The Ocean - Phanerozoic I: Palaeozoic

CD Reviews, The Ocean - Phanerozoic I: Palaeozoic

Das Berliner Künstlerkollektiv The Ocean liegt mir noch mit ihrem Geniestreich "Precambrian" von 2007 in den Ohren. Auch elf Jahre später ist der Bandname Programm. Die musikalische ID ist tief und weit wie die Weltmeere. "Phanerozoic", dessen ersten Teil "Palaeozoic" ich hier vorliegen habe, schließt thematisch am 2007er Werk an und beschäftigt sich mit der Ur-Geschichte der Erde, worauf auch schon die Songtitel in englischer Geologensprache hindeuten. Ein weiterer, zweiter Teil, soll dann 2019 oder 2020 folgen und darf mit Spannung erwartet werden.
Ihre Ausnahmestellung in der Branche, durch ihren unnachahmlichen, eigenen Musikstil, der in so gar keine Genreschubladen passen will, ist ihnen auch mit ihrem neuesten Ouput weiterhin sicher.

Das instrumental einleitende "The Cambrian Explosion" beschwört durch tiefe Halbtöne auf dem Klavier, wie sie einem Film  Noir hätten entsprungen sein können, im Zusammenspiel mit dem Cello eine gewisse Unbehaglichkeit herauf und geht nathlos in "Cambrian II - Eternal Recurrence" über: Ein geradezu mächtiges, angsteinflösendes Werk: Mördertiefe Riffs, Synthies, das besagte Piano und Cello mit dem Eingangs-Theme, apokalyptisches Schlagzeug und ein Bass, der alles aus den Tieftönern herausholt, komplettiert von sehr hartem, tiefen Schreigesang, aber auch cleanen Backing Vocals und klaren, traurig-flehenden Gesangsparts erzeugen ein intensives Breitwandsounderlebnis, das durch Mark und Bein geht und das man nicht mehr vergisst. Weltklasse!
"Ordovicium The Glaciation Of Gondwana", dass mit seinen knapp fünf Minuten Spielzeit neben Intro und weiterem Instrumental, mit Abstand das kürzeste Stück mit Gesang ist, schließt nahtlos an, legt den Fokus außer gegen Ende, wo noch einmal eine unheilvolle, ja geradezu labile Gemütslage aufzukommen vermag, jedoch mehr auf gnadenlose Härte und besticht durch Meshuggah ähnlichen Schrei- / Brüllgesang und puritanisches, fettes Gitarrenriffing.
Wesentlich größer ist der Prog-Einschlag beim fast zehnminütigen "Silurian Age Of Sea Scorpions". Dazu passen der an Steven Wilson erinnernde Klargesang und Breaks der Marke Porcupine Tree / Opeth ins Bild. Aber auch hier sind Gitarren und Bass mächtig am wummern und härtere Sangeskunst ist zu bewundern.
Auf die Spitze des Eisbergs treibt man es dann im Elf-Minuten-Schmachtschinken "Devonian Nascent", beim dem kein Geringerer als Katatonia-Frontmann Jonas Renkse seinen unnachahmlichen und einzigartig gefühlvollen Gesang in der ersten Hälfte dieses Epos beisteuert. Da Jonas gesanglich so viel Raum einnimmt und man dort musikalisch nicht so weit von seiner Hauptband entfernt ist, würden die ersten fünf Minuten auch glatt als Katatonia Song durchgehen, der auf einem "Dead End Kings" hätte stehen können. Die zweite Hälfte des Songs ist dann wieder wie in Stein gemeißelt. Wummernd, hart, heftig, intensiv und fordernd - typisch The Ocean.
"The Carboniferous Rainforest Collapse" spannt daraufhin in gut drei Minuten instrumental den Bogen zum Songfinale und untermauert einmal mehr, was für grandiose Künstler und Musiker die Berliner sind.
Das Beste kommt zum Schluss: "Permian The Great Dying" - Ich bin geplättet und sprachlos!. Wow, was für ein Killer von einem Song - und das in sämtlichen Belangen. Hier bekommt man einfach alles an Stimmungen, Gefühlen und Sounds geboten, was es gibt und was die Liebe zur Musik ausmacht. Klagend, flehend, mahnend, bittend, zerstörend, hoffend, aufbauend ... die Palette ist unerschöpflich. So ein erhabenes, mächtiges und wuchtiges Meisterwerk. Ich bin in meinem Inneren zutieftst erschüttert und getroffen, ob dieser erhabenen Schönheit und strotzenden Kraft, aber auch tiefen Traurigkeit, die hier vertont wurde. Endloschleife schon erprobt! Zeitlos!!!

Es fällt gar nicht so leicht einer solchen Band mit einem derartig großartigen Album ein gerecht werdendes Fazit drunter zu schreiben. Songs hervorheben? Die sind alle großartig, aber für die Ewigkeit? Da muss man ganz klar "Cambrian II - Eternal Recurrence" und "Permian The Great Dying" nennen und vielleicht noch "Devonian Nascent" mit Jonas.
Beschreibungen werden der Band auch nicht gerecht. Am ehesten ist es wohl eine Mixtur aus Post Rock und Progressive Metal, versehen mit dem Besten aus harter und melancholischer Metal & Rock-Musik. Das Album ist sehr fordernd, gibt dafür aber auch unendlich viel zurück. Der Sound ist wie bereits erwähnt die absolute Breitwand und darf nur laut und sehr aufmerksam gehört werden. Am besten über eine satte Anlage oder noch besser, abends bei dämmrigen Licht und / oder geschlossenen Augen über qualitativ hochwertige Over Ear Kopfhörer.

Ich bin ja so einer, der sich gar nicht vorstellen kann, dass diese Band jemand nicht mag. Aber alle Freunde von Bands wie Cult Of Luna, Hanging Garden oder auch Devin Townsend Band + Project kommen hier definitiv nicht drum herum.
Am liebsten würde ich The Ocean einmal live erleben. Scheint aber nicht allzu bald zu klappen, da ich zum nächsten Konzerttermin nicht zugegegen bin. Denn live hat die Darbietung der Jungs bestimmt auch eine unglaubliche Wirkung.

Für mich jetzt schon unter den Top 5 Alben des Jahres!!!

Line Up

Gitarre, Gesang, Samples
Robin Staps
Gesang
Loïc Rossetti
Gitarre
David Ramis Åhlfeldt
Bass
Mattias Hägerstrand
Schlagzeug
Paul Seidel

Tracklist

01. The Cambrian Explosion
02. Cambrian II - Eternal Recurrence
03. Ordovicium - The Glaciation of Gondwana
04. Silurian - Age of Sea Scorpions
05. Devonian - Nascent
06. The Carboniferous Rainforest Collapse
07. Permian - The Great Dying