Sanctuary - Inception

CD Reviews, Sanctuary - Inception

Um die NEVERMORE-Vorgängerband SANCTUARY ranken sich ja einige Legenden. Was hätte aus dieser Band werden können, wenn in den Neunzigern nicht die Grunge-Welle Seattle erfasst hätte und aufstrebende Metalbands so stark an den Rand gedrängt hätte, dass sie sich frustriert auflösten?

Im Hause SANCTUARY hilft uns nun Kommissar Zufall dabei, einen Einblick zu werfen in die Frühzeit der fünf Amis um Sänger Warrel Dane und Gitarrist Lenny Rutledge. Wie es die Sage so will, hat Letzterer während der Aufnahmen des 2014er Reunion-Albums „The Year the Sun Died“ ein bisschen auf dem Dachboden des Studios gewühlt und in einer unbeschrifteten Box die Original-Mixtapes der ersten Demo und des Debütalbums gefunden. Der praktischerweise auch anwesende Producer Zeuss Harris machte sich dann auch frisch ans Werk, um mit viel Fleißarbeit (und den digitalen Errungenschaften der modernen Tontechnik) die feuchten und bruchstückhaften Bänder aufzuarbeiten.

Das Ergebnis ist wurde nun unter dem Namen „Inception“ auf Platte gepresst. Wieviel davon nun wirklich 1986 aufgenommen wurde, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall erleben wir einen jungen Warrel Dane im Vollbesitz seines gesamten Stimmenvolumens, das er teilweise bis zur Schmerzgrenze ausreizt. Und dass die Band exzellente Songwriter in ihren Reihen hat, erfährt man nicht nur bei den beiden Songs der 86er Demo „Dream of the Incubus“ und „I am Insane“. Interessanterweise sind das Song 1 und 8 auf der Scheibe, während alle anderen Stücke auch auf dem Debüt „Refuge Denied“, jedoch in anderer Reihenfolge, erschienen sind. Den Sinn des fröhlichen Re-Shufflens habe ich bisher nicht verstanden. Natürlich klingen alle Songs frischer und fetter als auf den alten Veröffentlichungen und können durchaus mit neuen Veröffentlichungen mithalten. Ob das nun bedeutet, dass SANCTUARY einfach progressive Songschreiber waren, oder der (Power Metal)-Szene seitdem nicht mehr viel Neues eingefallen ist, darf jeder für sich selbst entscheiden.

Der Hauptunterschied zu NEVERMORE, denen Warrel Dane bis zur Auflösung 2011 sein Gesangsorgan lieh, ist der melodischere und des Öfteren in KING DIAMONDsche Sphären vordringende Gesang und die weniger thrashig klingende Gitarrenarbeit, die unter anderem Gitarrenläufe in bester IRON MAIDEN-Manier beinhaltet.

Wer den alten Zeiten hinterhertrauert, als Metal noch Metal war und man ohne Kutte nicht aus dem Haus ging, sollte sich die Scheibe holen. Und wer jünger als 25 ist und mal wissen will, wovon die alten Säcke da reden, bei den mies produzierten Originalpressungen aber Ohrenkrebs bekommt, der auch.