RSO – Radio Free America

CD Reviews, RSO – Radio Free America

„Livin’ on a Prayer“, „Bad Medicine“, “You Give Love A Bad Name“, Lay Your Hands On Me“, „Wanted Dead Or Alive“… die Liste der genialen Evergreens aus der Feder von Richie Sambora aus seiner BON JOVI ließe sich problemlos fortsetzen. Die Vita seiner heutigen Partnerin Orianthi dürfte in Mainstreamkreisen wohl weniger bekannt und vor allem besungen sein. Mit „Radio Free America“ liefert das Duo nun sein erstes gemeinsames musikalisches Baby ab.

Während die aus Australien stammende Orianthi Anfang des Jahrtausends von Carlos Santana entdeckt wurde und in der Folge u.a. mit STEVE VAI tourte und als Gitarristin bei ALICE COOPER bekannt wurde, kann der deutlich ältere Sambora bekanntlich schon auf grandiose Soloalben in den 90er Jahren verweisen. „Strange in the Town“ (1991) und „Undiscovered Soul“ (1998) begeisterten seinerzeit mit Blueseinflüssen und vor allem durch Samboras Stimmgewalt, mit der er seinen ehemaligen Brötchengeber Jon Bon Jovi oftmals in den Schatten stellte. 2013 erschien mit „Aftermath Of The Lowdown“ dann ein drittes Soloalbum, welches deutlich schwerer im Magen lag als die Vorgänger. Seitdem ist der ehemalige BON JOVI Gitarrist durch so manches düstere Tal gewandert und seit 2014 ist er mit Orianthi ein Paar. Aus der privaten Liaison hat sich – was nicht überrascht – auch ein musikalisches Projekt entwickelt und mit der Hilfe von Bob Rock (u.a. METALLICA) haben die beiden im hauseigenen Studio 15 Songs für ihr Projekt RSO eingespielt. Ziel der ganzen Geschichte ist – wenn man dem Opener glauben darf – nicht weniger als Geschichte zu schreiben. Ein hoher Anspruch, für dessen Erreichung sich selbst ein Ausnahmemusiker wie Richie Sambora anstrengen muss.

Die Grundzutat des Albums dürfte die gemeinsame Vorliebe für Blues und klassischen Rock geliefert haben. Doch im Verlauf der Scheibe zeigt sich, dass sich auf dieser Basis zahlreiche verschiedene Interpretationen verwirklichen lassen. So mischen RSO ihre Grundzutat mal mit modernen Sounds („Making History“ oder „Rise“), mal mit 70er/Hispano Einflüssen („Take Me“) oder gar mit poppigen Elementen („Masterpiece“). „I Don’t Want To Have To Need You Now“ hätte gute auf dem Soundtrack einer ernsthaften Neuauflage von Baywatch vertreten sein können, da es Nostalgie und 21. Jahrhundert verbindet. Wie man einen Songtitel musikalisch perfekt umsetzt beweist das Duo mit „Good Times“, welches bestens in jede kalifornische Strandbar passt. Ursprünglich wird es hingegen mit „Forever All The Way“, welches von dem Klassiker „I Got You Babe“ gefolgt wird. Eine Hommage an die eigene Liebe? Solche Aufmerksamkeit wie die Version von CHER – mit der Sambora in den 90en liiert war – und BEAVIS AND BUTTHEAD aus dem Jahr 1993 wird die hier vorhandene Neuauflage wohl nicht finden, aber hörenswert ist das Duett allemal. Friedenssongs begleiten Sambora schon eine geraume Zeit – man denke nur an „Peace In Our Time“, welches er für die russichen Hardrocker GORKY PARK geschrieben hat. Jetzt gibt es mit „One Night Of Peace“ eine Mischung aus epischer Inszenierung und rudimentären Unplugged-Sounds. Einer der starken Momente des Albums. Mit „Blues Won’t Leave Me Alone“ hat Orianthi gegen Ende der Scheibe ihren großen Auftrag. Allerdings dürften Bluesfans eher enttäuscht sein, sozusagen den Blues bekommen, da der Song doch eher auf Mainstream-Radiostationen gemünzt ist. Mit „Hellbound Train“ findet Samboras erstes Album in ca. fünf Jahren einen Abschluss. Für mich hat das Album zwei Highlights: Zum einen das eingängige „Walk With Me“, welches neben seiner Schlichtheit durch Gospelanleihen besticht. Zum anderen das ruhige „Truth“ in welchem sich ruhige Pianoparts mit Akustikgitarren und modernen Rhythmen abwechseln.

 

Wer sich mal Liveaufnahmen des Duos angesehen hat, der wird feststellen, dass die Stimme von Richie Sambora gegenüber den 90ern etwas an Durschlagkraft verloren hat. Im Vorfeld gab Sambora zu Protokoll, dass die Musiker in ihrem Haus in Los Angeles ein und aus gingen und man dann gerne mal gemeinsam musiziere. Das glaubt man nach diesem Album gerne, denn letztlich fehlt mir etwas der rote Faden. „Radio Free America“ ist beileibe kein schlechtes Album geworden, aber wirkliche Akzente setzt das Duo kaum, so dass schnell klar wird, dass man an das musikalische Erbe der frühen Solo- und BON JOVI Werke nicht heranreicht. Aber das war vielleicht nicht die Absicht, vielleicht wollte man einfach die Songs aufnehmen auf die man gerade Lust hatte. „Making History“? Mit „Radio Free America“ dürfte dieses Ziel schwer zu erreichen sein. Für die oberflächliche Spotify-Generation dürfte das Album hingegen passen: Musikgeschmack: alles! Wer mit den letzten BON JOVI Alben irgendetwas anfangen konnte, dürfte auch mit RSO glücklich werden. Ich zieh mir lieber „Stranger In This Town“ und „Slippery When Wet“ rein!