Blast From The Past – Teil 6 mit Peavy von Avenger/Rage

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Die Jüngeren kratzen sich ratlos am Kopf: „AVENGER? Da fehlt doch ein S.“ Doch lange bevor es „Die Rächer“ auf 2012 auf die Kinoleinwände schafften, trafen sich im Westen der Bonner Republik einige Jugendliche, um im Schutze der Nacht satanischen Klängen zu huldigen. Na ja, jedenfalls so in der Art. 1983 war die Geburtsstunde von AVENGER, der Band, die mittlerweile unter dem Namen RAGE auf der ganzen Welt Scheiben verkauft und Konzerte spielt. Anlässlich der Wiederveröffentlichung des alten AVENGER Materials habe ich Kontakt zu Gründungsmitglied und RAGE-Frontmann Peavy aufgenommen. Willkommen zum sechsten Teil in unserer BLAST FROM THE PAST-Reihe.

 

Der geneigte Fan wird gemerkt haben, dass das Thema AVENGER derzeit überall zu hören ist. Nicht nur, dass „Prayers of Steel“ und die 1985er EP „Depraved to Black“ nun über PURE STEEL Records wiederveröffentlicht werden, nein, einige der alten Songs haben es nun auch als Neuaufnahme auf das kommende RAGE Album „Seasons of the Black“ geschafft, welches am 28. Juli erscheint.

„Wir haben sechs Songs von „Prayers of Steel“ neu eingespielt und als Bonus auf das neue Album gepackt.“ Dass das neue RAGE Album und die Re-Releases der AVENGER Scheiben ziemlich zeitgleich veröffentlicht werden, ist jedoch eher ein Zufall. „Durch einen glücklichen Zufall haben unser Management, unser Anwalt und wir die Rechte an den alten RAGE Songs zurückbekommen. Die AVENGER Songs gehörten mir ja ohnehin. Wir haben zudem mit der Sony einen guten Deal bzgl. des G.U.N. Backkataloges aushandeln. Es fing dann 2015 mit der „Refuge“-Box an. Diese enthält das Material der NOISE Jahre, das mit Manni Schmidt und Chris Efthimiadis entstanden ist. Dazu gab es viel Bonusmaterial. Zum Zwanzigjährigen hat es zudem die „Black In Mind“ als fette Box gegeben und jetzt sollte es in Dreierboxen weitergehen. Dabei wollten wir von den Anfangsjahren bis zum SPV Material alles wiederveröffentlichen. Was wir für Nuclear Blast gemacht haben ist ja ohnehin verfügbar. Am Ende wird es dann also alles Material von RAGE als CD, auf Vinyl und in digitaler Form geben.“ 

Der Zeitplan der Veröffentlichungen des Backkatalogs richtet sich in erster Linie nach dem Terminplan von RAGE. So kam es, dass die erste Dreierbox mit „Prayers of Steel“ , „Reign of Fear“ und „Execution Guaranteed“ diesen Sommer über Peavys eigenes Label Dr. Bones veröffentlicht wurde. „Während wir an den Wiederveröffentlichungen gearbeitet haben – alle Alben wurden remastered und mit Bonusmaterial versehen -, haben wir auch am neuen RAGE Album gearbeitet. Da stand die Frage nach Bonusmaterial ebenfalls im Raum. In dem Moment hatte ich die Idee, einen Teil der AVENGER Songs neu aufzunehmen. Ich fand die Songs klasse und sie sind zudem zeitlos. Wir hatten damals weder technisch noch musikalisch die Möglichkeiten die Songs so einzuspielen wie wir es heute können. So kam es, dass wir sechs Songs neu eingespielt haben und die Resultate klingen richtig gut. Und daher überschneidet sich jetzt dieser Release mit den Re-Releases.“

Doch wirklich losgelassen hatten die AVENGER Songs den Basser und Sänger von RAGE im Grunde nie. So findet sich eine 94er Version des Songs „Prayers of Steel“ auch bereits auf dem 1994er Best Of Album „Ten Years in Rage“. „Ich fand es immer etwas schade, dass dieses Material etwas in Vergessenheit geraten war. Da es nicht unter dem Namen RAGE entstanden war, haben viele Fans die Songs nicht auf dem Radar und verstehen offenbar nicht, dass auch diese Sachen zu RAGE gehören. Wir haben uns ja im Grunde ein Jahr nach der Veröffentlichung umbenannt und es handelte sich mehr oder weniger um dieselbe Band.“

Da es damals bereits andere Bands mit dem Namen AVENGER gab (z.B. den BLITZKRIEG Ableger in England), war eine Namensänderung für Peavy & Co unumgänglich. Doch zum Namen RAGE kamen man seinerzeit eher wie die Jungfrau zum Kinde. „Es war eine Vorgabe von NOISE. Ich glaube, die haben allen Bands die sie gesigned haben einen neuen Namen aufgenötigt. Wir machten da keine Ausnahme. Aber insofern war es dieselbe Band. Daher gab es 1994 diese neue Version von „Prayers of Steel“ und wir haben auch „Battlefield“ schon mal neu aufgenommen. Das war auf der „Extended Power“ EP 1991. In den letzten Jahren lief AVENGER dann immer so nebenbei. Die „Prayers of Steel“ lag allerdings auch der Erstauflage von „Black In Mind“ als Bonus bei.

Im Zuge der Gesamtveröffentlichung des Backkataloges darf dieses Material natürlich nicht fehlen. Es wird zudem eine supergeile Vinyl Version von „Prayers of Steel“ und auch von der „Depraved to Black“ EP geben.“

Das deutsche Kultlabel PURE STEEEL ist jedoch nicht nur für die Vinyl Versionen der AVENGER Scheiben verantwortlich, sondern für den gesamten RAGE Backkatalog. „Für Vinyl braucht man schon mehr Know How und gewisse Kanäle, daher haben wir uns gleich einen Fachmann mit ins Boot geholt.“

NUCLEAR BLAST, das aktuelle Label von RAGE, waren für die Wiederveröffentlichung des Backkataloges jedoch keine Option, wie Peavy erklärt: „Nee, die hatten wir von vornherein nicht in Betracht gezogen, denn die hätten dann ja auch die CD Vermarktung machen wollen usw. Ich wollte die Rechte für die Songs aber nicht wieder an irgendjemanden abgeben.“

Die rechtliche Situation bzgl. des Backkataloges ist auch der Grund dafür, weshalb die RAGE Alben nicht im Zuge der derzeitigen „NOISE lebt!“ Kampagne vermarktet werden. „Wir hatten richtig Schwein. Ich habe seit Jahren, genauso wie Mille und die TANKARD Jungs usw., versucht die Rechte an unserer alten Originalaufnahmen zurückzubekommen. NOISE wurde damals ja an Sanctuary verkauft und die wurden in England an Universal weiterverkauft. Danach hat Universal über acht Jahre nicht mehr abgerechnet, die haben einfach auf die kleinen deutschen Bands geschissen. Trotz mehrfahcer Anfrage und Beschwerde gab es gar keine Reaktion von denen. Ein Prozess nach englischem Recht wäre allerdings sehr kompliziert und teuer gewesen, so dass wir uns da die Zähne ausgebissen hätten. Vor einigen Jahren wurde nun aber der gesamte Backkatalog der Universal England wieder nach Deutschland an die BMG verkauft und damit galten wieder deutsche Gesetze. Unser Management und wir sind dann ziemlich schnell mit unserem sehr guten Musikanwalt an die Leute herangetreten und haben geschildert, dass sie nun für die letzten acht Jahre mit uns abrechnen müssten. Das war BMG jedoch nicht möglich, da sie gar keine Unterlagen hatten. Die hatten auch die ganzen Sachen wie Cover usw. gar nicht mehr und die wussten gar nicht, was sie da überhaupt alles eingekauft hatten.

Wahrscheinlich haben die gleich 100 Labels von Universal gekauft, um entsprechend die Backkataloge digital zu verkaufen. Da geht es nicht um CD Releases, sondern es wird einfach über die digitalen Verkäufe Kohle gemacht, ohne dass die Labels da irgendwelche Arbeit mit haben. So lange die Künstler da keinen Ärger machen, melden die sich natürlich auch nicht bei den Bands. Wir haben also die Abrechnung eingeklagt. Daraufhin hat BMG versucht uns mit einer Fake-Abrechnung von Sanctuary abzuspeisen. Da ich jedoch die ganzen alten Abrechnungen noch habe, konnten wir genau identifizieren, welche Abrechnung das war. Da haben die tatsächlich nur mit Tip-Ex oben die Anschrift ausgetauscht, also so richtig lächerlich. Unser Anwalt hat da natürlich sofort einen gepfefferten Brief geschrieben. Wir haben dann eine fette Klage in Aussicht gestellt und darauf haben die natürlich auch keine Lust, selbst wenn wir eine Firma wie BMG wahrscheinlich niemals knacken könnten. Trotzdem haben die auf permanenten Ärger keinen Bock.

Ich glaube nicht, dass die den Marktwert von RAGE einschätzen konnten. Die dachten, es ginge da um irgendeine Pupsband aus Deutschland. Wir haben dann angeboten, dass wir von der Klage absehen würden, wenn wir die gesamten Rechte wiederbekommen würden. Und die sind tatsächlich darauf eingegangen.

Natürlich hat es sich rumgesprochen und andere Bands haben bei uns angefragt, weil die natürlich auch ihre Rechte wiederhaben wollten. Mittlerweile hatten die bei BMG aber wohl mal genauer geguckt und gemerkt, dass sie da mit RUNNING WILD, HELLOWEEN usw. ziemlich Perlen im Keller liegen haben. Irgendeiner beim Label hat dann beschlossen, dass der Kram selber vermarktet werden soll und dass es ein Fehler war, die Rechte abzugeben. Kurz danach ging es dann mit diesen „NOISE lebt!“ Sachen los. Die kamen dann auch bei mir an und wollten mich interviewen, aber ich hab denen gleich gesagt, dass ich aus der Nummer raus bin.

Die anderen Bands hatten dann nicht mehr das Glück ihre Rechte wiederzubekommen. Für die Fans sind es wahrscheinlich realistische Angebote, da die Re-Releases ja nicht schlecht gemacht sind, aber die Bands werden davon wohl wenig haben.“

Das Thema NOISE Records ist ja tatsächlich für viele der damaligen Bands bis heute ein rotes Tuch. Jüngst veröffentlichte Tom G. Warrior (CELTIC FROST, TRIPTYKON) ein längeres Statement in dem er erläuterte, weshalb er seine Unterstützung für die Re-Releases nun doch zurückgezogen hat.

„Ich finde sowas eigentlich sittenwidrig. Wir reden hier von Verträgen, die wir 1984/85 unterschrieben haben und schon damals waren sie sittenwidrig. Wir haben in diesen Verträgen unsere Seele verkauft und bekommen sie ein Leben lang nicht mehr zurück. Normalerweise sind Auswertungsrechte zeitlich limitiert. SPV beispielsweise hatten Auswertungsrechte von nur sieben Jahren und danach gingen die Rechte wieder an den Musiker zurück und der kann damit machen, was er will. Das fand ich sehr, sehr fair. Allerdings ist das auch eher die Ausnahme. Bei Nuclear Blast gibt es Auswertungsrechte für 15 Jahre oder so, aber auch das ist ja noch sehr realistisch. Die damaligen Verträge mit NOISE hätten heute überhaupt keinen rechtlichen Bestand mehr, aber man hat es eben damals unterschrieben und darauf berufen sich heute diese ganzen Labelfürsten, die dieses ganze Material aufkaufen und mit denen du niemals zu tun gehabt hast. Die berufen sich bei der heutigen Vermarktung immer noch auf diese Verträge und selbst wenn die Labels da irgendetwas abrechnen, sehen die Bands da keinen Pfennig. Es ist absolut lächerlich. Damals gab es kein Internet und keine Digitalauswertung und die damaligen Beteiligungen sind gegenüber dem heute Üblichen ein Witz. Es gibt tausend Extraklauseln, durch die die Beteiligung noch minimiert wird. Das Ganze wird dann noch mit deinem damaligen Lizenzkonto verrechnet und da sind in der Regel immense Summen offen, da die Labels damals alles Mögliche mit deinen Vorschüssen verrechnen konnten. Da wurde damals so lange hin und her gerechnet, bis du da mit 100000en im Minus standest. Natürlich hatten sich die Ausgaben schon vor 20 oder 25 Jahren amortisiert, aber trotzdem bekommst du so ein Scheinminus vor die Nase gehalten, damit die dir niemals etwas auszahlen müssen. Das sind richtige Mafia-Taktiken. Ich bin froh, dass wir da raus sind.“

Und trotzdem haben ja zahlreiche Bands bei Labels wie NOISE unterschrieben und so eine ansehnliche Karriere begonnen. Allerdings war die Auswahl damals auch deutlich begrenzter als heute.

„Es gab ja nur die Möglichkeit bei SPV, NOISE oder Earthshaker Records aus Essen zu unterschreiben. Mit AVENGER sind wir bei Wishbone untergekommen, aber das war ein Ein-Mann-Label und da konnte man nicht weit kommen. Der hat damals die Platten einzeln an die Läden verschickt und da gab es keinen Vertrieb oder so. Somit war es unmöglich, dort größere Stückzahlen zu verkaufen. Wir mussten also mit dem zweiten Album sofort zu einem größeren Label wechseln.“

Allerdings hat Wishbone als Abschiedsgeschenk noch die „Depraved to Black“ EP bekommen, so dass die vertraglichen Verpflichtungen zwischen Band und Label erfüllt waren. Zwischen diesen beiden Veröffentlichungen gab es auch einen Wechsel an der Gitarre: Alf nahm den Hut und wurde durch Thomas Grüning ersetzt. Der hielt jedoch auch nur bis nach der „Reign of Fear“ Scheibe durch und wurde dann von ex-WARLOCK Klampfer Rudy Graf ersetzt.

„Leider wollte Alf gehen, weil ihm sein Studium als Atomphysiker wichtiger war. Er hatte dann einfach nicht mehr die Zeit für die Band. Es wurde bei uns immer zeitintensiver. Ich hab dann also meinen alten Kumpel Thomas dazu geholt. Nach der „Reign of Fear“ hatten wir dann unsere erste zusammenhängende Tour und da ist ihm klar geworden, dass dieses ganze Metal Ding nicht seine Welt ist. Das war ihm alles zu laut und zu wild. Er ist ein ganz ruhiger Typ und dem war das alles zu hektisch. Du kannst dir vielleicht vorstellen wie es ist, wenn DESTRUCTION, KREATOR und RAGE zusammen in einem Tourbus unterwegs waren. Wir waren alle das erste Mal auf Tour und da war natürlich „All Hell Breaks Loose“ angesagt und der Thomas da mitten drin. Der wollte dann lieber wieder nach Hause. Der Rest war nur am Saufen und Party machen und das war nicht sein Ding. Deshalb hat er sich nach der Scheibe und der Tour lieber verabschiedet. Dieser Job ist letztendlich eine Entscheidung fürs Leben und da bleibt nicht viel normales Leben übrig. Man kann da schwer in ein „Normalo“-Leben wieder zurückgehen.“       

Für Peavy und AVENGER standen nach den ersten Veröffentlichungen wichtige Entscheidungen an. Es war klar, dass Wishbone die Band nicht weiterbringen konnte, die Auswahl an passenden Labels schien aber ebenfalls recht übersichtlich.

„SPV kam uns damals sehr suspekt vor. Wir hatten damals schon einige Stories von unseren Kumpels von DESTRUCTION gehört und da dachten wir uns, dass NOISE das kleine Übel wäre. Die Jungs von Earthshaker Records kannte ich ja alle persönlich und die waren auch sehr suspekt. Die damaligen Gepflogenheiten der Indielabels waren unter aller sau. Ich glaube nicht, dass Leute wie Karl [Uwe] Walterbach [Noise Records] oder Manfred Schütz [damals SPV] die Musiker in irgendeiner Form ernst genommen haben. Man hat nicht auf Augenhöhe miteinander gesprochen. Es war nicht so wie heute bei Nuclear Blast, dass man auf Augenhöhe als Geschäftspartner miteinander verhandeln konnte. Natürlich sind das bei Nuclear Blast heute auch Geschäftsleute und man bekommt da auch nichts geschenkt, aber man wird nicht verarscht und man kann anständige Geschäfte machen. Damals in den 80ern hat man mehr oder weniger die Seele an den Teufel verkauft und die haben mit einem gemacht, was sie wollten.“

Und das fing, wie oben bereits erwähnt, damit an, dass viele Bands einen neuen Namen bekommen haben. Im Fall von AVENGER/RAGE war dieser Vorgang allerdings besonders skurril. 

„Wir durften uns aus einigen Vorschlägen einen Namen aussuchen und wir haben uns dann für FURIOUS RAGE entschieden. Ohne weitere Absprache wurde das „Furious“ dann aus dem Namen gestrichen, und wir hießen dann RAGE, ob wir wollten oder nicht. Wir selbst haben das erst erfahren als unsere Scheibe im Plattenladen stand. Ich habe die Platte unter „F“ gesucht und konnte nichts finden, da hab ich dann den Besitzer vom „LP“ in Herne angesprochen und der meinte nur, dass ich unter „R“ suchen müsse. Und dort stand dann unsere Scheibe unter dem Namen RAGE und mit dem Logo mit den Ketten, welches wir auch nie abgesegnet hatten.

Wir hatten das Master abgegeben und der Song „Deceiver“ fing mit so epischen Akustikgitarren an. Das passte dem Herrn Walterbach nicht und dann hat er das Teil einfach rausgenommen. Da wurde einfach über unsere Köpfe hinweg entschieden, auch was das Künstlerische anging. Wir wurden ja auch als Thrash Band verkauft, weil das damals gerade gut lief. Folglich wurde bestimmt, dass wir mit DESTRUCTION und KREATOR auf Tour gehen sollten. Das waren alles meine Kumpels, aber musikalisch hätte es mehr Sinn gemacht mit anderen Bands zu touren. Wir haben uns nicht als Thrash Band gesehen und musikalisch waren wir das auch nicht. Vielleicht waren wir Speed Metal, aber nicht das, was DESTRUCTION oder KREATOR gemacht haben.“

Allerdings gab es ja in der Anfangszeit wenigstens noch zünftige Texte über Satan & Co. Folglich nannte die Band ihren Stil damals Dark Metal – aus heutigen Sicht auch eher verwirrend.

„Als wir die Songs geschrieben haben waren wir 17 und konnten uns nicht vorstellen, dass wir irgendwann mal ein Album mit den Songs aufnehmen würden. Das höchste unserer Vorstellungen war, dass wir vielleicht irgendwann mal einen Liveauftritt haben würden. In den 70ern, als ich groß geworden bin, war es nicht üblich, dass eine Band aus dem Proberaum ein Album aufnimmt. Damals hat man erst jahrelang live gespielt und dann vielleicht mal aus eigenen Mitteln ein Album aufgenommen. Ein Plattenvertrag und Albumaufnahmen waren für mich damals völlig unvorstellbar.

Die Texte sind bei uns z.T. aus der Begeisterung für VENOM entstanden, denn die haben ja auch solche Sachen gemacht. Wir hatten dann einen Bandinternen Kontest, wer die abscheulichsten Texte schreiben könnte. Als es dann plötzlich ins Studio ging, hatten wir auch gar nicht mehr die Zeit, um neue Texte zu schreiben, außerdem haben wir uns auch keine Gedanken darüber gemacht, dass plötzlich Leute auf der ganzen Welt diese Texte hören und die womöglich ernst nehmen. Plötzlich kamen Leute auf uns zu und wollten mit uns über Satan sprechen. Wir haben das aber eigentlich nur als Spaß gesehen.“

In den 90er Jahren wurde das Thema Satanismus und Heavy Metal vor allem in den Medien nochmal richtig groß gemacht und zahlreiche selbsternannte Sittenwächter warnten vor den okkulten Praktiken der Bands und der verheerenden Wirkung auf die Jugend. RAGE wurden allerdings nicht mehr in diesen Sog hineingezogen.

„Ich habe ja schon seit der „Reign of Fear“ andere Texte geschrieben, so dass uns das alles nicht betroffen hat. Bei den Neuaufnahmen haben wir die Satanistentexte allerdings beibehalten, da wir das Ganze so original wie möglich halten wollten.“

Mit irgendeinem Glauben hat das bei Peavy, der alle Formen von Religion verabscheut, allerdings wenig zu tun. Ihm ging es dabei nur darum, die Songs von damals möglichst authentisch rüberzubringen.

„Ein bisschen waren diese Texte wohl auch eine Art Stinkefinger gegen meinen Erzkatholischen Vater. Der gehörte noch zur alten Generation und entsprechend gab es damals auch viel Zwist.“

Ohnehin war Heavy Metal und Rock Musik ja damals viel mehr eine Form der Rebellion gegen die Erwachsenen und die Gesellschaft. Wer heute mit einem KISS Shirt nach Hause kommt, bekommt ja von den Eltern eher noch Beifall.

„Es war absolut eine Form der Rebellion. Meine Eltern sind damals völlig ausgerastet und ich musste z.T. wochenlang im Proberaum schlafen, weil ich zuhause nicht mehr reindurfte. Man musste damals viel Stehvermögen haben und immer wieder Türen einrennen. Heute ist es anders, da kauft dir Papa noch die Gitarre und bringt sie dir in den Proberaum.“

Trotzdem entwickelte sich die Band immer weiter und irgendwann wurde aus einem Hobby eine Profession. Doch bis dahin war es ein längerer Weg.

„Natürlich haben wir die Band von Anfang an ernst genommen, aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir irgendwann den Lebensunterhalt damit verdienen könnten. Anfangs wollten wir nur live spielen. Die Gigs kamen dann und innerhalb weniger Monate entwickelte sich dann alles ganz schnell und plötzlich hatten wir einen Vertrag und ein Album. Damals poppten plötzlich Bands und Labels überall aus dem Boden und es war sehr spannend. Es war zwar super, aber wir wurden von der Entwicklung auch irgendwie überrollt.

Nachdem wir dann den Vertrag mit NOISE hatten, kam das neue Album „Reign of Fear“ raus und damals kam dann auch schon das erste Geld bei uns rein. Es war ein gutes Taschengeld. Ich war es damals gar nicht gewohnt Geld zu haben. Ich steckte mitten in der Lehre und hatte kaum Geld zur Verfügung, so dass das für uns alle schon ein ziemlicher Luxus gewesen ist. Seit 1988 kann ich jetzt von der Band leben und musste seit dem nichts anderes mehr machen, um mein Leben zu finanzieren. Das hat sich eben alles so entwickelt. Wir hatten das nicht so geplant, aber natürlich hatten wir die Hoffnung, dass es mal soweit kommen würde. Ich habe damals einfach immer weitergemacht. Als sich das erste Line Up zerschossen hatte, habe ich nicht viel Zeit verplempert, sondern gleich neue Leute dazu geholt. Mit Manni und Chris lief es dann sogar noch besser los und auf „Perfect Man“ haben wir besser zusammen funktioniert.“

Mit AVENGER wollte man zunächst vor allem live spielen. Ein Wunsch, der auch bald in Erfüllung gehen sollte.

„Ich kann es nicht mehr genau sagen, aber unseren ersten Gig hatten wir wohl im Kulturzentrum  in Herne gehabt. Ich kann dir den Zusammenhang nicht mehr sagen, erinnere mich aber noch gut an die Situation auf der Bühne. Wir haben damals mit Trockeneis gearbeitet und haben so einige Dinge gemacht. Dazu gehörten auch diese Leder und Nieten Outfits. Das war schon geil. Wir haben dann zunächst im Ruhrgebiert gespielt, sind dann aber bald auch zu Festivals weiter weg gebucht worden. Irgendwann habe ich habe ich mich dann mit Schmier [DESTRUCTION] angefreundet und hatten dann auch viele Gigs da unten in Süddeutschland.“

Leder und Nieten schienen damals zum Standard der deutschen Bands gehört zu haben. Ein Outfit, das auch durchaus Schattenseiten hatte.

„Das haben ja damals viele Bands gemacht. Wir waren aber natürlich vor allem auch Fans und wir fanden diese Sachen einfach geil. Die meisten Bands hatten diese Outfits und es hat einfach Spaß gemacht. Wir haben das ja alles selber gemacht. Es ist aber irgendwann extrem unpraktisch. Du schwitzt wie blöde in den Sachen und irgendwann wird das Zeug steinhart und bricht auseinander. Wenn man dann im Tourbus ist und überall hängt dieser stinkende Mist rum, da bekommst du schon schnell einen Rappel. Man überlegt sich dann, ob man das noch weitermachen will und wir hatten dann irgendwann keinen Bock mehr drauf.

Wir sind ja damals auch mit RUNNING WILD getourt und das war ne schöne Schweinerei. Das hat ganz ordentlich gestunken. RUNNING WILD konnten es sich ja dann schon irgendwann leisten die Outfits in einem Garderobencase rumzufahren, aber man konnte diese ganzen Gammelsachen am Ende der Tour eigentlich immer wegschmeißen. Zum Ende der Tour durfte man auch nicht mehr zu nah an die Leute rankommen, weil die immer so ne Wolke aus Mief um sich rum hatten. Wie dieses Zeug dann eben so riecht.“

Obwohl die Band ihre Outfits anfangs selber schneiderte, hat Peavy den Beruf des Schneiders nicht gelernt. Ein zweites bzw. drittes Standbein gab es neben der Band dennoch – eins davon ist bis heute eine seiner Freizeitbeschäftigungen geblieben.

„Ich war ja keine 15 als ich von der Schule geflogen bin. Ich habe dann eine Lehre als Gärtner gemacht, damit ich überhaupt was hatte. Als das mit der Band dann losging und das erste AVENGER Album rauskam, habe ich eine Lehre als Präparator angefangen und das war für mich auch immer ein Herzenswunsch. Ich muss da heute nicht von Leben, aber ich mache das heute noch sehr gerne und bin auch nicht schlecht darin. Ich mache Knochenpräparation, Skelettmontagen und Abgusstechnik und bin da heute noch aktiv. Es ist aber schön, dass ich davon nicht leben muss. Wie gesagt ernährt die Band seit 1988 nicht nur mich, sondern auch alle anderen Musiker und die Menschen, die im Umfeld der Band tätig sind. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das ist natürlich nicht üblich. Die Band ist eine Art Lebenswerk geworden.“

Eine außergewöhnliche Situation, denn viele Bands können von ihrer Musik heute nicht leben. Doch RAGE operieren weltweit und können somit genügend Geld mit ihrer Musik verdienen. Allerdings war PEAVY strenggenommen an der Ur-Ur-Version der Band selber noch nicht beteiligt.

„Es gab noch einen Vorläufer von AVENGER und da hat kurzfristig Peter Burtz, der spätere Sänger von STEELER [u.a. mit AXEL RUDI PELL], gesungen. Der ist aber nach ein paar Wochen zu STEELER gewechselt und hat den Drummer [Jan Yildiral] gleich mitgenommen.

Peter Burtz taucht im Internet bei  „Encyclopaedia Metallum“ (www.metal-archives.com) als Sänger des dort sog. „Faster Than Hell“ Demos aus dem Jahr 1983 auf – selbiges Demo ist auch in Burtz‘ Diskografie gelistet. Laut der Website soll Peavy auf dem Demo nur den Bass bedient haben. Doch von Anfang an…

„Also anfangs hatten Jochen [Schröder – Gitarre - später bei MEKONG DELTA), Alf [Meyerratken – Gitarre] und Jan [Yildiral – Schlagzeug] und ein Typ namens Thomas Habbel eine Band mit dem Namen J.A.P.H.. Die haben etwas kernigeren Rock gespielt. Der Basser ist dann gegangen und gleichzeitig kam Heavy Metal auf. Unter neuem Namen, den Jochen angeschleppt hatte, wollte man etwas härter werden und die haben dann neue Leute gesucht. Der erste Versuch war dann mit Peter Burtz, aber da gab es nie eine richtige Band. Allerdings haben die wohl im Proberaum mal zwei Songs aufgenommen auf denen er auch geträllert hat. Ich hab das damals so erlebt, dass er sich eigentlich nur für die Band interessiert hatte, um Jan für STEELER abzuwerben. Jochen und Alf standen dann also ohne Leute da und ich stand schon da und habe gelauert. Ich hatte damals mit meiner Band den Proberaum über den Jungs und hab das alles mitbekommen. Als die anderen beiden die Tür von außen zugemacht hatten, hab ich sofort geklopft, um mich als neuer Mann vorzustellen. Die fanden die Idee gut und anfangs sollte ich nur der Bassist sein, wurde dann aber auch gleich zum Sänger. Wir haben dann für etwa ein Jahr lang gemeinsam Songs geschrieben. Das Problem war, dass wir in der ganzen Zeit keinen Trommler hatten. Es war sehr lustig, wenn wir zu dritt mit toller Lichtanlage aber ohne Drummer geprobt haben. Da gibt es sogar auch Aufnahmen. Irgendwann ist mir dann der Jörg [Michael – später u.a. MEKONG DELTA, RUNNING WILD, GRAVE DIGGER, STRATOVARIUS, AXEL RUDI PELL] über den Weg gelaufen und der ist dann bei uns eingestiegen.“

Ein AVENGER Demo mit Peter Burtz gibt es allerdings nicht.

„Faster Than Hell“ ist ein Song den ich mit Jochen geschrieben habe und da war ich auch längst der Sänger. Ich selber habe auch nie mit Peter Burtz zusammen gespielt, es kann also nicht sein, dass er auf einem AVENGER Demo gesungen hat. Ich kann mich nicht mal erinnern, dass es ein „Faster Than Hell“ Demo gegeben hat. Unser erstes Demo ist entstanden nachdem Jörg als Drummer eingestiegen ist. Da sind die Songs „Faster Than Hell“, „Adoration“, „Destination Day“ und „Assorted by Satan“ drauf gewesen. Das war unser einziges Demo ohne Plattenvertrag und aufgrund des Demos haben wir dann den Vertrag bei Wishbone bekommen. Für das Album selber haben wir dann für uns ein Demo aufgenommen mit den Songs „Battlefield“,  „Southcross Union“, „Adoration“ und „Bloodlust“. Und aus der Session gibt es auch noch anderes Material, welches wir jetzt als Bonus-Material auf die „Prayers of Steel“ Scheibe gepackt haben. Für NOISE haben wir dann noch ein drittes Demo aufgenommen, da ging es dann um die „Reign of Fear“ Geschichten. Das war aber kein Bewerbungsdemo, sondern da konnten NOISE nur mal hören wie das neue Material so klingt. Das sind in meiner Erinnerung die einzigen Demos, die wir gemacht haben. Es gibt natürlich haufenweise verwendbares Material, das ich jetzt auch als Bonus-Material verwende. Irgendwelche offiziellen Aufnahmen mit Peter Burtz sind mir aber nicht bekannt.“

Im Internet tauchen noch  zwei weitere Demos aus dem Jahr 1983 auf. Darauf enthalten sein sollen zum einen die Songs  „Rock of Anger“ und „Destination Day“ sowie zum anderen „Destination Day“ und „Mirror“.

„Es kann sein, dass es sich bei dem ersten Demo um die Aufnahmen mit Peter Burtz aus dem Proberaum handelt. Da müsste dann der Jan Schlagzeug spielen…“ Allerdings ist hier auf der Webiste bereits Jörg Michael als Drummer aufgeführt, was wohl nicht stimmen kann und Peavy als Bassist und Sänger. „Unser wichtiges Demo war das erste [auf besagter Website als „Faster Than Hell“ aufgeführt], weil wir damit den Vertrag bei Wishbone bekommen haben. Alle anderen Aufnahmen haben wir nur für uns selbst oder als Hörproben für NOISE gemacht. Fünf Demos gab es aber definitiv nicht.

„Mirror“ ist zur „Reign of Fear“ entstanden und kann 1983 nicht auf einem Demo gewesen sein. Keine Ahnung wer sich da irgendetwas zusammenkopiert hat, aber das Ding kam nicht von der Band.“

Ein weiteres Demo soll im Jahr 1985 erschienen sein [https://www.metal-archives.com/albums/Avenger/Demo_%2785/131506] und u.a. den Song „Great King Wenzeslaw“ enthalten.

„Also das ist Quatsch, das muss sich irgendein Tape-Trader zusammengewurschtelt haben. „Mirror“ ist wie gesagt von der „Reign of Fear“ und „Great King Wenzeslaw“ ist vom „X-Mas Sampler“. Da gab es ja mal dieses „Bangin‘ Round The X-Mas Tree „-Projekt als All-Star Ding. Das haben wir damals für Shark Records gemacht und das Ding wird, glaube ich, heute noch verkauft. Ich weiß gar nicht, wer sich da die Rechte gesichert hat, aber der Song „G.K.W.“ hat mit RAGE gar nichts zu tun. Da haben ja verschiedene Musiker mitgespielt und es war keine RAGE Aufnahme. „7 Gates of Hell“ ist übrige geblieben von unserer zweiten Demo Session und war bislang unveröffentlicht. Der Song kommt jetzt als Bonus-Material auf das Re-Release. „Victim of Rock“ ist eine Frühversion von „When You’re Dead“, der dann auf „Execution Guaranteed“ erschienen ist. Diese Songs haben also alle überhaupt keinen Zusammenhang.“

Apropos Frühversionen: Wer sich „Assorted by Satan“ von der „Prayers of Steel“ Scheibe mal anhört, wird sich möglicherweise an einen späteren RAGE Song aus der „The Missing Link“-Era erinnert fühlen.

„Ich habe ganz bewusst eine Akkordfolge und die Melodie des Songs für „Firestorm“ übernommen. Wir fanden die Melodie gut und dachten, dass es schade ist, dass niemand den Originalsong kennt. Deshalb wollten wir die Melodie in etwas anderer Form in einem Song verwenden. Da gibt es also zwischen den beiden Songs eine Verbindung.“  

Mittlerweile steht mit „Seasons of the Black“ das 21. Studioalbum der Band aus Herne in den Läden. Und wie sich nicht zuletzt in den Neuaufnahmen der alten Songs aus der AVENGER Zeit zeigt, ist sich Peavy über die letzten 30 Jahre stets treu geblieben.