Sick of Society, Die Siffer, Selbstbedienung – Kopernikus Hannover

Sick of Society, Die Siffer, Selbstbedienung – Kopernikus Hannover

Dass wir Metaller im Grunde nichts weiter als die mädchenhaften Mimosen der Musikszene sind, wird immer wieder klar, wenn man mal so ein echtes, authentisches Punk Rock Konzert besucht. Dank der Schwaben SICK OF SOCIETY, DIE SIFFER und den Schweizern von SELBSTBEDIENUNG ergab sich mal wieder eine solche Gelegenheit. Zielort eingeben: Kopernikus Hannover!

Als modisches i-Tüpfelchen habe ich noch schnell eine Jacke übergeworfen und schaute entsprechend dumm aus der Wäsche, als ich bei ca. 11 Grad Außentemperatur feststellte, dass es sich bei dem Konzert um eine Freileichtshow auf der „Dachterrasse“ des Kopernikus handelte.

Sowohl durch Metalshows als auch durch die Vorträge beim Hildesheimer Heimat- und Geschichtsverein zur Pünktlichkeit erzogen, bahnten wir uns um kurz nach 20 Uhr unseren Weg durch die verschlungenen Wege des Kopernikus. Schwere Eisentür öffnen, düstere Treppe hochsteigen, der ballernden Musik folgen und schon steht man mitten in einem Kneipenraum in dem einige Punks in gemütlicher Runde Tischfußballspiel spielten und ein paar Pfeile warfen. Auf dem in die Jahre gekommenen Tresen brutzelten zwei große Töpfe Chili vor sich hin. Von einer Bühne keine Spur. Aha, am anderen Ende des Raumes führte eine weitere Treppe nach oben. Also im geduckten Schritt unter den Pfeilen der Dart-Spieler hindurch und raus an die frische Luft. Auf der entlegenen Seite eines geräumigen Hofes war die Bühne zu sehen. Gegenüber lag die Bar – erstmal dorthin und ein Getränk holen. Mit 1.60,- € für zwei Fritz-Kola liegt der Verkaufspreis wahrscheinlich noch unter dem Eintrittspreis. Wer hier also noch über Preise meckert, gehört in die Anstalt. Das ich dort besser aufgehoben wäre, konnte man dem Blick des freundlichen Barkeepers entnehmen, als ich vorschnell nach einem Flaschenöffner fragte und er mit verwirrtem Blick zum Feuerzeug griff und die beiden Pullen enthauptete.

Für 4-5€ bekam man an der schnell errichteten Kasse neben der Zugangsberechtigung auch noch einen schönen Smiley auf die Hand gemalt. Außerdem machte sich die Erkenntnis breit, dass vor 21.-21.30 Uhr hier wohl niemand auf die Bühne gehen würde. Im Hintergrund probten derweil noch DIE SIFFER, die kurzerhand S.O.S. Drummer Oli anlernten, da ihr eigener Drummer aus gesundheitlichen Gründen verhindert war.  Plan B: Aufwärmen im Kneipenraum. Dort erfuhren wir, dass das Chili-Angebot ein kostenloser Service für alle Gäste war. Tschüsch. Nach und nach fanden sich auch einige Punk-Rock-Stammgäste ein – ein junger Punk stellte verwundert fest, dass er einen Tag zu früh aus Dresden angereist war, da er eigentlich erst am Samstag zu einem Konzert wollte. Er nahm es mit Humor und kickerte erstmal ‘ne Runde.

Einen T-Shirt-Kauf später, so gegen 21.30 Uhr ging das Konzert dann auch tatsächlich los und das Marbacher Punkrock-Trio DIE SIFFER enterte die Eckbühne des Kopernikus. Sie bezeichnen sich selbst als Hardcorepopband und sorgten vor allem mit ihrem Song samt dazugehörigem Logo „(Nazis haben ‘ne) Scheißfrisur“ für Aufsehen in der Szene. Mit einem optisch vergleichsweise braven Äußeren zockten die Jungs ihren politischen Punkrock mit einer gehörigen Portion Humor frisch und frei von der Leber weg. Mit Songs wie „Stullenbaat“ sorgten die Jungs auch für erste Zuckungen bei der überschaubaren Punk-Ansammlung vor der Bühne. Aufgrund des Schlagzeugprovisoriums war die Show dann allerdings auch schnell vorbei. Trotzdem sehr unterhaltsam.

Mittlerweile gingen im Innenhof diverse Baureste und Bretter in einer Eisentonne in Flammen auf und man konnte sich etwas aufwärmen. Streetcredibility pur also. DIE SIFFER Basser G.Rram war jedoch nicht der Einzige, der aufgrund der Geruchsentwicklung vermutete, dass getrocknete Kotreste ihren Weg in die Tonne gefunden hatten. Wie auch immer, es wurde wärmer…

…und Zeit für den Auftritt von SICK OF SOCIETY. Nach 25 Jahren unter dem S.O.S. Banner führte der Weg der Band erstmals auch in die niedersächsische Landeshauptstaat. Seit diesem Jahrzehnt ist aus der Punkrockband ja bekanntlich eine Deutschpunkband geworden. Das Set war dementsprechend eine Mischung aus englischen und deutschen Songs, das ihren Höhepunkt selbstverständlich im abschließenden „Es kommt die Zeit“ vom aktuellen Album „Perlen vor die Säue“ fand. Auf backstagepro.de findet sich unter „Anspruch“ die Angabe „ambitioniert“ und unter „skills“ steht zu lesen: „erfahren/sehr erfahren.“

Dies bestätigte sich am heutigen Abend, denn die Band, die heute als Trio mit nur einer Gitarre auftrat, ballerte trotz des überschaubaren Publikums aus allen Rohren und zockte ein hörenswertes Set. Vor der Bühne torkelten vor allem drei-vier leicht-bis schwer mitgenommene Punks vor und zurück und auf der Bühne mühte sich einer der Kopernikus-Veranstalter redlich um Textsicherheit, um bei „Es kommt die Zeit“ mitzusingen. Letztlich musste er sich jedoch der Einsicht hingeben, dass er kein einziges Wort des Refrains kannte. Er selbst und die Band verziehen es ihm. „Klare Worte“ wurde mit entsprechend klaren Worten angekündigt und Klampfer Chris wetterte ordentlich gegen die Band FREIWILD. Am Ende des Tages durfte man den Schwaben attestieren, dass sie ihre Feuertaufe in Hannover gut bestanden haben. Schade nur, dass nicht mehr Punkrockfans den Weg ins Kopernikus gefunden haben.

Die Schweizer von SELBSTBEDIENUNG haben wir leider nicht mehr mitbekommen, da wir es schließlich vorgezogen haben, dem Kältetod von der Schippe zu springen. Nichtsdestotrotz wird dieses Konzert ohne Zweifel noch lange im Gedächtnis bleiben. Auf meiner Liste der kultigsten Konzerte rangiert der Abend im Kopernikus auf jedenfalls neben der Show von DRITTE WAHL und den DÖDELHAIEN Mitte der 90er im JUZ Salzgitter sowie eines unvergessenen LEATHERFACE Konzerts im Juzi Göttingen. Mehr Punk geht nun wirklich nicht.