My Dying Bride – The Dreadful Hours

CD Reviews, My Dying Bride – The Dreadful Hours

Für das Leben gilt das Gleiche wie für das Autofahren. Bisweilen kann ein Blick in den Rückspiegel sogar Leben retten. Soweit möchte ich jetzt nicht gehen, wenn ich mich dem Back-Katalog von MY DYING BRIDE widme, aber bis vor wenigen Monaten war mir das Juwel „The Dreadful Hours“ vollständig unbekannt. Doch zum Jubiläum, im zwanzigsten Jahr seines Bestehens, lohnt es sich um so mehr, sich mit diesem Opus auseinanderzusetzen.

Denn der Nachfolger von „The Light Of The End Of The World“ (1999) kann mit all dem aufwarten, was nicht nur die frühen Anhänger der Band glücklich machen sollte. Denn der experimentelle Anteil, der in „34.788% … Complete“ (1998), lustigerweise fast zeitgleich mit PARADISE LOST's „Host“, fast unerträgliche Ausmaße angenommen hatte, wurde hier auf homöopathische Dosen beschränkt. Stattdessen dominieren schreckeneinflößende, unwirtliche Martialität gepaart mit melodiöser, hymnischer Zerbrechlichkeit. Der Hang zur epischer Ausdauer ist auch hier nicht verloren gegangen, obwohl es auch zwei kürzere Songs gibt (um die fünfeinhalb und sechseinhalb Minuten).

Den Auftakt macht gleich der titelgebende Track. Ein Statement, da trifft die Faust gleich mitten auf die Zwölf, zumal die fragile, atmosphärische und musikalisch reduzierte Nachdenklichkeit zunächst eine ungemeine intensive traurig bis herzzerreißende Stimmung aufbaut, die sich zwar in brachialer, aber nicht minder leidender Weise entlädt. Kein Track für Optimisten. 'The Raven And The Rose' besticht dann durch die typische MY-DYING-BRIDEsche Unwirtlichkeit, die durch die orgelhaften Keyboards eine besondere funerale Note bekommen. Natürlich gibt es auch hier das melodiöse Moment, bisweilen entladen sich die schnaufenden Riffs sogar in fast schon schwarzmetallischer Dionysien.

Wirklich ungewöhnlich, aber nicht weniger mitreißend ist 'Le Figlie Delle Tempesta', dem man sich durch seinen hypnorischen Charakter überhaupt nicht zu entziehen vermag. Sehr schön dominant ist hier auch der Bass. Herrlich. 'Black Heart Romance' nimmt dann schon ein wenig den Sound von „Songs Of Darkness, Words Of Light“ vorweg, vor allem was seine leicht angewesterte Südstaatenattitüde angeht. Weltklasse. Ein wahre emotionale Leidenshymne liegt mit „A Cruel Taste Of Winter' vor, ein Song, der durch seine mitreißende, eingängige Infernalität zu überzeugen vermag und vielleicht der hoffnungsvollste, optimistischte Track des Longplayers ist. 'My Hope, My Destroyer' ist dann ein quirliges Energiebündel, wohingegen sich 'The Deepest Of All Hearts' gekonnt zwischen den Polen von hoffnungsvollen Zerstörungen und zerstörten Hoffnungen bewegt. 'The Return Of The Beautiful' schließlich vereint die musikalischen Essentials der Band noch einmal programmatisch in einem über 14 minütigen Kleinod.

Fazit: All diejenigen, die es mit dem Reden über Nachhaltigkeit wirklich ernst meinen, für die führt an eine (Wieder-) Entdeckung von „The Dreadful Hours“ kein Weg vorbei, denn es zeigt MY DYING BRIDE auf einer der vielen Höhephasen ihres eindrucksvollen Schaffens. Darüber hinaus besticht der Sound dieses Longplayers durch die fein austarierte Balance zwischen rauer, brachialer Unwirtlichkeit, leidend trauriger Schwermut und eingängig, hymnischer Funeralität.

 

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