Dimmu Borgir - Eonian

CD Reviews, Dimmu Borgir - Eonian

  • Dimmu Borgir - Eonian
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  • Erstellt am: Donnerstag, 03 Mai 2018
  • Label: Nuclear Blast
  • V.Ö.: 03 Mai 2018
  • Bewertung: Dimmu Borgir - Eonian
  • Redakteur: Marc Stoffregen

Lange acht Jahre, in denen meine Erwartungshaltungen ins schier Unermessliche stiegen, ließen mich meine Leib- und Magen Black Metaller aus dem hohen Norden warten. Und jetzt liegt es also vor mir, ihr neuestes Studiowerk, schlicht, wie schon der Vorgänger "Abrahadabra", mit nur einem Wort "Eonian" betitelt. Das 2010er Release war und ist beileibe keine schlechte Scheibe, enttäuschte mich als einziges Werk jedoch leicht. Alle vorherigen Studio-Alben, mit der Ausnahme von "Stormblast", standen dabei noch in der Tradition, drei Wörter in der Betitelung zu tragen. Sollte das heuer also erneut ein schlechtes Omen sein für "Eonian"?

Als ich Dimmu Borgirs neusten, musikalischen Ergüssen gestern beim Kochen beiläufig das erste Mal lauschte, stellte sich Ernüchterung ein. Zu wenig Tempo, kaum wirkliche Härte und zu viele Chöre lautete mein erstes Fazit. Parallelen an Therion im Bezug wie sie auf Frühwerken klangen und zu dem wie sie heute ertönen, kamen mir in den Sinn.

 

Doch STOP!!! "Eonian" ist keine Sache, auf die man sich so nebenher einlässt. Der Silberling erfordert volle Aufmerksamkeit und höchste Konzentration und will vor allem eines; laut gehört werden!

 

Gerade bin ich beim vierten Durchlauf und kann definitiv sagen, dass "Eonian" ein stärkeres Album ist als "Abrahadabra". Dass es sich nahtlos in die Reihe der ganzen Klassiker in der Diskographie Dimmu Borgirs vor 2010 einfügen kann, soweit will ich noch nicht gehen. Dennoch steht eines fest: Diese Scheibe wächst mit jedem Hördurchgang.

 

Beginnen tut man mit "Unveiling", dessen ersten Töne noch ein Intro vermuten lassen, auf das stampfende Gitarren und erste Choräle einsetzen, gefolgt von Riffgewittern samt Shagrats unverkennbarem Stimmesorgan, verträumten Keyboardpassagen, schließlich gipfelnd in einem tollen Refrain. Mit "Interdimensional Summit", dem vorab bekannten Song, kredenzt man eine sehr gothiclastige, wenn auch hymnenhafte, sehr an Nightwish erinnernde Up-Tempo Nummer, die zwar auch recht mainstreamig und für meinen Geschmack mit etwas zu vielen Chorgesängen daherkommt. Dennoch geht der radiotaugliche Song gut ein. "Ætheric" überzeugt mit groovigen Gitarrenlines, wie man es zuvor in dieser Art noch nicht von Dimmu Borgir gehört hat. An anderen Stellen hingegen fühl ich mich an alte Graveworm Alben erinnert. Interessant und für gut befunden. Das darauf folgende "Council of Wolves and Snakes" ist eine sehr schwermütige, ja nahezu doomige Nummer. Und gerade wenn man es sich - bildlich gesprochen" - in der frostig-eisigen  Abgeschiedenheit der Einöde gemütlich gemacht hat, reißen einen Blastspeedattacken und ein herrlich keifender Shagrath aus der Lethargie. In der Mitte des Albums findet sich mit "The Empyrean Phoenix" ein absolutes Highlight. Diese kleine Perle schwärzester Musizierkunst hätte vom Songwriting und der Instrumentalisierung, insbesondere von den Tempowechseln und der  Rhythmik her, locker auf einem "Spiritual Black Dimensions" oder auch einem "Puritanical Euphoric Misanthropia" sein können. Ganz großes Kino. Ähnlich verhält es sich mit dem nächsten Werk "Lightbringer". Nach über einer Minute Bolt Thower-artigem Riffing hauen die Norweger noch eine Ode feinster Schwarzwurzelnatur raus. Was hier an Geknüppel und Blastspeeds rausgeballert wird sucht seines Gleichen und hätte sich auch nahtlos auf "Death Cult Armageddon" oder "In Sorte Diaboli" eingefügt. Spätestens bei "I Am Sovereign" wird einem klar, das der Härtegrad und die typischen DB-Trademarks auf der zweiten Albumhälfte deutlich zugelegt haben. Eine starke Hymne der Nacht mit einem geilen Refrain, der an Hyocrisy erinnern lässt, aber auch starke Up-Tempo Parts. Bei "Archaic Correspondence" vermute ich mal ganz stark, dass Gitarrenhexerich Galder seine Finger im Spiel hatte. Geile Nummer und ein kleiner, musikalischer Querverweis Richtung Old Man's Child / Borknagar. Kommen wir zu einem weiteren Geniestreich; "Alpha Aeon Omega". Der Song hat einen Mega Hymnen-Charakter und mutet nur so an vor elegischer Schönheit. Auch hier lässt einen der Beginn des Stückes bezüglich Keyboards und Gitarren an Graveworm denken. Zum Schluss bekommen wir mit dem über fünfminütigen "Rite of Passage" noch ein nettes, instrumentales Outro kredenzt.

 

Was bleibt, ist ein starkes Album, dass seinen Vorgänger klar aussticht. Ob es Potential hat, sich mit den ganzen Klassikern der Band zu messen, wir die Zeit zeigen. Das Songwriting ist stets auf hohem Niveau. Die meisten Songs sind nicht mehr so eingängig, aber gerade deshalb kann "Eonian" noch weiter wachsen und bei jedem erneuten Durchlauf in der Hörergunst zulegen. Die Chöre sind toll, hätte man meiner Meinung nach aber dezenter einsetzen können. Manchmal ist weniger mehr, um zu wirken. Die bandeigenen Trademarks sind klar vorhanden und zu hören und auch in der Überzahl, dennoch gibt es ungeahnt viele Querverweise. (Normalerweise klingen andere Bands auf ihren Alben wie DB.) Aber ganz so krass ist es andersrum auch wieder nicht. Die zweite Albumhälfte hat deutlich mehr Tempo und Härte. Vielleicht hätte man die Songs besser durchmischen sollen. Ich vermisse die wirklich hyperschnellen, ultrabrutalen Songs und um ganz ehrlich zu sein auch die clean vocals von Simen Hestnæs aka I.C.S. Vortex, aber der ist ja auch nicht erst seit gestern nicht mehr mit an Bord. All dies ist Jammern auf sehr hohem Niveau. "Eonian" ist ein großartiges Album mit weiteren Entfaltungsmöglichkeiten und keineswegs eine Enttäuschung.