Summer Breeze 2013

  • Datum: 14.08.-17.08.2013
  • Ort: Dinkelsbühl
  • Besucher: 40.000
  • Redakteur: Jens Dunemann
Summer Breeze 2013

Jahrein, jahraus punktet das SUMMERBREEZE OPEN AIR mit einem qualitativ hochkarätigen und in der Breite äußerst abwechslungsreich aufgestellten Billing, welches auch ohne die ganz großen Namen besticht und sehr viele Menschen in den Süden Deutschlands zieht.

Die Postulierung "Wacken des Südens" möchte ich mir nicht anmaßen, da ich das weltgrößte Metal-Festival zuletzt im letzten Jahrtausend (1998) besucht habe und mein letzter Abstecher zum Summerbreeze ebenfalls schon mehr als einer Dekade – damals noch in Abtsgmünd – zurück liegt.

Dennoch werden die folgenden Eindrücke des Wochenendes immer wieder kritisch auf dieses Thema zurück kommen. Doch der Reihe nach...

Mittwoch, 14.08.2013

Trotz der frühen Anreise am Mittwoch erreicht uns das prophezeite Stauende gegen 10 Uhr etwa auf halber Strecke zwischen Autobahnabfahrt und Dinkelsbühl selbst. Dafür, dass es in und um die Ortschaft nicht zum Verkehrtsinfarkt kommt, sorgt ein massives Aufgebot an Polizeikräften. Nun gut, bei hochsommerlichen Temperaturen lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen, hat doch das Stop-&-Go für uns vermeintlich wichtige Pressefritzen schon eine beachtliche Ecke vor dem gemeinen Festival-Volk beim Akkreditierungspoint ein Ende. Die Formalitäten sind schnell erledigt. Das erste dicke Minus wird jedoch sogleich eingefahren. Das A5-Hochglanz-Programmheft enthält zwar alle wichtigen Informationen für das bevorstehende Wochenende kompakt bereit, darüber hinaus ist es aber auch randvoll mit Werbung. Schutzgebühr hin oder her, der eine Euro, der einem hierfür abgeknöpft wird, macht einen nicht unbedingt ärmer aber nachvollziehbar ist er für mich nicht.

Weiter geht´s nun recht zügig von hinten auf das weitläufige Areal in Richtung VIP-Campingplatz. Man benötigt jedoch ein ausgeprägtes Orientierungsgespür, um anhand des Lageplanes aus dem Programmheft zu erkennen, wo man denn nun genau entlang und hin muss. Zunächst einmal landen wir auf dem hinterletzten Winkel des gewöhnlichen Campingareals. Wie später auf den bereits belegten vorderen und bühnennäheren Campingflächen noch ersichtlich werden wird, gibt es zu unserem Erstaunen hier weder eine Parkordnung noch entsprechende Einweiser.
Endlich angekommen im VIP-Camping-Bereich beäugt eine recht unerfahrene Truppe der Damen und Herren Security den Inhalt unseres KFZ, dass es schon skuril bis lächerlich ist. So muss ich mich für zwei Ersatzkartuschen (wo neben jedem dritten Auto auf dem Gelände ein Aggregat mit entsprechendem Benzinvorrat offen rumsteht) meines Campingkochers oder für ein gewöhnliches stumpfes Haushaltsmesser zum Broteschmieren rechtfertigen... Liebe Leute, Regeln müssen sein, ganz klar, aber sie müssen auch Sinn machen, und da wo sie Sinn machen müssen am Ende der Kette auch kompetente Menschen stehen, die diese mit dem nötigen Fingerspitzengefühl umzusetzen vermögen. Immerhin, Pragmatismus beweist man wenig später, als man den Leuten letztendlich doch erlaubt, die Autos neben den Zelten stehen zu lassen. Diese sollten ursprünglich einige hundert Meter auf einem unbeleuchteten Parkplatz abgestellt werden. Ein absolutes Unding, wenn man bedenkt, dass das Auto auf einem Festival der sicherste Platz für Wertsachen ist.

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Das Lager ist dann schnell eingerichtet und nach einer ersten flüssigen Stärkung brechen wir zu einer ersten Erkundung des weitläufigen Areals auf. Hier zeigt sich schnell, dass man entweder gegen Aufpreis einen Zeltplatz reserviert haben, oder verdammt früh anreisen muss, damit allein der Weg zum Infield nicht zum zeitraubenden Abenteuer wird. Denn die Situation und Parzellierung auf dem Campingplatz ist dermaßen chaotisch und beengend, dass ich offen zugebe, es auf dem regulären Camp-Ground keine vier Tage hätte aushalten wollen.

Für Körperpflegefetischisten gibt es immerhin einen Duschcenter, an dem man für 2,50 Euro duschen und sein Geschäft für einen Euro auf Porzellan verrichten kann. Eine Flatrate wie auf anderen Festivals üblich, wird dagegen nicht angeboten. Darüber hinaus gibt es eine ausreichende Menge an Dixies, die, soweit ich es beurteilen kann, täglich vorbildlich gereinigt werden.

Um sich über die Dimensionen der Veranstaltung bewusst zu werden seien hier auch noch die beiden Festival-Supermärkte erwähnt, die Open-Air-Grundnahrungsmittel von No-Name bzw. Billigmarken zu Kioskpreisen verhökern.
Nicht zu vergessen die Festival-Polizeiwache. Leider scheint es ohne die beachtliche bis beängstigende Präsenz der Ordnungshüter nicht zu funktionieren. Noch zahlreicher sind jedoch die Sanitätskräfte vertreten und wir gewinnen in den folgenden Tagen den Eindruck, dass dieses Kontingent ebenfalls in voller Höhe benötigt wird. Die Johanniter stellen neben dem DRK Löwenanteil und haben für die medizinische Versorgung Kräfte aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengezogen.

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Doch endlich zum Kern der Angelegenheit. Musik. Und die startet am Mittwochnachmittag auf der kleinen Camel-Stage mit der Blaskapelle aus Illenschwang. Kommentieren möchte ich den Auftritt dieses Dorforchesters und die Reaktionen darauf nicht, verweise aber in diesem Zusammenhang mal auf ein großes Open Air in Schleswig-Holstein.

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Am Mittwoch ist lediglich der kleinere Teil des Infields geöffnet, in dem sich die kleine Camel-Stage sowie das riesige Zirkus-Zelt mit der Party-Stage befindet. Die verschlungene Händlermeile (die ein zügiges Wechseln zwischen beiden Bereichen unmöglich macht), die das Areal vom großen Infield, wo sich die große Main- und Pain-Stage befinden, trennt, ist noch ebenso im Aufbau, wie die Hauptbühnen erst ab Donnerstag bespielt werden.

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Dementsprechend platzt der geöffnete Teil des Geländes mit zunehmender Stunde vor feierwütigen Besuchern aus allen Nähten. Vom Himmel brennt ein gnadenloser Planet und trägt seinen Teil zur Potenzierung der Wirkung alkoholischer Getränke bei. Grundsätzlich ist es erfreulich, dass das Festival ein recht junges Publikum zieht und damit zeigt, dass sich der Metal um Nachwuchs keine Sorgen zu machen braucht. Jedoch nimmt das Benehmen der Masse im Verlauf des Abends ein Ausmaß an, welches man eher auf einer Abi-, Schools Out-Party, Dorfdisko oder bei Koma-Sauf-Veranstaltungen jedweder Couleur erwartet. Dazu Menschen in Karnevalskostümen und Alkoholleichen in spe, die an Bier- und Cocktailständen sowie am Festival-Merchstand das sauer erarbeitete Taschengeld von Mama und Papa verprassen.

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Ich weiß, eigentlich wollte ich über Musik schreiben aber das Wochenende wird eindringlich zeigen, dass der Anteil an Besuchern, die mit der dargebotenen Musik relativ wenig verbindet und die sich darüber hinaus nicht nur aufmachen, es einfach krachen zu lassen, sondern um sich vorsätzlich und gezielt daneben zu benehmen mit zunehmender Größe des Events exponentiell zunimmt. Gerade der Mittwoch zeigt dies überdeutlich.

Mittlerweile lärmen in einem vor Menschen überquellenden Zelt VADER. Rein kommt man hier nicht mehr. Zum Glück gibt es an der Seite eine große Videoleinwand, auf der das Bühnengeschehen draußen in Echtzeit verfolgt werden kann und über die man in den Umbaupausen mit Produktinformationen von Marketingstrategen dauerberieselt wird. Rein muss man aber darüber hinaus nicht, weil vom polnischen Death Metal-Kommando lediglich ein unzumutbarer Brei aus Bass-Drum und Gesang wahrzunehmen ist. Also auf zur Camel-Stage und Plätze für den bevorstehenden Gig von DESERTED FEAR gesichert.

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deserted fear

Die Thüringer lassen sich auf der kleinen aber feinen Bühne, die kleiner als manche Club-Bühne ist, nicht lange bitten. Wie schon in der Vorwoche auf dem Party.San zünden die Shooting-Stars wiederum ein hochexplosives Feuerwerk. Das Material von "My Empire" bietet den passenden Zünder für eine routinierte aber mitreißende Darbietung. Ganz nebenbei fährt das Quartett einen Sahnesound auf. Wenn die Jungs auf dem Teppich bleiben und sich und ihr Potenzial auf diesem Level weiterentwickeln, dann stehen ihnen alle Möglichkeiten offen. Hernach wissen YEAR OF THE GOAT mit ihrem schmissigen und unterhaltsamen retro Okkult – Klassik Rock zu überraschen die soviel mehr Spaß machen als ihre ehemaligen Pseudo-Intellektuellen Label-Kollegen von The Devil´s Blood. Für KADAVAR reicht´s dann nach dem langen Anreisetag leider nicht mehr. Sie beschließen im Zelt auf der Party Stage um 2:30 Uhr die Nuclear Blast-Labelnight. Die Berliner, deren Opus "Abra Kadavar" aus einem Zeitloch im Umfeld von Black Sabbath gefallen zu sein scheint, hätte ich mir wie so manch andere Band gerne gegeben.

Ärgerlicherweise spielen eine ganze Reihe an Bands aus meiner absoluten Favoritenliste zu absoluten Unzeiten oder haben gleich abgesagt. MARDUK, NOCTE OBDUCTA, PRIMORDIAL, LONG DISTANCE CALLING sind für Freitag und Samstag jeweils ab 01:00 Uhr oder 02:15 Uhr morgens angesetzt, BENEDICITION haben kurzfristig abgesagt, während im Vorfeld schon klar war, dass die lang angekündigten THE VISION BLEAK nicht spielen werden würden.
Vielleicht bin ich ein nörgeliges Einzelschicksal und es mag mein persönliches Pech sein, dass ich mir zur frühen Morgenstunde, nach 14 Stunden auf den Beinen in der prallen Festival-Sonne keine Bands mehr geben möchte aber wenn sechs persönliche Schwergewichte wegfallen, ist da schon enttäuschend.

Donnerstag, 15.08.2013:

Der erste volle Festival-Tag. Nach kühler Nacht meint es die Sonne, wie übrigens am gesamten Wochenende äußerst gut und brennt bereits morgens so unbarmherzig auf die Zelthaube, dass an Schlaf spätestens um 10:00 Uhr nicht mehr zu denken ist. Aber warum auch, denn schließlich fällt der Startschuss bereits um Highnoon und vorher gilt es noch die Händlermeile sowie das große Infield mit den beiden Hauptbühnen mit der Main- und Pain Stage zu erkunden.

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Positiv ist übrigens hervorzuheben, dass es erlaubt ist 0,5 Liter Flüssigkeit in PET- oder Tetrapackgebinde mit auf´s Gelände zu nehmen, was bei der in einigen Belangen extremst kommerziellen Ausgestaltung der Veranstaltung nicht unbedingt erwartet werden darf. Insbesondere bei den Sahara-Temperaturen trägt diese Regelung wohl dazu bei, einige Zusammenbrüche durch Dehydrierung zu verhindern, obwohl die Getränkepreise grundsätzlich für ein Festival dieser Größenordnung akzeptabel sind (3,30 € für´s Pils bzw. Weizen à 0,4 Ltr). Eine Unverschämtheit ist jedoch, dass alkoholfreie Getränke – insbesondere Mineralwasser – zum identischen Preis vertickt werden. Gerade gegenüber dem teilweise sehr jungen Publikum emfpinde ich diese Strategie als verantwortungslos. Als äußerst abwechslungsreich ist das kulinarische Angebot anzusehen. Von den Klassikern des Festival-Foods wie Bratwurst, Döner- und Asia-Gerichten über Pizza bis hin zu schmackhaften Veganen-Angeboten oder regionalen Baguette- und Flammkuchen-Spezialitäten (von regionalen Erzeugern) bekommt man für durchschnittlich vier Euro eine sättigende warme Mahlzeit.

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Musikalisch spielt sich für mich der Großteil heute im Zelt auf der Party Stage ab. WINTERFYLLETH aus England eröffnen hier den Reigen. Das Quartett gehört zu jener neuen Generation von Black Metal – Bands, die ohne Klischees wie Corpsepaint und Killernieten ihre Vision von tiefschwarzer Naturverbundenheit und Spiritualität ausleben. Leidenschaftlich und mitreißend tragen die Jungs aus Manchester ihre hymnischen Epen mit Fokus auf dem aktuellen Album "Threnody Of Triumph" vor, was zu dieser Uhrzeit beachtlich gewürdigt wird. Danach geht es mit MUSTASCH munter weiter. Keine Ahnung wie diese Band bisher völlig an mir vorbei gelaufen ist. Besser als die Schweden um die singende, klampfende Rampensau Ralf Gyllenhammar kann man Metal mit rotzigem Rock ´N´ Roll nicht kombinieren. Und das es eine solche Mischung – immer wieder befeuert vom englisch-deutschen Kauderwelsch mit schwedischem Akzent des sympathischen Fronters - in hochsommerlicher, alkoholgeschwängerter Festivalatmo in sich hat, muss nicht extra erwähnt werden. Und wer Lieder der Marke "Deep In The Woods" im Programm hat und diese dann auch noch auf Deutsch mit "Tief im Wald" ankündigt, der kann nur gewinnen. Dieser Auftritt ist eine Manifestation von Rockmusik und für mich der Beginn einer neuen Liebe.

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Proppevoll wird es anschließend bei den Krawallmetallern von ILLDISPOSED. Die Dänen dümpelten fast anderthalb Dekaden im tiefsten Underground, bis sie im Zuge des Metal-Core Hypes von einer jungen Generation Metalheads entdeckt wurden. Zwar hat man mit den letzten Alben durch zahlreiche Industrial-Experimente etwas an Relevanz verloren aber auf der Bühne sind Illdisposed immer noch jederzeit in der Lage, alles in Schutt und Asche zu legen, was sie imponierend beweisen. Nun gilt es das Kunststück des Wechsels zwischen Zelt und Mainstage-Areal zu meistern, vorbei an der Party-Bühne bzw. der Camel-Stage, wo Blockweise verschiedenste, mehr oder weniger ernstzunehmende Bands oder Künstler (Volksmetal, Honigdieb, Ski-King & Band oder auch ein Comedian namens Bembers etc.) in den Umbaupausen der Party-Stage performen. Gemessen an den Massen, die sich vor eben jener Kleinbühne immer wieder versammeln, geht dieses Konzept auf, meins ist es nicht. Zumal es den Weg in Richtung Hauptbühne nicht einfacher oder gar schneller macht. Dort haben die legendären FEAR FACTORY Stage-Time. Seit ihrem wegweisenden Überwerk "Demanufacture" habe ich Burton C. Bell und Dino Cazeres nicht mehr gesehen und die letzten gemeinsamen Outputs "Mechanize" und "The Industrialist" ließen mich freudig dem Auftritt entgegenfiebern. Nun steht und fällt ein FF-Konzert seit ehedem mit der Form des cleanen Gesangsorgans von Herrn Bell. Die Band brennt auf der Monsterbühne musikalisch ein Feuerwerk aus Klassikern und Hits ab. Was jedoch gesanglich vor der Bühne ankommt ist einfach nur bedauerlich und bemitleidenswert bzw. einfach schlecht und den Tonträgern der Band nicht würdig. Da ich nicht gewillt bin, mir dieses Trauerspiel bis zum Ende zu geben bleibt nach dem Weg zurück ins Zelt Zeit, bei den Todesmetall-Spätzündern von EVOCATION noch eine Portion unspektakulären aber dafür kraftvoll performten Schwedenstahl zu tanken.

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fear factory

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evocation

Zwecks Nahrungsaufnahme geht es daher noch einmal kurzzeitig auf das große Infield. So sehr die ersten drei Alben von KORPIKLAANI mag, so lächerlich und nervig finde ich das Treiben der Finnen – nicht nur aktuell auf der Pain Stage - mittlerweile. Daran hat sich seit letztem Wochenende auf dem Party.San nichts geändert. Also schnell zurück nach Schweden auf die Party Stage. Von den Querelen bei NECROPHOBIC und den Eskapaden des inzwischen vor die Tür gesetzten Sängers Tobias Sidegard – der von Naglfar-Fronter Kristoffer Oblivious ersetzt wird – hatte ich ebensowenig mitbekommen, wie vom Abgang des Gitarrenduos Ramsted/Bergebäck. So tritt man also als Quartett mit nur einem Gitarristen auf. Besonders Interims-Anführer Oblivious überzeugt bei seinem Einstand der Death/Black Metal-Pioniere. Dem Gesamtsound Necrophobic´s fehlt aber trotz der infernalischen Atmosphäre, die die Schweden mit ihrem Material immer noch zu erzeugen wissen, die melodische Würze in Form einer zweiten Gitarre. Mit den Klassikern "Black Moon Rising" und "The Nocturnal Silence" würdigt man nicht nur an den kürzlich verstorbenen ehemaligen Gitarristen David Parland, sondern überzeugt auch im Rahmen der Möglichkeiten.

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necrophobic

SOLSTAFIR gehören nach wie vor nicht nur zu den angesagtesten, sondern auch zu den innovativsten und außergewöhnlichsten Vertretern der gesamten Szene. Die Isländer spielen in Dinkelsbühl wiederum in ihrer eigenen Liga und werden, perfekt in Szene gesetzt von einer phänomenalen Lichtshow, eins mit ihrem unverkennbaren Klangkosmos. So lässig diese kauzige Einheit wirkt, so unnahbar, so majestetisch agiert sie und verbreitet dabei eine magisch elektrisierende Atmosphäre, der man sich einfach nicht entziehen kann. Von Abnutzungserscheinungen erfreulicherweise keine Spur.

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solstafir

Ein wenig tröstet es mich, dass die von mir verehrten aber verhinderten Benediction dieses Niveau wohl nur schwerlich hätten toppen können und so schlendere ich besselt über das Gelände. Solstafir haben die Messe für mich gelesen und mich in einen verklärten Zustand versetzt, in dem mich sogar SABATON im Vorbeigehen positiv überraschen und es mich nicht weiter stört, dass die in der werbetechnischen Dauerbeschallung omnipräsenten SALTATIO MORTIS von der Pain Stage Schlaflieder trällern... Gute Nacht.

Freitag, 16.08.2013:

Zum Aufwachen tröten und schalmeien sich die mittelalterlichen FEUERSCHWANZ von der Main Stage durch den Glutofen und lassen den Tag so musikalisch unspektakulär beginnen, wie der vergangene endete. Zeit für eine ausgiebige Siesta, denn relevant wird es erst am Nachmittag im Zelt der Party Stage.

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misanthrope

MISANTHROPE sind auch nach mehr als zwei Dekaden Szene-Aktivität hierzulande immer noch ein Geheimtipp in Sachen progressivem Heavy-, Death- und Gothic Metal. Entsprechend gespannt bin ich, das Quintett um Frontmann Phillipe De L´Argillière endlich mal live zu sehen. Da der Tonmeister jedoch entweder keine Ahnung, einen schlechten Tag oder keinen Bock hat, wird die engagierte Darbietung auf der Bühne keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In Erinnerung bleibt ein Soundbrei, bei dem man Mühe hat solch großartige Songs wie "Visionnaire" überhaupt herauszuhören sowie als spektakulärste Aktion ein Sänger, der zum 25-jährigen Jubileum Champagner säuft, ins Publikum prustet und sich danach mit dem Rest der Flasche übergießt. Schade. Nachdem ROTTEN SOUND wie ein Hochgeschwindigkeits-Grindcore-Zug durchs Zelt gerauscht sind zeigen DER WEG EINER FREIHEIT, dass man auf der Party Stage einen guten Sound hinbekommen kann. Klirrend, klar, wuchtig – so kommt der moderne melodische Black Metal der Würzburger daher.

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der weg einer freiheit

Wie viele andere Bands der jüngeren Generation verzichtet man auf optische Angstmacher wie Corpsepaint. Die sind auch gar nicht notwendig, denn die Musik weiß auch ohne solche Spielereien für genug Atmosphäre zu sorgen, insbesondere aber ein junges und zahlreiches Publikum anzuziehen, das diese Formation für jeden Song abfeiert. Während FIREWIND sich und den klassischen Heavy Metal feiern gehe ich mich vor dem nächsten Highlight noch einmal stärken. ORPHANED LAND sind mit ihrem aktuellen Album "All Is One" vermutlich auf dem Zenit ihrer Karriere angekommen. Die Band ist nicht nur in musikalischer Hinsicht einzigartig, schaffen es die Israelis doch mit ihrem komplexen progressiven Metal orientalischen Einflüssen und spirituellen Themen Brücken zwischen Völkern und Religionen zu bauen. Das Zelt quillt erneut über, als die farbenfrohe metallische Messe losgeht und die Meute mit den ersten Tönen von "Barakah" komplett ausrastet. Verzweifelt ist einmal mehr der Tontechniker, der aus der Anlage nur Brei heraus bekommt. Mit jedem Song bekommt er die Anlage aber Gott sei Dank ein Stück weit besser in den Griff, so dass ich mich spätestens ab der Hälfte des Sets bei "All Is One" dem kollektiven Rausch der Verzückung in der Masse vor der Bühne anschließen kann. Dieser findet in "Sapari" und "Norra El Norra" einen unwirklichen Höhepunkt. Dabei wird die Band von Tristania-Sangesengel Mariangela Demurtas unterstützt, der die anspruchsvollen femalen Gesangslinien scheinbar spielend über die Stimmbänder gehen. Wahnsinn und trotz des dicken B-Noten-Punktabzuges für die anfänglichen Soundprobleme nach Solstafir für mich der beste Gig des Festivals.

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orphaned land

Danach können TIAMAT auf der Pain Stage eigentlich nur noch verlieren. Ich schätze Johan Edlund & Co. zwar in erster Linie wegen der ersten drei (metallischen) Alben aber ich stand danach auch der Öffnung und Soundentwicklung in Richtung atmosphärischer Rock-Musik immer offen gegenüber. Und doch bin ich gerade heute nach geraumer Zeit, die ich Tiamat nicht mehr live gesehen habe besonders gespannt, hatte man sich doch in jüngerer Vergangenheit wieder recht deutlich dem Metal zugewandt. Was folgt ist der mit Abstand langweiligste und uninspirierteste Auftritt, den ich nicht nur auf dem Summerbreeze 2013, sondern seit langem von einer Band erleben musste. Tiamat treten sich und ihr musikalisches Erbe mit Füßen und verabschieden sich in die musikalische Bedeutungslosigkeit, in dem sie großartige Songs wie "Vote For Love" und Klassiker à la "Gaia", "Whatever That Hurts" oder "The Sleeping Beauty" nahezu teilnahmslos und angeödet von der eigenen Trägheit herunter leiern. Dann doch lieber LAMB OF GOD. Eine weitere Band der Stunde, mit deren Neo-Death/Thrash ich noch nie richtig warm geworden bin aber ich kann durchaus nachvollziehen, dass diese Unerbittlichkeitkeit, mit der die Amis technische Versiertheit und Brutalität brachial kombinieren, eine große Zahl von Anhängern hervorruft. Präzise wie ein Uhrwerk drückt das Quintett eine beeindruckende Soundwand von der Main Stage. Hut ab vor dieser Leistung.

Samstag, 17. 08.2013:

Der finale Festivaltag beginnt auf der Pain Stage mit NACHTBLUT, die sich irgenwie nicht entscheiden können, ob sie nun Wave-Gotik, Black Metal oder Schlager spielen möchten. Ein wenig besser stellen sich danach ARKONA aus Russland an, die zwar klischeetechnisch alle Pagan Metal-Register ziehen, musikalisch zwar nicht innovativer jedoch weitaus erträglicher klingen. FIDDLER´S GREEN sind in Sachen Härte schon fast Exoten aber wahrscheinlich wird ihr "Irish Speedfolk", der selbst vor Reggae- und Ska-Einflüssen nicht halt macht deshalb so dankbar angenommen. Die Stimmung kocht also nicht nur aufgrund der tropischen Temperaturen. Durch die Massen, die sich bei Fiddler´s Green und im Anschluss bei den Chaoten von KNORKATOR vor der Pain Stage drängen werden aber die Defizite dort mehr als deutlich. Im Gegensatz zur Main Stage, bei der man auch bei maximalem Besucherandrang noch gut sehen kann fehlt der Pain Stage die erforderliche Höhe, was noch durch den Umstand verstärkt wird, dass das Gelände zur Seite hin abfällt. Insbesondere für kleiner gebaute Zeitgenossen werden die Gigs beider Bands zum zweifelhaften Hörerlebnis, dass man allenfalls auf der "Werbetafel" zwischen den Bühnen in Echtzeit bestaunen kann. Während die deutschen Iren von Fiddler´s Green in erster Linie überraschen, gibt es bei den Berlinern von Knorkator gewohnte Kost, die zwar nicht enttäuscht und Laune macht aber eben auch nicht vom Hocker reißt. Verloren wirken danach MOONSPELL auf der riesigen Hauptbühne. Fernando Ribeiro und Freunde geben sich alle Mühe doch selbst bei den alten Klassikern wie "Opium", "Raven Claws" (wieder verstärkt duch die bezaubernde Stimme von Mariangela Demurtas), "Alma Mater" oder "Vampiria" will der letzte Funke einfach nicht überspringen.

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Die behemoth-lastigen Polen HATE trümmern sich danach im Zelt auf der Party Stage technisch beschlagen und ambitioniert durch ihren Set und bereiten der Grand Dame des Todesstahls den Boden. Hatte ich Martin van Drunen mit GRAND SUPREME BLOOD COURT auf dem Party.San vor einer Woche noch verpasst, so fiebere ich dem Schau-Prozess der Holländer heute gierig entgegen. Mit mir haben sich jedoch nur wenige hundert Leute vor der Bühne eingefunden, die in dem riesigen Zelt ein wenig verloren wirken. Das stört das Bühnen-Tribunal reichlich wenig. Mit einer Leidenschaft, wie man sie nur von den Mannen um den Ausnahme-Fronter Martin gewohnt ist, walzen sie sich durch die groovigen Doom-Death-Lindwürmer ihres Debut´s "Bow Down Before The Blood Court", dessen grandioser Abschluss das zehnminütige Epos "...And Thus Billions Shall Burn" nicht nur auf dem Album, sondern auch live den abschließenden Höhepunkt bildet. Besser kann man Death Metal nicht zelebrieren und die Wenigen, die sich vor der Bühne versammelt haben huldigen dem Blutgericht, deren Mitglieder sich hauptamtlich u. a. bei Asphyx und Hail Of Bullets tummeln, umso frenetischer.

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Ebenfalls nicht tot zu kriegen sind die schwedischen Urgesteine GRAVE, die gerade ihre neue EP "Morbid Ascent" in Ring geschmissen haben und unter Beweis stellen, dass sie nicht nur auf Tonträger seit Jahren durchgehend grandiose Death Metal-Kost präsentieren, sondern auch auf dem Parkett keine Zerfallserscheinungen erkennen lassen. Was für eine Soundwand! Kurz vor dem Ende des SUMMERBREEZE steht die unangenehmste Entscheidung des Festivals an. Zeitgleich spielen mit ENSLAVED im Zelt und AMORPHIS auf der Pain Stage zwei absolute Schwergewichte. Finnland oder Norwegen? Schweren Herzens entscheide ich mich für Finnland. Amorphis haben das starke aktuelle Album "Circle" im Gepäck und spielen einen soliden Gig, der sich bis auf Ausnahmen eher auf Material der jüngeren Vergangenheit konzentriert. Fronter Tomi scheint stimmlich leicht angeschlagen und der Gesamtsound ist nicht perfekt. Dennoch ist das Song-Material der Marke "Silver Bride", "Shades Of Gray", "Of Rich And Poor" und "The Castaway" einfach zu stark und die Performance der Band einfach zu gut, dass man als Fan enttäuscht wird. Dennoch habe ich die Finnen schon sehr viel mächtiger erlebt. Mit "House Of Sleep" werden wir also in die Nacht entlassen. Während sich IN FLAMES mit großem Getöse, viel gleißendem Licht und Feuerwerk anschicken, der Veranstaltung die Headliner-Krone aufzusetzen, verladen wir die letzten Utensilien und entschwinden in die Nacht gen Dinkelsbühl und sagen nach der obligatorischen Polizei-Kontrolle und amüsantem Smalltalk mit den freundlichen Beamtinnen und Beamten der Bayrischen Ordnungshüter "Adieu SUMMERBREEZE 2013".

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Fazit:
Auch wenn es aus meiner Sicht am SUMMERBREEZE OPEN AIR verhältnismäßig viel zu kritisieren gibt war an diesem Festival-Wochenende zwar einiges ärgerlich aber nicht alles schlecht und vieles hat gar Spaß und Freude bereitet. Ich bin mir durchaus im Klaren, dass man als Veranstalter bei Events der Größenordnung von größer 20.000 Besuchern auf vieles nur noch bedingt und mit zunehmender Größe immer weniger Einfluss hat. Gewisse Dinge mögen in diesen Sphären logistischen und organisatorischen Zwängen unterliegen aber letztere dürfen kein Persilschein sein. Bei Eintrittspreisen von rund 100 Euro hat man als zahlender Gast einer gewinnorientierten Unternehmung – und nichts anderes ist auch dieses (kleine) Megaevent - , vor allem aber als Fan ein Anrecht auf eine bestmögliche Gegenleistung und daher müssen die von mir geschilderten und kritisierten Gebaren hinterfragt werden dürfen.

Grundsätzlich kann ich das SUMMERBREEZE OPEN AIR empfehlen. Aber man sollte im Vorfeld genau wissen, worauf man sich einlässt, womit wir schlussendlich wieder beim Vergleich mit dem ganz großen Festival-Bruder aus dem hohen Norden Deutschlands sind.

Ich für meinen Teil habe nach dem Besuch in Dinkelsbühl beschlossen, zukünftig Festivals von größer 20.000 sowie mit mehr als zwei Bühnen zu meiden.