SLIME & DEFEKTDEFEKT

  • Datum: Samstag, 11 November 2017
  • Ort: Göttingen, Musa Kulturzentrum
  • Redakteur: Jens Dunemann
SLIME & DEFEKTDEFEKT

Puh, normalerweise liegt es mir fern, Konzertberichte oder Interviews so lange aufzuschieben, bis sie eigentlich schon gar nicht mehr "wahr" sind, jedoch ist es nun mal so, dass das Twilight nach wie vor in erster Linie ein Fanzine ist und alle Redakteure ihre Beiträge neben den alltäglichen Verpflichtungen leisten. Und manchmal gibt es im Alltag Phasen, in denen das Leben mitunter andere Prioritäten setzt, weshalb die "Auswertung" dieses Konzertabends satte zwei Monate auf sich warten lassen musste, wobei es manchmal nicht uninteressant ist, gewisse Ereignisse rückblickend mit Abstand zu betrachten.

Für mich persönlich waren und sind SLIME ein wichtiger Teil in meiner musikalischen Edukation und ich war, nachdem es leider 2016 nicht geklappt hatte die Band, die so maßgeblich am rebellischen Soundtrack meiner Jugend beteiligt war, endlich zum ersten Mal live zu sehen und darüber hinaus zum Interview bitten zu dürfen, dessen Veröffentlichung ebenfalls noch aussteht. Allgemein ist zu konstatieren, dass SLIME bis heute DAS Aushängeschild des politischen Deutschpunks sind, das nicht nur musikalisch, rhetorisch und literarisch soviel mehr als Skandaltracks der Marke "Bullenschweine" oder "Polizei SA SS" über die man diskutieren darf, wobei sich die Band dieser Diskussion auch nie verschlossen hat. 1994 setzte sich die Band mit "Schweineherbst" ein zeitloses Denkmal, welches auch zwei Dekaden später textlich eine beängstigende Aktualität aufweist. Allerdings markierte das Album auch einen vorläufigen Niedergang der Band, die am wachsenden Erfolg (vorübergehend) zerbrach. 2012 erschien mit "Sich fügen heißt lügen" nach 18 Jahren ein neues Album, bei dem man jedoch lyrisch auf Texte des Dichters Erich Mühsam zurück griff. 2017 folgte dann mit "Hier und Jetzt" der Nachfolger. Der Titel ist Programm und die Band konnte eindrucksvoll beweisen, dass SLIME in der Gegenwart angekommen sind und nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch textlich nach wie vor etwas zu sagen und zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung etwas beizutragen haben.

SLIME 4

In einer gut gefüllten Musa bestätigen die einst in Hamburg beheimateten und heute ins Umland bis hin nach Bremen versprengten Musiker den Eindruck, den sie auf dem aktuellen Tonträger hinterlassen haben. Die Band wirkt sehr gut eingespielt, hat einen guten, kraftvollen Sound und präsentiert einen breiten Querschnitt von rund 30 Songs aus der gesamten Diskografie, wobei "Hier und Jetzt" erfreulicherweise stark vertreten ist, was jedoch beweist, dass sich ein Großteil des neuen Materials nicht hinter Klassikern vom Schlage "Schweineherbst", "Alle gegen alle", "Religion", "Störtebecker", "Linke Spießer" oder "Gewalt" und "Zu kalt", welche im Rahmen einer Akustik-Session gespielt werden, verstecken müssen. "Ich kann die Elbe nicht mehr seh´n", "Ernie und Bert in Guantanamo" , "Patrioten" und "Die Stummen" stehen exemplarisch für die griffige Live-Darbietung nicht nur der neuen Lieder. Und auch 2017 regiert bei einem SLIME-Konzert der Straßenkampf-Pogo, zumindest im vorderen Drittel, bei dem es nicht nur extrem schweißtreibend zur Sache geht, sondern auch diverse Getränke-Behältnisse dem Eifer des Gefechts zum Opfer fallen. Erfreulicherweise besteht das Publikum nicht nur aus Altpunks oder junggebliebenen Rebellen und Aktivisten. SLIME zeigen, dass sie 2017 mit ihren Themen Anhänger verschiedenster Szenen, vom Metalhead über Emo- und Alternative-Fans bis hin zum vermeintlich unauffälligen linken Normalo ansprechen und vereinen. Mit "Deutschland" (...muss sterben) wird schließlich das Finale eingeläutet, dem anschließend noch ein Zugabenblock mit einigen Klassikern folgt, an dessen Ende mit "Let´s Get United" eine neue Bandhymne steht, bevor man ein zufriedenes Publikum zu den Klängen von Heidi Kabel´s "In Hamburg sagt man Tschüss" als Konserven-Outro stilecht in die Nacht entlässt.

 

Einen gelungenen Kontrastpunkt durften davor DEFEKTDEFEKT setzen, ein deutsch-britisches Trio aus Bremen, dass seine Einflüsse aus der britischen Punk- und Alternative-Szene Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre zieht. Mit seinem minimalistischen Sound sowie den auf Deutsch und Englisch vorgetragenen Texten zwar nicht ganz meine musikalische Kragenweite, jedoch durch die Arbeitsteilung der Herren Tim Shapland und Andreas Wolfinger, die sich nicht nur beim Gesang abwechseln, sondern im Laufe des Sets immer wieder Gitarre und Bass tauschen, taugen die DEFEKTDEFEKT mit ihrer Frische als guter Anheizer vor den Deutschpunk-Recken SLIME.

Setlist

SLIME 15