Lagwagon - Railer

CD Reviews, Lagwagon - Railer

Der Vorgänger ´Hang´ ist das Album, dass ich in den letzten Jahren am häufigsten gehört habe. Dementsprechend gespannt bin ich auf den Nachfolger.
Es ist ja immer eine ambivalente Geschichte, so ein Album aufzulegen. Einerseits ist das die Vorfreude, andererseits ist es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, die gleiche Begeisterung wie beim Vorgänger zu wecken.
LAGWAGON umschiffen diese Klippe, indem sie gar nicht versuchen, Hang II zu schreiben. ´Railer´ orientiert sich eher an den Anfangstagen der Punkrocker. Das machen ja viele in die Jahre gekommene Bands, aber – um es vorweg zu nehmen – wenige so gut wie LAGWAGON.
Für mich hatten die Jung schon immer eine Sonderstellung in der Szene. Das liegt zum einen an den Texten. Bereits ´Angry Days´ (der erste Song, den sie je geschrieben haben) kehrt vor der eigenen Szenehaustür und verzichtet auf kitschige Klischees. Zum anderen ist spätestens seit dem Zweitling ´Thrashed´ klar, dass die Jungs ihre Instrumente extrem gut beherrschen. Dieses technische Niveau muss man im Punkrock mit der Lupe suchen. Trotz des musikalischen und inhaltlichen Anspruchs verbreiten LAGWAGON das, was bei dieser Mucke am wichtigsten ist: Gute Laune.
Und die versprüht auch ´Railer´. LAGWAGON erkennt man sofort, dazu braucht es die charakteristische Stimme von Joe Cape gar nicht. Allein das ist schon eine Leistung.
Nach einem gelungenen Opener ist ´Surviving California´ ein erstes absolutes Highlight. Der Track bietet mal wieder Progressive Punk Rock der Güteklasse A. Aber keine Angst, LAGWAGON haben auch weiterhin straighte Songs, jede Menge exzellenter Melodien, Sing Alongs und Hooklines im Gepäck. So könnte ´Dangerous Animals´ auch aus der ´Duh´ Aufnahmen-Session stammen. Es ist erstaunlich, dass sie auch auf diesem Album sowohl bissig und entspannt als auch nachdenklich und ausgelassen klingen. Auch die im Punkrock ja eher selten gehörten Gitarrensoli sitzen wieder und dienen den Songs und nicht den Egos der Gitarristen. Besonders zu erwähnen ist Basser Joe Raposo. Der liefert über die gesamte Scheibe einen großartigen Job. Mal gibt es eher versteckte Melodien, mal wird der Song nach vorne gepumpt. Klasse, das er in der Produktion so viele Raum bekommen hat. Das ist aber auch mehr als verdient.
An die alten Zeiten erinnert auch, dass es mal wieder eine Coverversion gibt. Mit ´Bad Moon Rising´ oder ´Brown Eyed Girl´ wurden schon früher zwei eher ungewöhnliche Originale in die Mangel genommen. Nun hat es JOURNEYs ´Faithfully´ erwischt. Dem eigentlich ruhigen Song wurde ordentlich Schmiss mitgegeben und der LAGWAGON Stempel aufgedrückt. Vielleicht fiel die Wahl ja auf den Track, um sich mal bei den Partnerinnen zu bedanken, die es mit einem Musiker auch nicht immer einfach haben.

Bei dieser bärenstarken Scheibe bleiben eigentlich nur drei Fragen offen:
1. Wer zur Hölle sind GREEN DAY und BLINK 182?
2. Warum gibt es nur drei Gigs in Deutschland?
3. Warum wählen LAGWAGON nicht mal Orte, in denen sie nicht so regelmäßig zu sehen sind?

LAGWAGON beweisen eindrücklich, dass man sich auch als Punkrocker auf die alten Scheiben beziehen kann, ohne im Vergleich zu denen abzufallen oder berufsjugendlich zu wirken. Beeindruckendes Teil.

Line Up

Joey Cape - Vocals
Joe Raposo - Bass
Dave Raun - Drums
Chris Rest - Guitar

Tracklist

1. Stealing Light
2. Surviving California
3. Jini
4. Parable
5. Dangerous Animal
6. Bubble
7. The Suffering
8. Dark Matter
9. Fan Fiction
10. Pray For Them
11. Auf Wiedersehen
12. Faithfully