Erdmöbel - Guten Morgen, Ragazzi

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Fast dreißig Jahre Bandgeschichte und demnächst erscheint mit „Guten Morgen, Ragazzi“ der zehnte Longplayer von ERDMÖBEL, einer Band, deren Sound auch von Virtuosen der deutschen Sprache kaum adäquat in Worte gefasst werden kann. Mir ist das Etikett Alternative Pop ganz sympathisch, aber es kann den Weg, den die Band zurückgelegt hat, und die vielen Metamorphosen nicht zutreffend erfassen.

Deshalb ist den geneigten Lesern auch das Frühwerk der Band wärmstens ans Herz gelegt. Gleiches gilt für die mittlere und aktuelle Schaffensperiode, wobei ich mich, von einzelnen Songs abgesehen, für „Hinweise zum Gebrauch (2018)“ nicht wirklich erwärmen konnte, wurde dieses Album doch durch das wirklich herausragende, schön sperrige und mit jedem Hören mehr preisgebende „Kung Fu Fighting“ (2013) gnadenlos in den Schatten gestellt.

Die ersten Vorboten des neuen Langeisens ließen die Hoffnung aufkommen, dass ERDMÖBEL zu alter Stärke gefunden haben. 'Supermond' ist der erste Kracher, der die Essentials der Band eindrucksvoll unter Beweis stellt, bewegen sich die vier Musiker doch gekonnt im Spannungsfeld von attraktiver Abweisung und abwehrender Anziehung. Hinzu kommt, dass alle Instrumente nahezu gleichberechtigt zu vernehmen sind. Dominanzen währen nur vorübergehend und werden immer wieder gebrochen. Für den Erstkontakter ist zudem anzumerken, dass die Texte überaus kryptisch, poetisch und mehrdeutig sein können. Bisweilen aber auch politisch. Denn 'Wir sind das Volk (Lass sie rein)' ist eine überaus pittoreske, nachdenkliche und nahezu hypnotische Hymne gegen Nationalismus, der man sich daher kaum zu entziehen vermag.

Auch der stilbildende epische Sprechgesang wie zum Beispiel in 'Busfahrt' ist auf „Guten Morgen, Ragazzi“ nicht wegzudenken, so sehr schön umgesetzt in 'Das Mädchen auf den Stufen'. Das besondere Etwas verleiht den Songs nicht nur die einzigartige Stimme von Markus Berges, sondern auch die Blasinstrumentalisierung. In dem schon etwas länger bekannten, aber nicht minder melancholischen und unter die Haut gehenden „Corona-Politik-Song“ 'Beherbungsverbot', für das Paul Heller gewonnen werden konnte, ist es das Saxophon. Hervorragend!

Eine starke Brise von behender und angeloopter Leichtigkeit findet sich in 'Rosa Plastiktüte', wohingegen der Opener 'Guten Morgen' einen etwas sehnsuchtsvollen und wehmütigen Reggae-Vibe aufzubieten hat. Alle, die Physik abgewählt haben, jetzt aber doch wissen wollen, was der Bernoulli-Effekt ist, sollten das gleichnamige Lied aufmerksam hören. 'Das Vakuum' errichtet in gekonnter Manier der leicht melancholischen Nachdenklichkeit ein Denkmal, für das immer wieder auch das frohgemute festliche Moment bemüht wird. Ähnlich verhält es sich mit 'Palindrom', auch wenn hier der hoffnungsvollen Sehnsucht und der verhaltenen mitreißenden Eingängigkeit mehr Platz eingeräumt wird. Weltklasse! 'Felicita' schließlich hat mit Al Bano und Romina Power nichts zu tun, sondern ist eher etwas für intensive Tanzveranstaltungen.

Fazit: Mit „Guten Morgen, Ragazzi“ finden die Alternative Popper von ERDMÖBEL zu alter Stärke zurück, vermögen sie es doch in den unterschiedlichsten Facetten, der hoffnungsvollen Sehnsucht, der wehmütigen Nachdenklichkeit und der tiefgründigen Leichtigkeit in eindrucksvoller Manier musikalisch Leben einzuhauchen und selbige in wegweisende Worte zu kleiden!








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