Wolfszeit Festival 2020 - Freitag

Wolfszeit Festival 2020 - Freitag
  • Datum: Freitag, 25 September 2020
  • Ort: Entenfang Torgau
  • Redakteur: Carsten Brand

Unser nunmehr zweiter Festivalericht in diesem Jahr. Wir haben zwar schon September, aber die Gründe des Warum sind ja hinlänglich bekannt. Wir freuen uns umsomehr, dass neben dem Fimbul Festival auch das Wolfszeit stattfinden kann. Möglich ist das allerdings auch wieder nur, weil sich der Veranstalter sehr weit aus dem Fenster lehnt und ein hohes Risiko eingeht, das Festival steigen zu lassen. Im Gegenzug musste die Besucheranzahl reduziert werden, die Ticketpreise wurden im Rahmen von Supporter Tickets leicht angehoben. Aber das Team rund um VARG-Trommler Sille, der dieses Jahr Wortführer ist, lässt sich von Lappalien wie einer globalen Pandemie nicht einschüchtern und hat gekämpft, verhandelt und diskutiert, um das Wolfszeit, das in diesem Zuge zum größten Metalfestival 2020 avanciert ist, doch noch stattfinden lassen zu können. Da das aufgrund von Ländervorschriften auf dem gewohnten Gelände im Ferienland Crispendorf in Thüringen leider nicht möglich gewesen wäre, siedeln die Wölfe dieses Jahr auf das Gelände des IN FLAMMEN Open Air im beschaulichen Torgau um.

Trotzdem findet das Festival dieses Jahr natürlich unter besonderen Bedingungen statt. Im Vorfeld muss das Ticket unter Angabe weiterer Camp-Teilnehmer online freigeschaltet werden und wer das Gelände im Laufe des Festivals verlässt, darf nicht wieder rauf. Wer also nicht genug eingekauft hat, muss auf das kulinarische Angebot im Infield zurückgreifen, das aber, wie auch die Getränke dort, sehr erschwinglich ist. Außerdem gilt in Torgau Maskenpflicht – O-Ton: „Tragt sie einfach überall außer bei euch im Camp.“ Am ersten Abend muss das Ordnungsamt, das zur Kontrolle vor Ort ist, noch vermehrt erinnern und ermahnen, bis alle Wölfe sich an ihr neues Accessoire gewöhnt haben.


bra 004 02 helgrindur 7364Der eigentliche Grund, warum sich eine Horde Schwarzgekleideter auf einer Wiese in Sachsen trifft, macht den Aufwand aber mehr als wett. Endlich wieder Livemusik! Die Ehre, das Wolfszeit zu eröffnen und der nach Musik hungrigen Meute endlich eine ordentliche Breitseite Metal auf die Ohren zu geben, haben die Pagan Metaller HELGRINDUR. Diese spielen Songs von ihrem bisher einzigen Album „Von Einst“ und bemühen sich redlich um Publikumsinteraktion, doch für Mitsingspiele haben sich die Zuschauer um 14 Uhr entweder noch nicht genug warmgetrunken oder Masken und Sicherheitsabstand verhindern es noch zu sehr, sich als Teil der Masse zu fühlen und loszulassen. Nichtsdestotrotz verlangt das Publikum nach Ende des Sets lautstark nach einer Zugabe – und HELGRINDUR lassen sich nicht zweimal bitten.


bra 052 03 totengefluester 8852Weiter geht es mit TOTENGEFLÜSTER, die mit bösem Corpsepaint im fahlen Sonnenlicht ein mehr als stimmiges Bild abgeben. Sowohl optisch als auch musikalisch haben die Symphonic Black Metaller einen ganz eigenen Stil. Sänger Narbengrund bewegt sich auf der Bühne sehr extrovertiert und punktet mit besonders wertschätzenden Aussagen à la „Der nächste Song ist nach euch betitelt: Ungeziefer“ (Vermin vom neuesten Album The Faceless Divine). Leider soll dies allerdings der Abschiedsgig von TOTENGEFLÜSTER sein. Schon im April gab Mastermind Totleben bekannt, die Band auflösen zu wollen, weil er sich dort nicht mehr zu Hause fühlt. Schade!


bra 062 04 ellende 9428Bei den folgenden ELLENDE ist streitbar, ob die schneidende Kälte oder die nicht minder kalte Musik Teilen des Publikums Tränen in die Augen treibt. Die Österreicher schrecken weder vor Akustikgitarren noch vor dem exzessiven Einsatz der Nebelmaschine zurück, um eine Atmosphäre aufzubauen, die den Zuschauern bis ins Mark dringt. Dabei ist die Musik der Post Black Metaller an sich schon so intensiv und der Sound einwandfrei, dass eine „Ablenkung“ in dem Sinne hier gar nicht notwendig gewesen wäre. ELLENDE liefern ein stimmiges Gesamtkonzept und sind am ersten Festivaltag in Torgau definitiv der Headliner der Herzen.


bra 109 05 asenblut 0873Wer wäre besser geeignet, um das zufriedene aber emotional angeschlagene Publikum wieder aufzurichten, als ASENBLUT? Sänger Tetzel sieht als sechststärkster Mann Deutschlands nicht nur nach Power aus – was ihm von der ersten Sekunde an lautstarke „Zieh dich aus“-Rufe einbringt – sondern strahlt auch während seines Auftritts Kraft und Spielfreude aus. Obwohl er sich nach einigen Liedern in sein Schicksal fügt und den Forderungen nach nackter Haut nachkommt, sind ASENBLUT nicht nur ein Spektakel fürs Auge, sondern auch fürs Ohr. Die melodischen Riffs und Tetzels böses Growling bei Tracks wie „Berserkerzorn“ und „Drachentöter“ kommen durch den großartigen Sound auch bis ganz hinten glasklar an und bringen die Knie zum Federn und Nacken zum Kreisen.


bra 146 06 wolfchant 1766Der leichte Regen verspricht für das warmgelaufene Publikum eine kleine Abkühlung, doch WOLFCHANT lassen keine Gnade walten und starten, um die Temperatur aufrecht zu erhalten, den ersten Mini-Pit des Festivals. Daran, ob dafür tatsächlich die Musik oder eher der mittlerweile erreichte Pegel verantwortlich ist, scheiden sich allerdings die Geister. Als besonderes Schmankerl spielen die Bayern erstmalig ihren neuen Song „Komet“ vom im April erscheinenden Album, das bisher allerdings noch keinen Namen hat und beenden ihr Set, nachdem die Wölfe nachdrücklich eine Zugabe verlangen, mit „Bollwerk“.


bra 182 07 harakiri for the sky 8412Der stärker werdende Regen und die endlich angebrochene Dunkelheit schaffen das perfekte Setting für HARAKIRI FOR THE SKY. Sänger J.J. tigert wie ein gefangenes Tier über die Bühne und schreit seine Wut und Verzweiflung eindrucksvoll ins Publikum. Die plötzliche Kälte schneidet zusammen mit der Musik bis ins Mark und es wirkt, als wäre sogar die Natur von der Performance der Österreicher beeindruckt. Der Regen wird stärker und schwächer, immer im Einklang mit der Intensität der Songs, und auch der durch die hochgezogenen Kapuzen gedämpfte Sound kann die Ekstase bei Tracks wie „Jhator“ nicht schwächen.


bra 211 08 mgla 8833Wer denkt, dass die Messlatte nun zu hoch ist und der Abend nicht noch besser werden kann: Fehlanzeige. MGŁA knüpfen nahtlos an die bestehende Atmosphäre an. Ihrem Namen zur Ehre (polnisch: Nebel) setzen sie die Nebelmaschine exzessiv ein und knüppeln ihren Black Metal gnadenlos ins Publikum. Mit einem Querschnitt durch die aktuellen Alben und einem trotz der komplexen Musik glasklaren Sound gibt es hier für niemanden Grund zur Beschwerde. MGŁA verschwenden keine Zeit damit, sich um eine Zugabe bitten zu lassen oder Lückenfüller-Zwischenansagen einzustreuen, sondern überzeugen durch nichts weiter als ihre Musik. Sie nutzen ihre Spielzeit bis zur letzten Minute und verlassen wortlos die Bühne, während das Publikum noch wie in Trance einen Moment stehenbleibt und zu begreifen versucht, was hier eigentlich gerade passiert ist.

Es kann nicht nur am langen Festivalentzug liegen, auch unter „normalen“ Bedingungen wäre der erste Tag des Wolfszeit Festivals ein extrem starker Auftakt gewesen. In einem Wechselbad der Gefühle zwischen Power und Party, Kälte und Wut haben die Zuschauer das komplette Spektrum des Pagan und Black Metal Genres erlebt und wanken ausgekühlt aber ekstatisch zurück in ihre Camps – oder zurück zum Bierwagen.

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