lauschten, als der Fünfer aufs Gaspedal drückte. Dabei fand ich persönlich Dew Scented gerade in jenen Momenten deutlich besser, in denen sie nicht so hirnlos draufdroschen und etwas differenziertere Eindrücke zuließen. Auch mit der Abmischung der Vocals stimmte etwas ganz gehörig nicht: Das gesamte Konzert über kam die Stimmte von Sänger Leif wie das Quieken eines Schweinchens aus der P.A. Sei's drum, dem Publikum war das überwiegend egal, und schon beim dritten Lied standen drei Fans auf der Bühne und moshten. Zum Ende hin steigerten sich Dew Scented sogar noch, mussten allerdings um 18:45 schon Platz machen für die nächste Band.

Mit Reckless Tide sollte für diesen Abend der letzte Teil der Thrash-Welle über die Menge branden. Zu dumm nur, dass das Publikum vorerst genug Gethrashe gehabt hatte und den recht experimentellen Sound der Band nicht ganz so aufnahm, wie diese sich das vielleicht vor-gestellt hatte: "Ihr seid aber müde!", beklagte sich Kjell Hallgreen, einer von zwei Sängern, dessen Clean Vocals sich in den Liedern auf recht interessante Art und Weise mit dem Shouting seines Kollegen Andrew Troth abwechselten. Dabei präsentierte die Band eigentlich einen sehr soliden Auftritt und taute mehr und mehr auf. Im Publikum bewirkte das leider keine große Verbesserung: Allein beim Metallica-Cover "Motor Breath" war deutlich mehr Bewegung und Euphorie unter den 150 bis 200 Leuten zu vernehmen. Bei einer derartigen Ballung von Thrash-Bands musste aber der Siedepunkt irgendwann erreicht sein, und Reckless Tide hatten die undankbare Aufgabe, ihn ausbaden zu müssen.

Mit Spannung erwartete man nun die Headliner Primal Fear. Im Bühnenhintergrund wurden Banner mit dem flammenden Logo der Band gehisst und ein monströses Porno-Drumset mit unzähligen Becken aufge-baut. Allerdings brauchte das seine Zeit: Fast eineinhalb Stunden dauerte es, bis Primal Fear schließlich auftreten konnten - und dann war der Sound matschig wie eh und je, Sänger und Backing Vocals zu leise. Das dicht gedrängte Publikum indessen störte das kaum. Schon die ersten Tö-ne reichten, um der Menge nach der langen Wartezeit ordentlich einzuheizen. Von Anfang an fand der Heavy/Power Metal mit den üblichen, hohen Vibrato-Vocals reißenden Absatz, und auch die Band selbst schien großen Spaß am eigenen Tun zu haben. Kein Wunder: Bei dem Zuspruch, den Primal Fear bekamen, war das Konzert von Anfang an ein Heimspiel. Nachdem man sich durch "Seven Seals" und "Iron Fist in a Velvet Glove" gespielt hatte, war es daher schon Zeit für eine Belohnung: Mit großer Geste verbeugte sich Sänger Ralf Scheepers vor dem Publikum, was nur zu mehr Zuspruch und lauten "Primal Fear!"-Rufen führte. Mit "Fighting the Darkness" schob die Band daher noch eine langsame, episch-hübsche Ballade mit einem beachtlichen, einminütigem Instrumental- & Solopart ein, bevor man mit "Metal Is Forever" das Finale einleitete. Sichtlich zufrieden und mit Danksagungen verließ die Band da-nach die Bühne.

Noch bevor U.D.O. auftraten, hörte ich einen meiner Nachbarn feixen: "So, jetzt kommen erst die Fünfzigjährigen bei U.D.O. und dann die Fünfzehnjährigen bei Eisregen." Bei näherer Betrachtung gar keine so blöde Analyse. Denn in der Tat war der Altersdurchschnitt in den vorderen Reihen rapide gestiegen, als die Altrocker unter Applaus die Bühne betraten. Kommentarlos stiegen sie mit einer energischen Runde "Mastercutor" ein, um den noch Unentschlossenen zu zeigen, was die Stunde geschlagen hatte: Heavy Metal in Reinform. Mit seiner gepressten, halbhohen Stimme sang der sonnenbebrillte und in urbane Tarnfarben ge-kleidete Udo Dirkschneider schier atemlos ein Lied nach dem anderen durch, ohne dass groß Zeit für Zwischenansagen verschwendet wurde. Die brauchte es auch nicht, denn von "Mastercutor" bis "Man And Machine" waren die Lieder eigentlich Selbstläufer, die vielstimmig mitgesungen wurden. Nach dem sechsten Lied räumte die Band die Bühne, und nur Gitarrist Stefan Kaufmann blieb im Spotlight: Für die Zeit seines einminütigen Solos lebte der 80er-Kult um die Gitarre und um das Solo noch einmal kurz auf, wenngleich ich persönlich das Solo kompliziert, aber insgesamt langweilig fand. Danach kehrte die Band schnell in Vollbesetzung auf die Bühne zurück, um eine Runde "Princess of the Dark" zusammen mit dem Publikum zu singen. Nach dem nächsten Lied hatte auch der Drummer noch einmal Zeit, seine Potenz am Set heraushängen zu lassen; auch hier empfand ich das Solo zwar als komplex, aber nicht sonderlich spaßig.

Alles in Allem merkte man U.D.O. die lange Bühnenerfahrung deutlich an. Die Band wirkte mehr als souverän, hatte den Finger meist direkt am Puls des Publikums und zelebrierte gleichzeitig Nostalgie und sich selbst. Nach einer Cover-Version von Accepts "Metal Heart" verließen sie zwar die Bühne, kehrten jedoch unaufgefordert zurück und spielten ein halbes Dut-zend Zugaben, um die absolut keiner gebeten hatte. Eigentlich hätte es das wirklich nicht mehr gebraucht, denn irgendwann war es mir dann doch genug. Besonders die Alt-Fans der Band hatten daran aber nochmals ihren Spaß - und wenn es nicht darum geht, worum dann?

Wie schon am Vortag sollte auch diesmal die letzte Band erst dann auftre-ten, wenn sie schon fertig sein sollte. Der Umbau für Eisregen dauerte schier ewig an, was bald für erheblichen Publikumsschwund sorg-te. Auch der Rauch im Raum war mittlerweile schier unerträglich geworden und trug zur ohnehin vorhandenen Müdigkeit noch bei. Um zwanzig vor zwei hingen dann endlich auch die zwei großen Thüringen-Flaggen und die Band präsentierte sich einem in der Tat deutlich jüngeren Publikum. Für etwas Verwunderung sorgte das Line-Up: Denn hinter dem Keyboard stand ein reichlich gruftig aussehendes Mädel, und der Bass blieb unbesetzt. Viel Zeit zum Grübeln blieb jedoch nicht, als Sänger Michael "Blutkehle" Roth mit "Eisenkreuzkrieger" vom neuen Album "Blutbahnen" eröffnete, und dann die Fans begrüßte: "Passau! Hier ist der Tod aus Thüringen!" Leider kam mir persönlich dieser "Tod" sehr sanft vor, da die Band ob der fortgeschrittenen Stunde reichlich müde wirkte. Während Roth vorn Lieder röhrte, die auf Grund des zähflüssigen Sounds alle ziemlich gleich klangen, wirkte der Rest der Band fast nur wie eine Requisite für Roth. Selbst die schnelleren Parts spielten die anderen Bandmitglieder in geradezu meditativer Versenkung, während "Blutkehle" vorn wütete und in den Gesangspausen zum Standbild erstarrte. Als Besonders energisch oder interessant konnte man das Konzert leider wirklich nicht bezeichnen. Und als wollten sie heimlich auf diesen Umstand verweisen, fielen auch die Thüringen-Fahnen im Hintergrund bald schlaff zu Boden.

Im Publikum allerdings wurde dieser Umstand durch den Kult um die Band kompensiert: Besonders die vorderen Reihen waren viel in Bewegung und zettelten einen größeren Pogo an, der sehr schnell idiotisch-aggressiv wurde. Einem der Teilnehmer wurde das Gehüpfe offenbar so lästig, dass er einen der Springenden einfach mit einem Hieb ins Gesicht niederstreck-te - von der komplett passiven Security blieb das leider ungeahndet.

Währenddessen waren Eisregen schon weiter im Programm: Nachdem mit der "Toten schwedischen Freundin" die Zensur umgangen und der "Hauch von Räude" abgefeiert war, ließ man auch den "Alphawolf" los, der, so Roth, allen Frauen im Publikum gewidmet sei, von denen man ja wisse, dass sie "einmal im Monat eine Riesensauerei machen". "Manche sagen ja, wir seien eine frauenfeindliche Band. Das stimmt!" Umso mehr haben mich seit jeher die weiblichen Bandmitglieder von Eisregen und all die jungen Gören gewundert, die auch diesmal wieder quietschend mitmach-ten, als seien sie in den oftmals stumpfen, Stabreim-verseuchten Texten nicht angesprochen. Verstehe es, wer möchte. Das "Phänomen Eisregen" wirkte auf mich recht lahm, machte dem verbliebenen jung-Publikum aber gehörig Dampf und spielte auch obligatorische Titel wie die unvermeidliche "Elektrohexe" oder "Tausend tote Nutten" noch, bevor endgültig Zapfen-streich war und sich die Halle leerte.

Am Ende des Tages bin ich reichlich erschlagen und falle totmüde ins Bett, nachdem ich mir in einem Anfall von grenzenlosem Selbstekel um vier Uhr nachts den Qualm und Ruß vom Körper dusche, welcher sich in der schier unerträglichen Luft der X-Point-Halle darauf abgelagert hat. Nachts träu-me ich: Von Monstersoli, von Moshpits bis zum Horizont, von Verzögerungen, von "Hies Lähst Wöhds" und tausend toten Nutten. Und am nächsten morgen sammeln sich dann die Gedanken, Töne und Bilder zu einem großen Ganzen.

Es war ein starkes Festival, ohne Zweifel. Sicher, es hatte auch seine Pannen. Aber trotz aller Schwierigkeiten, die es gab, darf man am Ende nicht vergessen, dass es schon ein beachtlicher Verdienst der Orga ist, den Metal in diesen Teil Niederbayerns zu bringen und im hinterletzten Winkel Deutschlands ein Festival aufzuziehen, das für einen erschwinglichen Preis Headliner von derart beachtlicher Größenordnung zu verpflichten kann. Eines darf man sich aber fast schon verbindlich für das nächste Jahr wünschen: Stabilere Bühnen =) Dann kann auch eine vielleicht statt findende Metal Invasion 2008 ein voller Erfolg werden.

Maxi