Underground Remains (Open Air) Pt. Vll - Festivalbericht

  • Datum: 08.06.2019
  • Ort: Göttingen, Zentralmensa
  • Besucher: 500
  • Redakteur: Jens Dunemann
Underground Remains (Open Air) Pt. Vll - Festivalbericht
Das verflixte siebte Jahr oder wie ein Open Air zur Indoor-Veranstaltung wurde.
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Unter keinem guten Stern stand in diesem Jahr die siebente Auflage des UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR im südniedersächsischen Göttingen. Das Festival, welches all die Jahre eine etablierte Heimstatt in Kooperation mit dem Haus der Kulturen im Stadtteil Grone hatte, sah sich knapp zwei Wochen vor dem Termin mit nicht umsetzbaren Auflagen der Stadtverwaltung Göttingen konfrontiert, die die Akteure zu einem organisatorischen Kraftakt herausforderten. Da sich auf die Schnelle kein adäquates Freiluft-Gelände als Alternative anbot, betrieb man mit Hilfe und Unterstützung des Kulturausschusses des Studentenwerkes Schadensbegrenzung und verlegte die Veranstaltung kurzerhand in die Zentralmensa der Göttinger Universität, die dem einen oder anderen schon von den "Full Metal Mensa"-Veranstaltungen ein Begriff sein dürfte. Nun mag es durchaus Veranstaltungsorte mit mehr Flair und Atmosphäre geben aber man kann nur vor allen beteiligten Akteuren den Hut ziehen, die (ganz sicher mit dem Rücken zur Wand) alles dafür getan haben, dass das UROA nicht nur 2019 stattfinden konnte, sondern darüber hinaus als Festival erhalten bleibt. 2020 dann hoffentlich wieder unter freiem Himmel.
 

Um noch einmal auf die Hintergründe einzugehen, welche die UROA-Organisatoren - sichtbar gezeichnet von der Enttäuschung - kurz nach der Bekanntgabe der Auflagen durch die Stadt Göttingen über ihre Facebook-Präsenz veröffentlicht hatten und welche darüber hinaus auch in einem Artikel des Göttinger Tageblattes erörtert wurden: Es nützt nichts, einer oder mehreren Parteien den schwarzen Peter zuzuschieben. Am Ende gab es offensichtlicher Weise vor allem zwischen Veranstaltern und Location gravierende Kommunikationsprobleme. Glaubt man dem Zeitungsartikel, dann waren die verschärften Auflagen, welche durch Anwohnerbeschwerden notwendig wurden, von der Stadtverwaltung gegenüber dem Betreiber des Veranstaltungsortes nach dem Ende der Saison 2018 offen kommuniziert worden. Wieso diese dann nicht an einen langjährigen "Partner", wie das UROA es vor Ort war, weiter gegeben wurden, ist durchaus fragwürdig. Somit kam das böse Erwachen leider erst im Rahmen der Anmeldung der Veranstaltung bei der örtlichen Behörde. Natürlich darf man sich auch fragen, wieso es nicht möglich ist, eine Veranstaltung wie das Open Air, welches vor Ort in jeder Hinsicht professionell durchorganisiert war und bei dem samstags um 23 Uhr bereits musikalischer Zapfenstreich war im Bereich einer Industriebrache ohne direkte Anwohner zu halten.
Man kann der zuständigen Behörde keinen Vorwurf machen, wenn sie die Lärmschutzinteressen der Bevölkerung umsetzt. Allerdings ist es für eine Veranstaltung wie dem UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR umso bitterer und auch unverständlich, wenn eine einzige Beschwerde, die sich auf eine sechsjährige Veranstaltungshistorie bezieht, dazu führt, dass Kulturschaffende an den Abgrund geführt werden. Hoffen wir, dass sich diese Episode letztlich als schmerzhafte aber wertvolle Erfahrung in die Historie des UNDERGROUND REMAINS OPEN AIRs einfügt, an denen dieses Festival wächst.
 
göttinger tageblatt


Doch nun zum Festival selbst:
 
Obwohl die Running Order nach dem Umzug in die Mensa modifiziert und nach hinten verschoben wurde, verspätet sich der Festivalauftakt gehörig. Wenn es läuft, dann halt richtig. REPULSIVE FEAST lassen sich dadurch aber keineswegs aus dem Konzept bringen. Das Trio um Arcane Frost-Aron, Demored-Magnus und Cryptic Brood-Steffen haben einen Hang und Drang für rohen, groben und extrem ranzigen Death Metal mit Grindcore-Attacken, simpel brutal und auf alles Wesentliche reduziert, kraftvoll ohne dabei ins Chaos abzudriften. Leider gleicht die Vocal-Performance von Aron und Magnus über weite Strecken des rund halbstündigen Gigs einer Stummfilm-Einlage. Trotz dieser Soundprobleme weiß das Trio am Nachmittag in einer Location, die trotz aller Mühen der Veranstalter weitgehend frei von Flair und Atmosphäre ist, zu überzeugen und bietet für einen Opener einen schon recht amtlichen Auftakt, der auch vom noch recht überschaubaren Publikum honoriert wird.
 
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repulsive feast
 
 
Keine Wohltat ist auch nach wie vor das Bier. Zwar ist die Brauerei Allersheim aus Holzminden eine regionale Marke und es dürfte Gründe geben, die den Ausschlag für den Zuschlag gegeben haben. Zwar gibt es durchaus schlechtere Biere aber wenn die Bockbiermetropole doch schon vor den Toren Göttingens liegt, lechtzt der Biergourmet in mir doch mit jedem Becher mehr nach dem flüssigen Gold aus der Fachwerkstadt...
Musikalisch wird es danach weitaus besser. Vom Namen her hatte ich mit NEKROVAULT eine weitere Deathgrind-Combo auf dem Zettel. Doch weit gefehlt. Das Quartett um den ehemaligen Revel In Flesh - Drummer V. zelebriert sehr schwarzen und abwechslungsreichen Death Metal mit jeder Menge Atmosphäre, der frappierend an Bölzer erinnert, wobei man jedoch deutlich hört, dass man instrumentell als Vierer weitaus weniger limitiert als die Eidgenossen ist. Der Sound vor der Bühne ist jetzt wesentlich differenzierter und obwohl die Combo erst zwei EPs auf der Habenseite verbuchen kann so unterstreicht sie, dass hier gestandene Musiker(innen) auf der Bühne stehen, die zu Recht bei Ván untergekommen sind.
 
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nekrovault
 
Einen Deal können LEBENSSUCHT zwar noch nicht vorweisen, bereit sind Frau und Männer dafür aber allemal. Der Sound des in Deutschland, Belgien und Österreich beheimateten Kollektivs ist alles andere als lebensbejahend sondern pendelt zwischen schwarz-metallischer Avantgarde und Suicidal Black Metal. Mit Corpsepaint, (kunst-)blutverschierte weiße Kleider und Leiber, viel Theatralik und Pathos baden LEBENSSUCHT, angeführt von Sängerin S Caedes, mit geöffneten Pulsadern im lauwarmen Wannenwasser, begleitet von bittersüßen und doch klirrend-warmen Gitarrenklängen und den wirklich großartigen, hochemotionalen Wechselgesängen der Instrumentalfraktion. Eigentlich ist das musikalisch noch nicht einmal sonderlich spektakulär aber LEBENSSUCHT sind einfach verdammt gut in dem, was sie machen und sie wissen damit zu überzeugen.
 
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lebenssucht
 
AGE OF WOE ist die erste Band des Abends bzw. des Nachmittags, die mich so gar nicht begeistern oder gar abholen kann. Der todesmetallische Rock ´N´ Roll mit zeitweiser Crust- und Stoner-Schlagseite ist einfach nichts für mich, obwohl die Schweden bei manch´einem Besucher den Ausschlag für den Ticket-Kauf für das diesjährige UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR gegeben haben soll. Für mich fühlt sich alles viel zu hipstermäßig an. Wobei der Auftritt bedauerlicherweise nur wenige Songs dauert, denn die Band und insbesondere Sänger Sonny erwischen einen rabenschwarzen Tag. Mitten in der Performance kollabiert der Frontmann plötzlich. Es folgen beunruhigende und bange Momente der Stille, bis der Sänger schließlich wieder zu sich kommt und von den herbei geeilten Sanitätern von der Bühne geleitet wird. Glücklicherweise stellt sich im Krankenhaus später heraus, dass es wohl nur am Flüssigkeitsmangel gelegen hat. Das hätte auch schlimmer ausgehen können, wobei die Situation für alle Beteiligten, ob Band, Veranstalter und Publikum ein ordentlicher Stimmungsdämpfer ist.
 
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age of woe
 
Thrash Metal hat Tradition auf dem UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR. Vor zwei Jahren waren es die Wolfsburger von Revolt, im vergangenen Jahr mit Distillator und Pripjat gleich zwei Thrash-Hochkaräter. Dieses Mal sind also TRAITOR dran. Das Quartett aus Balingen um den singenden Trommler Andreas Mozer fährt in Fahrwassern der frühen Kreator, macht die Mensa zum ersten Mal so richtig voll und erntet mit einem ernergiegeladenen Auftritt weiterhin erstmals an diesem Nachmittag so richtig überschwengliche Reaktionen. Aber obschon Traitor ein richtiges Feuerwerk abbrennen und sich nach der Schrecksekunde bei Age Of Woe scheinbar so richtig ins Zeug legen, um das Festival wieder in die richtige Spur zu bringen: So richtig packt es mich dann doch nicht. Woran es liegt vermag ich kaum zu sagen, es macht ordentlich Laune aber so richtig umgehauen werde ich nicht.
 
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traitor
 
KRISIUN können oder wollen die Zeit, die aufgrund der bedauerlichen Umstände des Age Of Woe - Gigs durch Traitor wieder herein geholt wurde, nicht gut machen. Wobei auf dem aktuellen Slot nach den süddeutschen Thrashern ja eigentlich sowieso Lifeless dran gewesen wären. Es passiert erstmal nichts und dann daddeln und soundchecken die Brasilianer eine gefühlte Ewigkeit an ihrer bereits seit dem Mittag auf der Bühne stehenden Backline herum. Es folgt die erwartete amtliche, technische und spielerische Messe. Es gibt kaum Formationen in der gesamten Szene, die mit solch´außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegnet sind. Doch zwischen den Enthusiasten und leidenschaftlichen Bands aus der zweiten und dritten Reihe, die sich auf dem UROA die Klinke in die Hand geben, wirkt die Performance abseits der technischen Perfektion des Trios klinisch und mitunter fast blutleer. Die Ansagen wirken kühl und kalkuliert. Zwar wissen KRISIUN einen nicht unerheblichen Teil des Publikums mit ihrer Prügelarie zu überzeugen. Dennoch wird mir im Verlauf eines Sets, der über weite Strecken nach Schema F an mir vorbei rauscht, so richtig bewusst, dass die 1990 gegründeten Urgesteine zwar mittlerweile neben vielen Demos, Splits und EPs satte elf Longplayer auf der Habenseite haben. Dabei war das Niveau mitunter immer überragend aber einen Death Metal - Klassiker oder einen unentbehrlichen Meilenstein, der in jede Sammlung gehört, den hat man bisher vermissen lassen. Und daher ist der Auftritt von KRISIUN auf dem UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR vielleicht einer der namentlich größten aus Veranstalter-Sicht aber aus meinem persönlichen Blickwinkel einer der belanglosesten.
 
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krisiun
 
Im Publikum ist es zwar schon etwas ausgedünnt, als LIFELESS anschließend die Bühne entern, der Stimmung tut dies aber längst keinen Abbruch. Das Quartett aus dem FDA-Stall ist auch so eine Combo, die ich bisher nicht auf auf meiner Liste hatte. Was hier geboten wird ist bester HM2-Sound mit massiven Riffwänden, morbiden und verstörenden Melodie- und Gitarrenlead-Abgründen in bester "Left Hand Path"-Manier samt einem fetten Rythmusgewitter und einem Sänger, der alles Übel der Welt aus seinen Lungen brüllt und schreit. Und doch bleibt zwischendurch noch Zeit für gute Laune mit der Marc Niederhagemann sein Publikum durch einen äußerst kurzweiligen Set führt. Im Vergleich zu Krisiun ist das natürlich alles andere als innovativ und technisch weitaus weniger versiert aber dafür reißen Lifeless mit und machen Spaß. Zwar sind Dismember- und Entombed-Zitate unüberhörbar, die Band scheint jedoch mindestens genauso viele Einflüsse aus den Werken der wesentlich düsteren Schwedenkollegen von Necrophobic oder Dissection zu ziehen. Mit diesem Gebräu aus den Elchlanden gelingt es Lifeless jedoch über weite Strecken eine ziemlich eigene Todesmetall-Atmosphäre zu kreieren, die sie deutlich von anderen Formationen des Genres abhebt. Die großartige Coverversion von "Casket Garden" nimmt man gern mit aber die Dortmunder haben auch ohne dieses musikalische Sahnehäubchen mindestens einen Fan mehr.
 
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lifeless
 
Zitate und musikalische Verbeugungen gibt es anschließend auch bei STALLION zuhauf. Die Uhr ist bereits weit vorgerückt und so begrüßen die Jungs aus Baden-Württemberg die versprengte und bereits deutlich dezimierte Meute vor der Bühne mit einem ausgelassenen "Guten Morgen, Göttingen!". Sowohl Stallion, als auch Fans haben tierischen Bock, die Mensa final zu rocken. Das, was hier von der Bühne auf die partywütigen Metalheads einprasselt ist eine Huldigung der Hochphase des Heavy- Speed- und Thrash Metals vornehmlich deutscher Prägung. Stallion spielen sich den Arsch ab und wissen von der ersten, bis zur letzten Minute zu begeistern. Die Einflüsse des Quintetts mögen zwar in den Achtzigern liegen, aber was diese Jungs daraus machen klingt nicht nur live frisch und kraftvoll, das ist zeitloser Metal aus dem Hier und Jetzt. Ein absolut würdiger Headliner und Abschluss des UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR 2019.
 
Stallion by Johanna 19 09 00 PM
stallion
 
Trotz der äußerst widrigen Umstände darf man sagen, dass das UROA 2019 auch im ungewohnten, sehr zweckmäßigen, vor allem aber überdachtem Umfeld funktioniert und vielen Gästen mehr als Freude bereitet hat. Den Kraftakt, den es bedurfte, innerhalb von zwei Wochen einen Umzug des kompletten und bereits durchgeplanten Festivals in eine neue Location zu bewerkstelligen, kann man als Außenstehender wohl nur erahnen. Insofern kann man diese Leistung den Organisatoren um Max & Crew gar nicht hoch genug anrechnen.
Ein Termin für eine Auflage im Jahr 2020 steht bisher ebenso wenig fest, wie Bands, geschweige denn ein neuer Veranstaltungsort.
Aber es bleibt nicht nur zu hoffen, sondern zu wünschen, dass es auch im kommenden Jahr ein UNDERGROUND REMAINS OPEN AIR in Göttingen geben wird. Denn es steht ohne Zweifel fest, dass dieses Event inzwischen ein wichtiger Szenetreff für Bands, Fans und Maniacs aus dem Metal in der Region Südniedersachsen, Nordhessen und Thüringen ist.

uroa thanks
 
Neben den Organisatoren gilt mein besonderer Dank an Johanna Edler für das Bildmaterial von Stallion, da unser Twilight-Fotograf Carsten leider verhindert war und einen endgeilen Abschluss des Festivals verpasst hat.



Kommende Veranstaltungen der UNDERGROUND REMAINS - CREW:

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