Dritte Wahl – Faust Hannover – 12.11.2022

Dritte Wahl – Faust Hannover – 12.11.2022
Wenn man sich mit einer promovierten Geographin, die zudem noch für einen führenden Navi-Hersteller tätig ist, auf den Weg zur Faust nach Hannover macht, dann kann man sogar nach einigen baustellenbedingten Irrfahrten das leidige Parkplatzproblem in Linden umgehen. Ein gutes Omen für einen Abend voller Roggen Roll?

Die Verlegung der Verlegung der 3D-Tour führte die Rostocker letztlich auch vom ursprünglichen Venue (Musikzentrum) in die 60er Jahre Halle der Faust, wo die Band vor einigen Wochen bereits „ausverkauft“ melden konnten. Ein Segen für Band und Veranstalter, ein kalter Schauer auf dem Rücken für die Besucher: ausverkaufte Faust. Das bedeutet meist gute Planung, denn dann ist kein schneller Gang zur Toilette, zur Theke oder irgendwo anders hin mehr möglich. Also haben wir uns gleich nach dem Einlass einen strategisch guten Platz zwischen Theke und Bühne gesichert, um für die zwei Stunden DRITTE WAHL gerüstet zu sein. Eine Vorband gab es heute nicht, denn die Punkrocker mussten um 22 Uhr mit dem Programm durch sein, um Platz für eine weitere Veranstaltung zu machen.

Pünktlich um 20 Uhr wurde der Reigen dann mit „Rausch“ und viel Elan eröffnet und es zeichnete sich schon bald ab, dass heute kein Fan enttäuscht werden würde. Mit „Was zur Hölle“ gab es dann auch gleich den ersten Ausflug in die Welt des aktuellen 3D-Albums und für meinen Geschmack kommt der Song live um ein Vielfaches rauer und besser rüber als in der Studioversion. Hier ist Pogo und Mitgrölen angesagt und das Publikum ließ sich auch nicht lange bitten. Basser/Sänger Stefan und Sänger/Gitarrist Gunnar sind natürlich seit langem ein eingespieltes Team, dass sich die Frontmann-Position im Grunde teilt, auch wenn Gunnar für die mal unterhaltsamen, mal ernsten Ansagen zuständig bleibt. Ich finde es immer wieder toll, wie DRITTE WAHL auf der Bühne Ernsthaftigkeit und Entertainment verbinden. So durften die Fans Sensationelles erleben, wie einen etwa „30jährigen“ Punkrocker, der seine Gitarre stimmt (unvorstellbar – und wohl auch unnötig – im letzten Jahrhundert), aber auch ernste politische Appelle zur Situation der EU und Julian Assange, der der Titelheld des Songs „Ikarus“ ist. Ein Thema, welches Gunnar hörbar bewegt. Insofern beantwortete sich auch spätestens in diesem Moment, ob man heute überhaupt noch Punk sein kann, wenn man vor ausverkauftem Haus spielt und kein Bandmitglied mindestens einen Arm vollständig tätowiert hat. Ohnehin musste man mit Erschrecken feststellen, dass ein Song wie „Zu schön um wahr zu sein“ (2015) heute aktueller klingt als je zuvor. Das gilt aber auch für „Greif ein“ (1996), welches im hinteren Teil des regulären Sets zum Besten gegeben wurde. Dass heute der Punk regierte, wurde dann auch an DRITTE WAHLs Ode an die FDP und seinen Vorzeigeschönling Lindner deutlich: „Das regelt der Markt“ führte einem mal wieder vor Augen, dass hier einiges falsch läuft. Doch dass Geld mittlerweile auch den Alltag von DRITTE WAHL regiert, wurde umgehend klar, als Drummer Krell die Arbeit verweigerte und erst nach einer Gehaltserhöhung von 10 Euro wieder zu den Stöcken griff. Allerdings muss man zugeben, dass er sich diesen Bonus auch verdient hat, denn wenn der Rest der Band später von der Bühne ging, musste er immer noch den Rhythmus für die klatschenden Fans vorgeben.

Aber es gab natürlich auch eskapistische Momente und die führten Band und Fans meist ans Meer: „Zur See“, „Sonne & Meer“, „Der Himmel über uns“, oder „Fliegen“, die punkrockige Version von Reinhard Meys „Über den Wolken“, vom „Gib Acht!“ Album.

Nach einer guten Stunde war es dann Zeit für das geniale „Zeit bleib stehen“, welches phrenetisch abgefeiert wurde. Kein Wunder also, dass die Fans in bester DRITTE WAHL-Tradition lauthals weitersangen, als die Band die Bühne verließ. So wurde der Zugabenteil also begonnen, wie das reguläre Set beendet wurde: mit „Zeit bleib stehen“. Danach war es an der Zeit für Frontmann Gunnar sich fremdzuschämen, denn ein Song wie „Zusammen“ ist halt irgendwie cringe. Störte aber niemanden, zumal der Refrain am Ende noch an Hannover angepasst wurde. Die Lokalpatrioten in der Halle hatte ohnehin Grund zur Freude, denn Stephan hatte kurzerhand noch eine Hymne für die Hannover Messe komponiert. Gunnar kam nicht umhin, dieses Klangerlebnis als große Kunst zu bezeichnen. Dem ist sicher nichts hinzuzufügen. Auch die Fans erkennen, wenn sie der Geburt eines echten Kunstwerks beiwohnen.
In seiner Ansage zu „Sklave“ machte sich Gunnar etwas älter als er ist, denn der Song stammt natürlich nicht aus dem Jahr 1986, sondern vom 98er „Strahlen“ Album. Macht aber nichts, trotzdem ein Highlight. Genauso wie das leicht melancholische Ständchen über eine Hafenkneipe, welches den zweiten Zugabenteil einleitete. Dann ging es mit „Auge um Auge“ noch mal ganz weit in die Vergangenheit, bevor es mit „Sirenen“ in die finale Runde des Abends ging. Natürlich hätte ich mir auch dieses Mal wieder einen fröhlicheren Abschluss gewünscht, aber auch so fand der Abend einen versöhnlichen Ausgang, zumal sich die Band anschließend nochmal ordentlich auf der Bühne feiern ließ.
Insgesamt war der Sound an diesem Abend schlechter als beim letzten Gastspiel in Hannover, so dass der Gesang nicht immer perfekt rüberkam. Dafür donnerte Krells Drumkit mit aller Macht durch die Halle. Die Fans hat es nicht gestört, der Circle-Pit wurde dann auch schonmal mit einem Schuh in der Hand abgefeiert, gegen Ende der Show rafften sich die ersten Crowdsurfer auf und surften in Richtung Bühne. Abgesehen von der Tatsache, dass mir natürlich „Bad K.“ an diesem Abend fehlte, haben DRITTE WAHL mit Songs wie „Störung“, „Keine Angst“, „Zeit bleib stehen“ oder auch aktuellerem Material wie „Was zur Hölle“ so viele Hits im Petto, dass eine Show der Band unweigerlich zum Erfolg werden muss. Besser kann man Politotainment nicht darbieten. DRITTE WAHL sind und bleiben live eine Macht. Wer es gestern verpasst hat, hat im Februar noch die Chance das Erlebnis nachzuholen, wenn die Truppe in Hameln und Göttingen Station macht.

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