Critical Mess - Man Made Machine Made Man

CD Reviews, Critical Mess - Man Made Machine Made Man

Was für ein Brett. CRITICAL MESS hauen am 21.6. nur ein gutes Jahr nach dem ersten bereits ihr zweites Studioalbum raus. Und die Hannoveraner Death Metaller um Frontfrau Britta "Elchkuh" Görtz haben sich echt nicht lumpen lassen - wir reden hier nicht von einem kleinen Brettchen, auf dem man sich sein Butterbrot schmiert. Eher von 'ner ausgewachsenen Küchenplatte, wo man Fleisch drauf klopft und Zwiebeln hackt, bis einem die Augen tränen. Krasser Scheiß!
Zweifelsohne handelt es sich bei Britta Görtz, vormals insbesondere bekannt durch CRIPPER, um eine der beeindruckensten Frontfrauen in der Metalszene. Nicht nur im deutschen Raum, sondern auch international gesehen. Denn wer sonst schafft es, sich ohne viel Aufhebens um die Weiblichkeit vollkommen unaufgeregt in die Herzen der Fans zu brüllen? Mit ihrer brutalen Stimmgewalt kann sie es ohne weiteres mit den männlichen Kollegen aufnehmen, sowas wie Clean-Gesang ist nicht notwendig. 
 
Und so ist nun auch CRITICAL MESS' neues Studioalbum "Man Made Machine Made Man" ein Paradebeispiel für richtig soliden Death Metal. Es handelt sich dabei um ein Konzeptalbum, bei dem uns der Titel bereits inhaltlich die Richtung weist: die fortschreitende Technisierung in der heutigen Zeit und ihr Einfluss auf den Menschen. Könnte man ja fast eine wissenschaftliche Abhandlung drüber schreiben. CRITICAL MESS hingegen ziehen es zu unserem Glück vor, sich eher mithilfe donnernder Drums, unbarmherziger Gitarrensounds und der oben beschriebenen Growlkraft von Görtz mit dem Thema auseinanderzusetzen. Übrigens ist das Quintett im Sommer auch auf einigen europäischen Festivals vertreten, darunter Wacken Open Air und Metaldays (Slowenien).
 
In insgesamt 11 Tracks galoppieren die Hannoveraner durch eine dunkle dystopische Welt, in der sich die hyperintelligenten Maschinen selbstständig machen und es gilt, sich von der fleischlichen Fehlbarkeit des menschlichen Daseins abzulösen. Eine erste Single, "Cut The Cord", gibt es samt Musikvideo bereits zu hören und zu sehen, und hier bekommt man direkt einen Einblick in die beklemmende Atmosphäre, die sich in dieser Form durch das ganze Album zieht. Es lohnt sich im Übrigen sehr, beim intensiven Hören der Musik auch mal die Lyrics zu Rate zu ziehen, da - wie das im Death Metal nunmal so ist - nicht unbedingt viele Worte auf Anhieb verständlich sind.
 
Interessant ist auch das Albumcover. Es zeigt die dem Otto Normalverbraucher eher unbekannte Blickrichtung von unten auf einen menschlichen Schädel. Soweit, so anatomisch richtig. Das Foramen magnum allerdings, welches als größte Öffnung im Schädel als Durchlass für den Hirnstamm fungiert, der wiederum die Verbindung zwischen Rückenmark und Gehirn darstellt, ist hier nicht oval, sondern durch ein fünfeckiges Loch ersetzt. Für den menschlichen Körper absolut ungewöhnlich, so etwas wie Winkelbildung kennt die Anatomie eigentlich nicht. Auf der Coverrückseite sind dann auch zwei verschiedene Muster übereinander gelegt, zum einen eine Menge in Richtung Mitte zentrierter Geraden (Datenströme?) und zum anderen eine ungleichmäßige Ansammlung schwammartiger 3D-Strukturen (Knochengewebe?). Man kann sich jetzt natürlich in stundenlangen Deutungen ergehen, aber ich würde mal ganz pragmatisch davon ausgehen, dass es sich um ein Sinnbild für den Übergang des menschlichen Wesens in technische Maschinerie hält. 
 
Nun aber  zu den einzelnen Songs. "Revolution 5", der die Platte eröffnet, beginnt mit einem Gitarren-Fade-in und Klängen, die an Maschinengeräusche aus einer Fabrik erinnern. Diese gehen relativ zügig und ziemlich raffiniert in einen hämmernden Drum-Sound über, der eher an das Marschieren von Soldatenfüßen erinnert. Dann der erste Growl, und schon befinden wir uns mitten im mitreißenden Brutalo-Sound, der sich durch das ganze Album ziehen wird. "We think we're consuming Instead we're being consumed" lautet die Message, unterlegt vom bohrenden Hämmern der Drums. Aber es finden sich auch einige Rhythmenwechsel, was - im Gegensatz zu manch anderem Death Metal, wo nur gleichförmig geschrabbelt wird - die Musik von CRITICAL MESS so spannend macht. Am Ende des Songs ziehen die Soldaten dann wieder ab... oder sind es Maschinen?
Mit "Echo" wird es dann noch schneller, wieder voll auf die Fresse und diesmal auch ganz ohne Soundspielerei. Einfach nur purer Klang von Instrumenten und Stimme. Auch einen kleinen grindartigen Quieker erlaubt Görtz sich hier. Man bekommt direkt Lust, im Kreis zu rennen und mit den Händen zu wedeln, aber vielleicht macht man das dann auch lieber erst beim nächsten Live-Auftritt. 
Es folgt "ANDR", wo man die Nähe zu SIX FEET UNDER zu spüren kriegt. Abgrundtiefe Growls, schwere Gitarrensounds, passend zum Text (einfach mal nach dem Erwerb der CD ins Booklet schauen, dort gibt's die Lyrics). 
"Bias" ist der nächste Song, hier wird es im Rahmen der Möglichkeiten wieder etwas heller. Zur Einstimmung etwas Leadgitarre (hier ist übrigens der Bassist von DRAGONFORCE, Frédéric Leclercq, an der Gitarre zu hören), aber schnell wird einem dann klar, dass das nur der kurze Sonnenstrahl vor dem nächsten Hagelschauer aus drängenden Drums und heftigen Riffs war. Die deprimierende Devise lautet "We're nothing but dogs On two feet Tight on the corporate leash".
Dann folgt "Cut The Cord", was die Fans bereits seit dem 7.6. hören dürfen. Hier lohnt sich auch der Blick auf das Musikvideo, in dem die Mensch-Maschine ihr eigenes Bewusstsein entwickelt und aus ihrem Gefängnis ausbricht. Insgesamt muss man aber sagen, dass es sich hierbei noch mit um den leichtesten Song auf dem Album handelt. 
Weiter geht es: Der Untergang naht. "Demise" zeichnet ohne Erbarmen weiter an dem bedrückenden Gesamtbild des Konzeptalbums.
Mit "WOTF" wird es dann fast ein bisschen groovig, sofern man das auf Death Metal bezogen überhaupt sagen darf, ohne gesteinigt zu werden. Hier verwenden CRITICAL MESS im Hintergrund Zitate der Way of the Future Church (einfach mal googlen...), was dem Creep-Faktor wirklich noch einen drauf setzt - wenn man sich vor Augen hält, dass diese Bewegung offenbar wirklich existiert. 
In "Generation Fork" pfeift der musikalische Wind über die Wastelands der technischen Postapokalypse. Görtz' Stimme wabert die ersten Zeilen entlang, bis der Einstieg in einen weiteren einfach starken Track geschafft ist. Gen Ende wird es hier kurzzeitig sogar fast ein bisschen psychedelisch.
Für "No Gods" bekommt das Quintett dann gesangliche Verstärkung von Julien Truchan von der französischen Deathgrind-Band BENIGHTED. Klar, dass der Song echt heftig ausfällt. Stimmlich harmonieren Görtz und Truchan definitiv.
Und dann der Titelsong: "Man Made Machine Made Man". Hier ballt sich soundmäßig und inhaltlich nochmal die ganze Apokalypse. Das lange Outro bilden helle, fliegende Gitarrensounds, die jedoch keinesfalls auflockern, sondern vielmehr die unerträgliche Leichtigkeit des Seins oder auch des Rebootens zu vermitteln scheinen. 
"Prequel" ist schließlich eine Vertonung von Ausschnitten aus John Perry Barlows "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace". Dies trifft mit Sicherheit einen Nerv, der bei vielen aus der Internet-Generation in Zeiten von Uploadfiltern blank liegen dürfte. 
Wie gesagt: Musikalisch aber auch vom Konzept her bringen CRITICAL MESS mit "Man Made Machine Made Man" ein Album auf den Weg, das in vollen Zügen überzeugt. Hut ab!
 

Line Up

Benny Komatitsch - Schlagzeug
Christian Wiesener - Bass
Britta Görtz - Gesang
Marco Evers - Gitarre
Marco Schauff - Gitarre

Tracklist

1. Revolution 5
2. Echo
3. ANDR
4. Bias
5. Cut The Cord
6. Demise
7. WOTF
8. Generation Fork
9. No Gods
10. Man Made Machine Made Man
11. Prequel
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