Sabaton - The Great War

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Die Jungs von SABATON bringen am 19.07.2019 ihr nunmehr neuntes Studioalbum auf den Markt und haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Mit "The Great War" kommt ein Bombenhagel aus Ohrwürmern über uns, der sich gewaschen hat. Allen Geschichtsstudenten sei an dieser Stelle ans Herz gelegt: Wenn man mal kurzfristig die Vorbereitung für eine Klausur über den Ersten Weltkrieg nachholen muss und keine Zeit mehr hat, die Wikipedia-Artikel zu lesen, eignet sich diese Platte bei ausreichenden Englischkenntnissen sicherlich für ein schnelles Sleep-Teaching.
Aber Vorsicht: Kann Spuren von Heroisierung enthalten. Man hasst sie oder man liebt sie - das war bisher immer meine Meinung, wenn es um das Streitthema SABATON ging. Seit "The Great War" muss ich von dieser vereinfachenden Darstellung jedoch Abstand nehmen. Man kann sich nämlich auch ranhören, und was wäre dafür besser geeignet als ein gutes altes Konzeptalbum. Wie der Titel natürlich ahnen lässt, ist die Thematik der neuen Scheibe voll und ganz dem ersten Weltkrieg gewidmet. Diesmal gibt es auch keinen Spaß-Song, wie es die - bei manch einem als Musikantenstadl-Metaller verschrienen - Schweden um Sänger Joakim Brodén und Bassist Pär Sundström sonst so gerne zur Auflockerung ans Ende eines Albums voller hartem Kriegs-Tobak stellen. Nein, diesmal ziehen sie voll durch.

Der erste Song beginnt verhältnismäßig langsam. "The Future Of Warfare" erzählt in beklemmender Mischung aus Chorgesang und dem vollen stimmlichen Umfang von Brodéns einzigartiger Stimme von der Entwicklung des Panzers und dessen entscheidenden Auswirkungen auf die Kriegsführung. In den Strophen hören wir den Sänger so tief wie nie - man fragt sich, ob dies wohl einer der Songs werden könnte, die live dann tatsächlich in Normaltonart gespielt werden müssen und nicht, wie sonst üblich, einen Ton tiefer. Im Refrain steigt jeweils der Hintergrund-Chor ein, dominanter als sonst und vor allem auch während allen weiteren Stücken. Es wirkt, als wäre ein Chor aus Soldaten allgegenwärtig, um die Geschichten, die erzählt werden, zu untermalen. Das macht wirklich Lust auf die kommenden Live-Auftritte, für die wir nur hoffen können, dass SABATON so oft wie möglich den echten Chor dabei haben werden, wie im Vorfeld bereits von Brodén angedeutet wurde.

Wem es nach dem ersten Song schon wieder reicht mit Keyboard, kriegt bei "Seven Pillars Of Wisdom" ein abwechslungsreiches Schmankerl vorgesetzt. Denn nicht nur die Gesangsfraktion kann bei SABATON was, auch Drums und Gitarren wollen gehört werden. In vollem Heavy-Metal-Leadgitarren-Sound wird uns die Melodie des Refrains einmal vorgespielt, bevor es dann direkt in die Strophe geht. Übrigens sehr typisch für SABATON, die wahrscheinlich genau wissen, dass Mitsingen und Klatschen einfacher wird, wenn man ab dem ersten Takt genau weiß, um welchen Song es geht. Thematisch behandelt man hier die (zugegeben stark vereinfachte) Geschichte von T. E. Lawrence, schräger Weise auch genannt Lawrence von Arabien, einem britischen Offizier, der "far from home" seinen kleinen Zahnrad-Part im Getriebe des ersten Weltkrieges beisteuerte. SABATON spielten schon früher gerne mit melodischen Hinweisen, in welchem Land wir uns thematisch gerade bewegen, und so hat man auch hier den Eindruck, in der Hauptmelodie einen Hauch von 1001 Nacht zu verspüren. "The Seven Pillars Of Wisdom" ist übrigens der Titel des Berichtes, den Lawrence über die ganze Arabien-Nummer schrieb und 1926 fertig stellte.

Und weiter geht das Geschichte(n)-Erzählen mit "82nd All The Way". Hier geht es um die 82. US-Luftlandedevision, die 1918 in Frankreich zum Kriegsgeschehen hinzukam, genauer gesagt um den "Hero to be" Sergeant Alvin C. York. Hier verstricken sich die SABATON-Jungs textlich mal wieder ein bisschen arg in der Glorifizierung einzelner Kriegsteilnehmer, wobei man zugute halten muss, dass sie sich in den meisten Fällen tatsächlich Zeitgenossen aussuchen, die innerhalb des Kriegsgeschehens entweder zur Schlichtung beitrugen oder Unbeteiligte retteten. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass es grundsätzlich nicht um etwas Großartiges, sondern um beschissenes Abschlachten von Menschen und Zerstören von Landstrichen geht. Musikalisch gesehen ist "82nd All The Way" zumindest wieder ein eingängiger und im Refrain definitiv mitsingbarer Titel, der von der Art her ein bisschen an "Ghost Division" vom Album "The Art Of War" (2008) erinnert.

Es folgt "The Attack Of The Dead Men". Um kurz den Hintergrund zu skizzieren, es geht in diesem Song um das Geschehen an der russischen Festung Osowiec im Nordosten von Polen, welche im August 1915 von deutschen Truppen mit Chlorgas angegriffen wurde. Einige Verteidiger überlebten diesen Angriff offenbar und leisteten halbtot und durch die Gas-Verätzungen wie von Sinnen unerwarteten Widerstand, sodass viele der deutschen Angreifer vor den blutüberströmten, Zombie-ähnlichen Gestalten die Flucht ergriffen. Besungen wird dies in beklemmender Art und Weise. Der Rhythmus des Songs erinnert an das Stampfen von Soldatenstiefeln, und der allgegenwärtige Chor, der im Refrain mit Brodén Stimme nahezu verschmilzt, wirkt mehr denn je wie ein Soldatenchor. Da können auch die ausgeprägten Synthesizer-Klänge die Gänsehaut nicht verhindern.

Ein Glück retten einen dann - wie sollte es anders sein - mal wieder die Amis. "Devil Dogs" ist ein wahnsinnig beschwingter Track, der ohne Vorwarnung einfach so losstürmt. Meiner Meinung nach handelt es sich hier um das fröhlichste Stück auf der Scheibe, auch wenn ich ihn selbst nach dem dreißigsten Mal hören noch nicht ganz ernst nehmen kann. Es ist sicher kein schlechter Song, nur ist es so, dass die US-Marine, um die es hier geht, bezüglich der Glaubwürdigkeit nicht gerade von einer Melodieführung profitiert, die man sich auch als musikalisches Vorspiel zu einem Baseballspiel im Stadion vorstellen könnte. Da ziehen vor dem inneren Auge dann irgendwie doch etwas zu viele Stars und Stripes vorbei. Die Krönung bildet sicherlich der Mittelteil, den man vielleicht als Bridge bezeichnen könnte. Hier hören wir auch ausnahmsweise mal eher einen Frauen- als einen Männerchor im Hintergrund. Es folgt ein Zwischenruf von Brodén - "Come on, you sons of bitches, do you wanna live forever?" - welchen der fleißige Wikipedia-Leser sofort als Ausspruch erkennt, der Gunnery Sergeant Dan Daly zugesprochen wird, der mit ebendiesem seine Truppen in die Schlacht führte. Ja, und für sowas kriegen die Leute dann auch noch eine militärische Auszeichnung. Aber gut, auf jeden Fall groovt der Track ordentlich.

Und da wir gerade beim Grooven sind: "The Red Baron", die zweite Single vom Album, welche am 14.06.2019 veröffentlicht wurde, groovt tatsächlich auch sehr. Den Anfang macht hier die von Brodén doch ganz gerne verwendete Hammond-Orgel in einem fast sakral anmutenden Intro, und dann steigt der Song mit vollem Tempo ein. Hier handelt es sich um einen der schnellsten Songs auf der Platte, und ich persönlich finde besonders bemerkenswert, wie aus dem Zusammenspiel des drängenden Rhythmus, der groovenden Hammond-Orgel und den schnurrenden Gitarrensounds der Eindruck entsteht, über einem würde tatsächlich eine kleine Propellermaschine kreisen. Das muss man Brodén wirklich lassen, er ist ein kleiner Poet, was die Melodiearrangements in Bezug auf die Grundthematik angeht.

Dann wieder der Bruch. Für den Titelsong des Albums und gleichzeitig der dritten Singleauskopplung vom 28.06.2019, "Great War", haben SABATON keinen fröhlichen Feelgood-Sound gewählt, sondern bringen als einen der langsamsten Songs auf der Scheibe einen traurigen Monolog eines einzelnen müden Soldaten, der sich fragt, wo eigentlich diese Großartigkeit ist, von der ihm vor Kriegseintritt erzählt wurde. Nicht schlecht. Ich denke, das macht auch die Gesamtstärke des Albums aus: Wenn man durchhält und das Album wirklich in Gänze und vor allem in der geplanten Abfolge anhört, schwingt als Grund-Tenor nicht nur die Heldenverehrung mit, sondern bisweilen eben auch Kritik am Krieg an sich. Was im Falle von "Great War" aber auch noch mitschwingt, ist, dass Brodén melodisch am Ende ganz kurz bei sich selbst, nämlich bei dem Song "Carolus Rex" vom gleichnamigen Album von 2012 geklaut hat... aber nur zwei Töne.

Mit "A Ghost In The Trenches" frönen SABATON anschließend mal wieder ihrer Faszination für Scharfschützen, diesmal am Beispiel von Francis Pegahmagabow, einem First-Nations-Soldat aus Kanada. Musikalisch handelt es sich hier sicherlich nicht um den stärksten Track auf dem Album. Wir bekommen eigentlich nicht weniger und nicht mehr, als wir von einem durchschnittlichen SABATON-Song erwarten: Gitarren als Einleitung, gleichförmiger Beat, allenfalls die melodische Führung kommt ein bisschen abgedrehter daher, jedoch leider auch nicht wirklich mitsingbar. Vor allem das Gitarrensolo gen Ende ist doch eher was für die Sesamstraße, das kann dann auch die typische Powermetal-Melodierückung in eine höhere Tonart nicht mehr retten.

"Fields Of Verdun" entschädigt uns aber sogleich. Die erste Single-Auskopplung, welche bereits seit dem 31.05.2019 zu hören ist, ist einfach stark. Vielleicht nicht ganz einfach - um den Text und die Melodie zu lernen braucht es tatsächlich mehr als zweimal hören - aber der Song ist von vorne bis hinten ein Knaller. Kann man immer wieder hören.

Der vorletzte Track "The End Of The War To End All Wars" lässt einen dann geradezu verzweifelt dastehen. Klavier, Streicher? In einem SABATON-Song? Aber gut, wir haben es mit einem Konzeptalbum zu tun, welches sich gerade dem Klimax nähert. Plötzlich ändert sich dann auch der Sound, es steigt die ganze Band ein sowie ein gemischter Chor und dazu auch irgendwie ein ganzer Orchester-Sound. Hätte man statt ein Musikalbum zu hören gerade einen Film über den Ersten Weltkrieg gesehen, würde jetzt der Abspann an einem vorbei rauschen und man bräuchte mal eben zwei Minuten, um die ganze Story zu verdauen und wieder auf sein Leben klar zu kommen. Der Song bauscht sich und bauscht sich, es wirkt fast wie eine Rock-Oper, die da auf einen einströmt.

Umso heftiger lässt einen dann der allerletzte Titel, "In Flanders Fields", bruchlanden. Wer jetzt noch einen letzten lauten, schnellen oder gar lustigen Track erwartet hat, der ist hier absolut falsch. Es handelt sich um eine reine unbegleitete Chorvertonung eines Gedichtes mit dem gleichnamigen Titel von 1915, geschrieben von dem kanadischen Lieutenant Colonel John McCrae, welcher in dem Gedicht seine Trauer über einen im Krieg gestorbenen Freund verarbeitet. Man muss sagen, hierdurch haben SABATON den perfekten Abschluss für ihr Album geschaffen, auch wenn der Titel vermutlich von den allermeisten Fans geskipped werden wird, denn Derartiges war noch auf keinem anderen SABATON-Album zu hören und ist wirklich eher als Teil des Konzeptes zu betrachten.

Zusammenfassend kann man festhalten: "The Great War" besticht nicht nur durch seine insgesamt etwas düsterere Note, sondern auch durch eine fast nahtlose Abfolge wirklich solider Songs, die in der Gesamtheit ein ernst zu nehmendes Konzeptalbum formieren, welches wirklich sehr hörenswert ist - zumindest, wenn man keine generelle Abneigung gegen Synthesizer-Sound hat.

Line Up

Gesang, Keyboard - Joakim Brodén
Bass - Pär Sundström
Gitarre - Chris Rörland
Gitarre - Tommy Johansson
Schlagzeug - Hannes Van Dahl

Tracklist

1. The Future Of Warfare 03:26
2. Seven Pillars Of Wisdom 03:02
3. 82nd All The Way 03:31
4. The Attack Of The Dead Men 03:55
5. Devil Dogs 03:17
6. The Red Baron 03:22
7. Great War 04:28
8. A Ghost In The Trenches 03:25
9. Fields Of Verdun 03:17
10. The End Of The War To End All Wars 04:45
11. In Flanders Fields 01:56