Full Force 2022 Bericht

  • Datum: 24. Juni 2022 – 26. Juni 2022
  • Ort: FERROPOLIS – Stadt aus Eisen
  • Besucher: 20.000
  • Tickets: 73€
Full Force 2022 Bericht

Full Force Recap einen Long Covidioten und seiner Alltags-Betreuerin

Nach fast drei Jahren mal wieder auf dem Acker zu stehen und „Full Force Staub“ zu atmen, fühlte sich nach dieser langen Zeit an, wie eine längst überfällige Befreiung. Am Donnerstag Nachmittag waren die Campingplätze schon sehr gut gefüllt und man merkte den Leuten an, dass sie richtig Bock hatten. Ausgehungert und gierig gingen dann am Freitag auch die ersten Bands an den Start und so wusste man früh – das wird ein verdammt geiles Wochenende!

Festivalgelände (2)Die Anfahrt und Ankunft auf dem Gelände verlief wie immer reibungslos. Kleine Änderungen machten den Campingplatz mit Green Camp und Full Force Valley noch geschlossener und gemütlicher und so war das gesamte Areal am Wochenende eine einzige Party-Meile. Mitten drin auch in diesem Jahr wieder das FAIRopolis und die zahlreichen AwarenessTeam-Stationen als Rückzugsorte. Mit Aktionen von PETA und The Ocean in your mind konnte man sich informieren und aufklären, während beim Schwarzen Yoga und Metalza Metal Workout Körper und Geist geerdet und gereinigt wurden. Neue Produkte entdecken konnte man bei Forest Gum (plastikfreies Kaugummi) und beim Team von Spielköpfe (gendergerechtes Spielen). Während man von plastikfreiem Kaugummi schon einmal gehört haben könnte, waren die gendergerechten Spielkarten und diskriminierungsfreien Spielmaterialien für eine freie, vielfältige Spiel-Welt von Spielköpfe sehr gefragt.

Neu war in diesem Jahr auch die versteckte Backyard Stage. Mit einem abwechslungsreichen Genre-Mix von Melodic Hardcore bis Trap Metal, von Alternative Rock bis Extreme Metal sollen die Genre-Grenzen weiter geöffnet werden. Auch dies nur ein weiteres Zeichen dafür, wie abwechslungsreich und vor allem musikdurstig das Full Force Festival und die gesamte Szene wirklich ist.

Nix Neues gab es leider aus kulinarischer Sicht. Full Force war für uns auch immer ein bißchen „Genuss-Reise“. Egal ob „Frostis Eis“ oder „veganes Chili sin Carne“, irgendwie hat man jedes Jahr etwas entdecken und ausprobieren können. Nun scheinen die verfügbaren Stände „fest gebucht“ zu sein und es gibt „jedes Jahr das Gleiche“. Klar wird man satt, aber es fehlten bei der Hitze irgendwie Obst, Smoothies oder andere „frische, gesunde Alternativen“. Und ja, wenn das eine Hundert-Kilo Metal-Kutte sagt, für den normalerweise nichts sexyer ist, als eine Bratwurst mit Brötchen und Senf, dann muss ich das hier erwähnen.

Schon beim ersten Frühstück spürte man die Vereinfachung durch das Cashless-System vor Ort. Zähne putzen, Duschen und danach direkt einen Kaffee schnappen – ohne extra die Geldbörse holen zu müssen! Das nötige Taschengeld für das härteste Wochenende des Sommers konnte man sich bequem vorab aufladen und vor Ort ohne Bargeld feierlich verprassen. Nicht genutztes Guthaben wird nach dem Festival einfach zurückgebucht. Wir haben unsere Buchungen online über Kreditkarte abgewickelt und hatten keinerlei Probleme. Jedoch haben wir auch nicht die App genutzt, die wohl einige Fehlermeldungen brachte.

Festivalgelände (5)Bereits am Donnerstag kündigte auch der Wettergott an, dass er an diesem Wochenende wieder mit dabei sein wird und die Sonne ließ ihre glutheißen Strahlen über den Acker wandern. Wie an allen Tagen, übrigens. Erbarmungslos… wie jedes Jahr, übrigens.

Begonnen werden sollte am Freitag mit Gutalax auf der wohlverdienten Strand-Bühne. Wenn etwas zusammen passt, dann diese abgefahrenen Tschechen und das kühle Nass. Letzteres konnte auch noch etwas länger genossen werden, da sich der Auftritt der grunzenden Abführmittel um einige Zeit verschob, und sie den Slot von Konvent übernahmen. Als es dann aber endlich so weit war, konnte die aufgeregte Meute nichts mehr halten. Sommer, Sonne, Erdbeerbowle – und Grindcore-Polka! Alle stürmten, mit Klobürsten bewaffnet und in Ganzkörper-Anzügen geschützt, auf die Medusa-Stage zu und genossen vollumfänglich das Einläuten des Festival-Sommers 2022. Die Band selbst hatte nicht weniger Spaß. Mit breitem Grinsen und kindlicher Freude bearbeiteten sie die Bühne und das Publikum in allerfeinster Full Force Manier. Hitze und Schweiß konnten den Jungs nichts anhaben und so wurde brutal und ohne Rücksicht durchgeknüppelt. Gespielt wurden alle Hits und auch ein paar neue Sachen, welche sich jedoch laut Frontman in keiner Weise von den alten unterscheiden. Die tanzbaren Melodien ergeben mit dem Grunz-Schrei-Kontrast und der traumhaften Kulisse einen für uns würdigen Auftakt.

Dank des zeitlichen Verzugs hatten wir zumindest etwas Zeit, uns Any Given Day auf der Mainstage anzuschauen. Mengenmäßig war das Publikum da schon voll da und ging auch ordentlich ab. Wie bereits am Donnerstag bemerkt, haben ALLE einfach richtig Bock auf diesen Festivalsommer, und so lieferten die Gelsenkirchener auch eine ordentliche Show ab.

Auch wieder dabei waren Infected Rain auf der Medusa Seebühne. Die Nu-Metal-Band aus Moldawien hatte in diesem Jahr einen deutlich stärkeren Zuschauerzuspruch als beim letzten Full Force. Mit einer stabilen Show lieferten sie den gesamten Slot über gut ab und erzeugten beim Publikum eine ausgelassene Stimmung.

Richtig voll wurde der Strand vor der Seebühne dann nochmal zu Suicide Silence. Insgesamt einfach ein fetter Auftritt und für diese Temperaturen auch echt viel Bewegung, sowohl vor als auch auf der Bühne. Die fünf Jungs aus Riverside, Kalifornien haben so ziemlich alles abgerissen, was man sich eigentlich für das gesamte Wochenende aufbewahren wollte und erbarmungslos mit dem Publikum gefeiert. Vor allem die brutale Stimme von Eddie und sein unhaltbarer Bewegungsdrang haben wohl auch der letzten Pflaume auf dem Acker gezeigt, was hier an diesem Wochenende abgehen wird!

Deutlich ruhiger und leerer waren die Ränge bei Equilibrium. Die Bayern haben mit ihrer Mischung aus Symphonic-, Power- und Melodic Death Metal eingefleischte Fans abgeholt, jedoch mit diesem Auftritt wohl keine Neuen dazugewinnen können. Gesehen am sonstigen Line-Up des Tages fiel dies leider etwas ab.

Ähnlich gemächlich wurde am Samstag auch begonnen. Oceans spielten vor fast leeren Rängen auf der Mainstage. Nicht zu verwechseln mit The Ocean, die beim letzten Festival die Medusa Stage begeisterten. Oceans kommen aus Deutschland und Österreich und spielen Modern Metal. Tatsächlich verbergen sich dahinter (ehemalige) Musiker von Sintech, Varg und Mathyr und sind mit ihrer sehr eigenen Mischung auch durchaus erfolgreich, nur an diesem Tag wollte der Funke von Band zu Publikum nicht überspringen.

Währenddessen spielten Gatecreeper sehr solide auf der Medusa Stage. An alles kann sich unser Long Covid Patient nicht erinnern. Jedoch glaubt er, es hat ihm sehr gefallen, als er mit Bierchen im See dazu geheadbangt hat.

Anschließend gaben Emil Bulls auf der Mad Max Mainstage einen ordentlichen Querschnitt ihrer Bandgeschichte ab. Sehr sympathisch, mit echt fettem Sound und ordentlich Spaß bei der Arbeit, holten sie das Publikum gut ab und pressten jeden Einzelnen aus wie eine überreife Zitrone.

Freudig erwartet wurden von uns Moscow Death Brigade. Wir erleben die Jungs immer super sympathisch, witzig und geerdet und jeder Gig geht von den Ohren direkt in die Beine – Circle-Pit-Hip-Hop!! Die Band zählt sich selbst zum linksradikalen Spektrum und so wurden Themen wie Solidarität, Flüchtlingshilfe und eine Anti-Krieg-Einstellung immer wieder angesprochen. Musikalisch boten sie einen bunten Strauß ihrer bisherigen Hits dar und erreichten mit ihrer energiegeladenen Show auch die lungernde Meute in den hintersten Ecken. Auch wenn das Publikum überschaubar war - wer da war, dem hat es sehr gefallen.

Zurück auf der Mainstage arbeiteten sich Kvelertak durch die Hitze, den Schweiß und die tobende Menge. Der norwegische „Würgegriff“ schlang sich erbarmungslos um die ausgelaugten Leiber und knüppelte rücksichtslos alles klein. Sänger Ivar Nikolaisen berannte die Bühne als Duracell-Häschen und legte einen unfassbar energetischen Auftritt hin. Das Publikum nahm dankend an und genoss die Show, wo auch immer sie noch die Kraft her nahmen.

Ein totales Kontrastprogramm lieferten uns Rotting Christ mit ihrer fetten schwarzen Messe auf der Seebühne. Die Griechen beeindruckten mit einer wilden Mischung aus gefährlich düster schleppend und hektischer Raserei. Seit 1987 (!) begeistern sie Verrückte aus aller Welt und boten an diesem Abend Songs aus allen Schaffensphasen. Das Publikum war völlig hin und weg und war bereit, nochmal alles zu geben und auch die letzte Körperflüssigkeit im Sand zu versenken.

Dann, endlich! Was haben wir uns vor 3 Jahren ein Loch in den Bauch gefreut, als wir von der Bestätigung von Frog Leap hörten. Auf YouTube seit Jahren eine absolute Ikone, versucht Leo seine Fans mit Metal-Covern von Pop Songs zu beglücken und präsentiert auf dem härtesten Acker, dass er dies auch live kann! Insgesamt einfach ein fetter Auftritt. Der Raum vor der Mainstage war verdammt gut gefühlt, ein Knistern hing in der Luft, hier scheinen sich einige sehr darauf gefreut zu haben. Das verrückte, weltoffene Full Force Publikum war natürlich bei jedem seiner Songs unfassbar textsicher und ging einfach nur tierisch ab. Überall grinsende Gesichter und zufriedene Tanzbein-Schwinger, haufenweise Crowdsurfer und richtig fetter Sound. Über die gesamte Zeit waren Bühne und Publikum eine Einheit und wollten sich so recht auch nicht mehr los lassen. Mit dem Song „Zombie“ war die Ehe zwischen Full Force und Frog Leap endgültig besiegelt, das dürfte man bis Dessau gehört haben. Unbedingt wieder einladen, könnte nach Erdbeerbowle zum Pflichtprogramm auf dem Acker werden!

Und schon ging es rüber zum nächsten Kontrastprogramm – SwissDie Anderen. Alle, die sich mit genug Erdbeerbowle versorgt haben, konnten das ordentlich feiern. Die Fans sind unfassbar abgegangen und tanzten sich wie wild das Hirn raus. „Das ist links- links- linksradikaler Schlager!“ Wir mussten dringend zur Nachbetankung an den Erdbeerbowle-Stand.

Auf der Mad Max machten es sich derweil Beartooth aus Columbus, Ohio gemütlich. Auch hier war das Publikum voll da und zahlreich anwesend, hatte Bock und ging tierisch ab. Mit fettem Sound und typischer Poser-Show holten sie die Meute auch standesgemäß ab und pushten sie bis zum erlösenden Ende. Insgesamt ein ziemlicher Abriss, welcher das Publikum dankend annahm. Für uns definitiv nochmal eine Steigerung zum letzten Auftritt der Amerikaner.

Auch Soilwork zogen eine ordentliche Publikumsmenge an und überzeugten mit klarem Sound. Mit einem Best-of Programm der letzten Jahre versorgten sie die gierigen Ohren und hinterließen ebenfalls nur ausgepowerte, verschwitzte, aber glückliche Leiber.

Den Abschluss des Abends und sicherlich für viele ein Highlight auf dem gesamten Festival bildeten The Ghost Inside auf der Mainstage. Ein Auftritt, auf den man viele Jahre gewartet hat. Sowohl die Fans als auch die Band! In anderthalb Stunden verschmolzen beide wieder zu einer sich liebenden Einheit und blickten sich verträumt einander in die Augen. Insgesamt war der Auftritt einfach nur unfassbar geil. Fetter Sound, fette Mucke, fette Produktion! Die Masse an Leuten feierten mit Circlepits, Wall of Death und Moshpits sowohl den Sound als auch die Pyro- und Lichtshow. Von beiden Seiten ein absoluter Abriss!

 

Am Sonntag eröffneten für uns Imminence auf der Mainstage. Auch wenn noch nicht allzu viele wach und bereit waren, überzeugten sie mit ihrer ganz eigenen Version von Post-Metalcore. Die Schweden setzen auf Hardcore mit Geige, was selbst fürs Full Force eine echt außergewöhnliche Mischung ist, aber tatsächlich ganz gut klang.

Me & That Men boten auf der Seebühne gemütliche Abwechslung und entspannte Stimmung. Irritierenderweise hingen die Backing Tracks immer wieder, jedoch sagte der Sänger sinngemäß, dass er Backing Tracks völlig in Ordnung findet und wer das anders sieht, kann sich gerne ins Knie fi*ken. Den Fans scheint das Musikprojekt des polnischen Musikers Adam Darski jedenfalls gefallen zu haben, hängende Backing Tracks hin oder her.

Zum Glück konnte anschließend jegliche Irritation an der Mad Max wieder abgetanzt werden – bei Stick To Your Guns! Das Publikum nahm es dankend an und erschien zahlreich. Die Amis aus Orange County bauten mächtig Druck auf und ließen diesen rücksichtslos auf die feiernde Meute niederprasseln. Insgesamt unglaublich fetter Sound, heftiger Auftritt und geile Stimmung.

Für alles, was anschließend auf der Medusa Stage geschah, fehlen jegliche Wortneuschöpfungen. Skynd kommen aus Australien, sind ein Musikprojekt von Sängerin Skynd und Multiinstrumentalist Father und verbinden mit ihrer Musik Industrial mit Electro. Die Texte handeln von wahren Verbrechen der Neuzeit, die Lieder sind nach Mördern oder Mordopfern benannt. Klingt erstmal alles gar nicht so übel. Was sich dann aber tatsächlich auf der Bühne abspielte war einfach nur abgefahren und musikalisch „sehr interessant“. Weltweit wird das Musikprojekt gehyped und erhält echt gute Kritiken, jedoch standen wir hier mit runtergeklappter Kinnlade und diversen Synapsen-Schnappern völlig irritiert am Rande. Ist uns so auch noch nicht passiert!

Zum Abschluss des Familienfestes in der Eisenstadt nahmen Heaven Shall Burn nochmal alles auseinander. Die Dauergäste auf dem Acker haben die letzten Jahre ebenfalls extrem gelitten und sich daher sichtlich gefreut, endlich wieder auf dem Full Force spielen zu können. Die Manege vor der Mainstage war übervoll, übermotiviert und übertrieben angefixt. Gefühlt gab es das ganze Konzert hindurch riesige Circle Pits und immer wieder Wall of Deaths, während die Jungs aus Thüringen Hit an Hit raus schallerten. Insgesamt wieder fetter Sound, geile Pyros und ein angemessener Auftritt. HSB und Full Force passen halt zusammen wie Arsch auf Eimer! Punkt.

 

Damit hatte auch das diesjährige Festival seinen würdigen Abschluss. 20.000 Bekloppte feierten in diesem Jahr auf dem „most metal place on earth“! Nach Corona und Ukraine-Krieg endlich mal wieder ein Hauch von heile Welt. Das außergewöhnliche Publikum machte das gesamte Party-Wochenende seinem Namen wieder alle Ehre und feierte ausgelassen, rücksichtsvoll und weltoffen. Die Musikauswahl war insgesamt wieder fett und so nimmt man jedes Jahr etwas Neues mit. Hoffen wir, dass die nächste Eskalation nicht wieder so lange auf sich warten lässt und wir uns im nächsten Jahr wieder nach Erdbeerbowle stinkend, nackt im See, in den Armen liegen können.

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