Velvet Viper - Interview mit Jutta Weinhold

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Velvet Viper - Interview mit Jutta Weinhold
Mit ZED YAGO etablierte die Rockikone Jutta Weinhold in den 80er Jahren den „Dramatic Metal“. Aus juristischen Streitereien ging dann die Nachfolgeband VELVET VIPER hervor. Doch auch dieser Band war kein unbeschwerter Weg vorprogrammiert. Doch 2018 meldete sich die Band mit neuem Album zurück. Ein gutes Jahr später kommt nun „The Pale Man is holding a broken heart“ in die Läden und Jutta und ihre Jungs können mit dem Album tatsächlich an alte ZED YAGO Erfolge anknüpfen. Zwischen Pressearbeit und Kuchenschüsseln, nahm sich Jutta Zeit, um uns einige Fragen zu beantworten.

„The Pale Man is holding a broken heart“ ist der Titel eurer neuen Scheibe. Wie viel Autobiografisches steckt in dem Titel. Stichwort: ZED YAGO und alte Wunden?

Jutta: Ja, Du hast recht, ich denke immer an den Fliegenden Holländer und binde ihn gerne ein, wann immer es auch passt. So ein kleines bisschen ist es auch Vergangenheitsbewältigung, denn, dass ich damals das Recht verloren habe meinen Namen ZED YAGO zu benutzen ging sehr, sehr tief und war die größte Tragik in meinem Leben.

Deine Musik hat immer etwas schweres-mystisch-düsteres gehabt. Woher kommen diese Einflüsse? Und würdest du auch gerne mal einen lustigen Partysong machen?

Jutta: Nein Partysongs sind nicht mein Ding. Ich finde jeder Musiker muss eine Musik machen, die der eigenen Mentalität entspricht und ich nehme unsere Musik ernst, manche Freunde meinen zu ernst, aber so bin ich halt.

 „Götterdämmerung“ ist ein typischer, epischer VELVET VIPER/ZED YAGO Song. Was fasziniert dich an den klassischen Themen wie den deutschen Sagen oder z. B. Shakespeares Dramen?

Jutta: Wie Du ja weißt habe ich mich immer mit der Klassik, mit Mythologien, Sagen, Literatur, Poesie und letzten Endes Phantasie beschäftigt. Ich liebe diese Themen und als ich 1983 an einem Tiefpunkt war habe ich mir überlegt etwas anderes zu machen, weg vom Blues und vom Rock 'N‘ Roll Fließband und da hatte ich die beste Idee meines Lebens: ZED YAGO, die Tochter des Fliegenden Holländers kam dabei heraus. Ich liebe solche Phantasie-Geschichten, wenn man damit anfängt gibt es kein Ende.... Wie beim Singen, wenn man damit anfängt kann man nicht aufhören -smile-
Und Rock 'N‘ Roll Texte werden ja genug von anderen Bands gemacht, die machen das auch gut, aber da ist halt nicht mein Ding. Mein alter Freund Udo Lindenberg hat immer gesagt: mach Dein Ding. -smile-

Viele der Themen in deinem Texten gehören heute nicht mehr zum Bildungskanon an unseren Schulen, da es als zu antiquiert oder schwierig angesehen wird und den Schülern angeblich auch keinen Spaß mehr macht. Was hältst du davon? Warum würdest du jungen Menschen vielleicht dennoch eine Beschäftigung mit diesen Themen empfehlen?

Jutta: Ja, das ist eigentlich schade, denn es sind so gute Sachen geschrieben worden und sie sind für uns geschrieben worden, sind frei und kostenlos jedem zugänglich. Ja, es ist schade, dass die Schule es nicht mehr schafft, die Schüler dafür zu interessieren. Vielleicht kann ich einen Teil davon übernehmen -smile- . Spaß beiseite, ich habe leider keinen Kontakt zu der jungen Generation. Es ist so, dass jede Generation ihre Musik hat und die Jutta mit ihren seit Samstag 72 Jahren gehört da nicht mehr dazu. Manchmal verirren sich junge Leute in ein Konzert von uns und sie sind oft berührt und meinen, so einen Gesang haben wir ja noch nie gehört.

Zwischen dem neuen Album und „Respice Finem“ liegt nur ein gutes Jahr. Wie seid ihr so schnell mit einem neuen Album fertig geworden? Hattet ihr noch Songs vom letzten Album fertig?

Jutta: Schmied das Eisen solange es heiß ist. Ich bin sehr kreativ und wie du schon gemerkt hast, liebe ich es Texte zu schreiben, Ideen zu haben und Konzepte zu kreieren. Holger Marx ist ein junger Gitarrist aus Hannover und er mag meinen Stil und ist genauso kreativ. Ein großes Glück für mich so einen Musiker zu treffen. Wir sind wirklich ein gutes Team, auch menschlich.

Mit Fabian Ranft von INQUIRING BLOOD stand zunächst ein Basser aus unseren Gefilden in Lohn und Brot, der eigentlich in einer ganz anderen musikalischen Ecke gewildert hat. Auf dem neuen Album ist nun Johannes Möllers von FROM WILLOWS/VOLDT zu hören. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Jutta: Ja, es ist heutzutage nicht so ganz einfach eine feste Band exklusiv zu bekommen. Holger und ich sind die Basis und Micha Fromm, Michael Ehre und Johannes Möllers und Nico Debbisch sind hervorragende Subs, mit denen wir kontinuierlich arbeiten. Johannes kam durch eine Empfehlung: „Was, ihr sucht einen Bassmann, da kenne ich jemanden...“ Und Johannes mag auch unsere Musik und so kam die Zusammenarbeit zustande. Ich finde es klasse, dass die Musiker, grob gerechnet, halb so alt sind wie ich -smile-


Für das neue Album seid ihr ins Area51 Studio von Tommy Newton gegangen. Damit seid ihr mal wieder in die niedersächsische „Einöde“ gegangen. Wie lief die Zusammenarbeit und was hat sich von der Arbeit mit Kai Hansen unterschieden?

Jutta: Jeder Produzent hat natürlich seine eigene Art . Kai kenne ich schon sehr lange und schätze ihn für sein Know How und seine nette Art. Es war eine coole Zusammenarbeit mit ihm bei der „Respice Finem“.
Tommy kenne ich von VICTORY etc. Auch er ist ein verdienter Produzent in Sachen Hardrock und Metal. Er kennt sich sehr gut aus. Beim ersten Treffen war es klar, dass wir ihn mit der Aufgabe betreuen. Es war auch eine sehr coole Arbeitsweise bei ihm in der Heide.

Auch mit ZED YAGO wart ihr mal in unseren Breitengraden und habt im Studio M in Machtsum aufgenommen. Welche Erinnerungen hast du an die Arbeit in diesem Studio? Und wie wart ihr damals darauf gekommen?

Jutta: ja wie war das damals? Hm, ist lange her. Ah ja, ich war mit Musikern aus Hannover zugange die ersten Songs für ZED YAGO zu schreiben: Fargo Peter, Fritz Randow, Mario Timme, Pitter Schwaar und Kalle Bösel. Kalle hatte das Studio in Machtsum und so sind wir bei ihm gelandet für beide ZED YAGO Platten.

Zwischen ZED YAGO und den heutigen VELVET VIPER hast du ja verschiedene musikalische Dinge gemacht. Ich habe dich beispielsweise mal auf der Hildesheimer Jazz Time gesehen und gehört. Bist du in dieser Richtung auch noch aktiv oder widmest du dich jetzt vollkommen VELVET VIPER?

Jutta: Du weißt, dass dieses Jahr mein 50. Bühnenjubiläum ist und ich habe natürlich immer viel Musik gemacht. Seit 1969! HAIR, Jesus Christ Superstar, Amon Düül II, in den 70gern mit Udo Lindenberg und der Jutta Weinhold Band, dazwischen immer mal viele Sessions u.a. auch mit Joe Pentzlin und Gottfried Böttger usw. Bis 1984/85, da wollte ich mal raus aus dem Allerlei und Musik machen, die meiner Mentalität entsprach und so entstand ZED YAGO, die Tochter des Fliegenden Holländers. Das Schwergewicht heute liegt natürlich auf VELVET VIPER, da ich damals das Recht verloren habe meinen Namen ZED YAGO zu benutzen heißt es VEVET VIPER. Ich war 1990 gerade auf Tournee mit ZED YAGO und SINNER, da kam die einstweilige Verfügung, dass ich den Namen nicht benutzen darf. Ich musste ganz schnell einen Ersatz finden und da war ein Song „Velvet Viper“, den ich in der Schublade hatte und so habe ich ihn als neuen Bandname eingesetzt. Du kennst vielleicht die ZED YAGO Tragödie. Wir hatten eine GBR und ich kein privates Copyright für den Namen, bei einem Streit war ich in der Minderheit und der Name war weg, der blieb dann bei der Mehrheit der GBR. Eine schrecklich traurige Zeit für mich.
Eine kleine Geschichte, mein erstes Metal Festival war 2015 oder 2016 - war es Metal Assault oder Keep it true? Auf jeden Fall fangen wir mit ZED YAGO an und die Leute haben die Refrains mitgesungen und es war der Hammer. Ich dachte, ok Jutta, wenn ich jetzt tot umfalle, dann ist das völlig in Ordnung, mehr geht nicht. Die Fans hatten die Songs nicht vergessen und mich auch nicht... nach so langer Abstinenz. Es war unbeschreiblich und für mich klar, ich will wieder diese Musik machen. Gott sei Dank war Holger Marx mit dabei und so haben wir es gestartet.
Wo waren wir, ach ja, also ich habe noch eine Gruppe AKUSTIK RANDALE, das ist Musik aus der Zeit als alle Jungs noch lange Haare hatten, sozusagen meine Jugend. Songs aus den 60gern mit zwei akustischen Gitarren. Außerdem bin ich seit 1994 in der Hanstedter Musikschule und leite einen „Gospel-Rock-Chor“ 33 Elfen - das findet regelmäßig jeden Dienstag statt und macht mir immer noch viel Spaß, da ich einfach das tue was ich am liebsten tue: Singen! -smile-

In einem Interview mit darkstars.de hast du gesagt, dass Rockmusik für dich deine Kulturrevolution war. Wie viel von diesem revolutionären Spirit ist der Rockmusik heute noch geblieben?

Jutta: Ich erlebte 1969 meine Kulturrevolution, ich habe diese Musik gehört und war verloren. Ich bin ja ein richtiges Landei, meine Eltern sind/waren Weinbauern in Essenheim einem kleinen Ort im Rheinhessischen bei Mainz. Ich hatte schon immer Schülerbands bis ich dann 1969 zu HAIR ging, von da an wurde es mein Beruf.
Ich finde Rock/Metal ist immer noch mehr als Kommerz und Konsum, mehr als Party und Unterhaltung, für mich kann man damit ideelle Werte vermitteln, die es schon nicht mehr so reichhaltig in unserer materialistischen Zeit gibt. Diese Musik hat den Spirit ohne den eigentlich Rock/Metal nicht funktioniert. Ich weiß, ich bin da in einer Minderheit... Ich bin auch unbedingt der Meinung, dass, egal welcher Stil, Musik berühren muss, darum geht es doch. Ich singe nicht nur einen Ton, der Ton hat ein Wort und das ist die Botschaft und ich arbeite sehr hart, um das auch rüberzubringen.

In demselben Interview äußerst du auch dein Bedauern, dass der Jugend aufgrund der schwierigen geschäftlichen Umstände heute dein damaliger Weg zur Musik nicht mehr offen steht. Andererseits sieht man ja auch bei ganz jungen Bands eine zunehmende Professionalisierung (Flyer, Anlagen, Aufnahmetechnik usw.) – selbst wenn Talent oder notwendige musikalische Erfahrung fehlen. Wie wichtig, denkst du, ist heute die Präsentation einer Band?

Jutta: Es ist sehr wichtig, dass die Bands auftreten können. Aber ganz wichtig ist, dass die jungen Talente eigene Musik machen. Es wäre wirklich wichtig, dass eine Club-Kultur wieder aktiv wird, das Publikum muss auch hingehen: „Gemeinsam“ heißt das Zauberwort. Ich halte überhaupt nichts von Coverbands und empfehle jeder Band Musik zu machen, die der eigenen Mentalität entspricht.
Leider haben die jungen Musiker heute wenig Möglichkeiten von ihrer Kreativität zu leben, das ist ein großer Verlust für die Gesellschaft, finde ich. Wenn man einen anderen Beruf ausüben muss, um die Miete zu bezahlen rutscht die Musik an die zweite vielleicht sogar an die dritte Stelle und dann ist es vorbei. Als ich damals anfing, gab es so viele Clubs in denen man spielen konnte und vor allen Dingen lernen konnte und wenn man sparsam war, konnte man davon auch leben.

Danke, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.

Jutta: Ich hoffe sehr, dass wir uns auch mal face to face begegnen bei einem Konzert. Das gilt auch für die Leser vom Twilight Magazin. Geht in die Clubs, zu den Bands, die ihre eigene Musik spielen, nur so kann man die Clubs, die Veranstalter, die Musiker und letzten Endes diese einzigartige Musik am Leben erhalten.
So, jetzt muss ich erst mal Torten backen: Habe Geburtstag am Samstag und es gibt Kaffee und Kuchen--smile-!



Line Up

Jutta Weinhold (vocals)
Holger Marx (guitar)
Micha Fromm (drums)
Johannes Möllers (bass guitar)
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