Katatonia

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Katatonia

Seit „Discouraged Ones“ (1998) kokettierte die Band selbstbewusst mit Stilmitteln des Alternative Rocks und kreierte dadurch den Sound, den man heute als für KATATONIA typisch bezeichnet. Der „Viva Emptiness“-Vorgänger „Last Fair Deal Gone Down“ (2001) war ein logischer Schritt in der Karriere der fünf Schweden, der nicht nur die Quintessenz der Band zum damaligen Zeitpunkt darstellte, sondern zusätzlich eine für die Band bis dahin ungekannte Offenheit und Frische in den Sound integrierte, weshalb die Vermutung nahe lag, die Zeichen zur Eroberung der Alternative-Szene ständen auf Sturm. Da dies der Band zumindest aus Metal-Kreisen schon seit Jahren vorgeworfen wurde, hielten sich etwaige Vorwürfe des Ausverkaufs in engen Grenzen. Und sowieso: das theoretische Potential auch Non-Metaller zu begeistern, besitzen KATATONIA definitiv. Mit „Viva Emptiness“ scheinen diese Ambitionen aber verloren. Viel zu aggressiv und wütend ist der Gesamtcharakter des Albums ausgefallen. Die Frage, ob Enttäuschung und Wut wegen einer nahezu stagnierenden Karriere trotz eines so starken Albums wie „Last Fair Deal...“ kompensiert werden mussten, steht offen im Raum. Jonas Renske, Sänger und Texter von KATATONIA, dem von bösen Zungen äußere ähnlichkeiten mit einer Nacktschnecke nachgesagt werden, hat kein Problem damit, sich das Scheitern an den eigenen Erwartungen einzugestehen: „Ich finde in der Tat, dass „Last Fair Deal...“ ein sehr starkes Album ist, und deshalb hätte ich es schon gerne gesehen, wenn sich etwas mehr für uns getan hätte. Da wir zu dieser Zeit auch selbst viel Alternative-Musik gehört haben, war es für uns der logische nächste Schritt, auch zu versuchen, Akzeptanz in dieser Szene zu erlangen. Leider ist es aber immer unheimlich schwierig für eine Band, sich einen neuen Markt zu erschließen. Wenn man als Metal-Band seine Karriere begonnen hat, wird man immer wieder in diese Schublade gesteckt, was auch immer man versucht. Anderen Bands wie Paradise Lost oder Anathema ist es ganz ähnlich ergangen.“ Wobei gerade diese beiden Bands den Vorteil hatten, dass sie mit Labels (namentlich Music For Nations und EMI) zusammenarbeiteten, deren wirtschaftliche Größe allein schon eine wesentlich breiter angelegte Promotion gewährleisten konnte, während bei einem mittelgroßen Szene-Label wie Peaceville schlicht und ergreifend die Mittel dafür fehlen. Eine bewusste Entscheidung war es aber nicht, heuer die Gitarren streckenweise wieder richtig krachen zu lassen. „Wir haben nie darüber nachgedacht, aufgrund etwaiger Enttäuschung unsererseits mehr Aggression in die Musik zu legen, aber möglicherweise fand eine unbewusste Beeinflussung statt. „Viva Emptiness“ enthält einfach die Songs, die wir spielen und auf dem Album haben wollten, ohne dass wir großartig darüber nachgedacht haben. Das Album repräsentiert KATATONIA also zu 100%.“ Aufmerksamen Beobachtern der schwedischen Metal-Szene mag folgende kausale Verknüpfung nahe liegen. Dan Swanö, einst Kopf der wegweisenden Edge Of Sanity, Opeth-Mastermind Mikael Akerfeldt und die beiden KATATONIA-Recken Anders Nyström und Jonas Renske hämmern mit Bloodbath ein lupenreines Old-School-Death-Metal-Album ein. Kurze Zeit später erscheint mit „Deliverance“ das härteste Album der Karriere Opeths und auch „Viva Emptiness“ entpuppt sich als aggressivster Longplayer seit „Brave Murder Day“ (1996), ohne natürlich direkt mit diesem Meisterstück vergleichbar zu sein. Scheinbar haben die Jungs wieder Blut geleckt (man beachte die spaßige Zweideutigkeit...) und finden erneut Gefallen an den Klängen, durch die sie in ihrer Jugend geprägt wurden. Auch wenn man diesem Gedankengang eine gewisse Logik nicht absprechen kann, hält Jonas ihn doch für einen Trugschluss. „Ich kann verstehen, weshalb Leute auf diesen Gedanken kommen, aber zwischen Bloodbath und KATATONIA liegen Welten, zumal erstgenannte Band reinen Projektcharakter hat. Außerdem lag zwischen dem Songwriting für die beiden Alben eine lange Zeitspanne, so dass ich ein überschwappen von Ideen und Gefühlen mit gutem Gewissen ausschließen kann.“ Den Grund für den derzeitigen musikalischen Charakter der Band sieht Jonas einerseits in der Tatsache begründet, dass KATATONIA in den vergangenen anderthalb Jahren mehr auf Tournee waren als je zuvor, wodurch die Jungs zum einen gemerkt haben, dass ihnen das Spielen ihrer härteren Stücke selbst mehr Spaß macht, und zum anderen, dass auch die Fans bei diesen Liedern mehr Begeisterung zeigten. Darüber hinaus schien es aber auch ein deutliches Bedürfnis nach Abwechslung gegeben zu haben. „Es wäre für uns ein Leichtes gewesen, eine weitere CD im Stil unserer letzten drei Alben einzuspielen. Wir suchen aber immer nach Herausforderungen, damit die Musik weiterhin spannend für uns bleibt, und diesmal hat sich die härtere Ausrichtung einfach am natürlichsten angefühlt. „Viva Emptiness“ ist also nicht zwangsläufig wegweisend für unsere weitere Entwicklung, sondern viel mehr als ein für sich stehendes Kapitel unserer Karriere anzusehen. Wie wir auf unserem nächsten Album klingen werden, steht zumindest aus meiner Sicht noch in den Sternen. Es ist aber auch nicht richtig, unsere aktuelle CD als durchgehend hart und somit als Stilbruch zu bezeichnen. Es ist eine ausgewogene Mischung aus KATATONIA-typischen Songs und solchen, die aus den bereits genannten Gründen unser Klagspektrum erweitern.“ Sicher, gerade „One Year From Now“, „Evidence“ und „Omerta“ sind definitive KATATONIA-Highlights und gehören für mich zu den besten Songs des Quintetts überhaupt. Darüber hinaus enthält das Album noch einige packende Refrains, die ihre Qualität erst nach mehrmaligem Hören offenbaren, und sich daher nicht ganz so schnell in den Gehörgängen einnisten wie manch früherer Song. Eine das Album begleitende Single-Auskopplung ist übrigens zum jetzigen Zeitpunkt nicht geplant. Sollte sich die Meinung der Band diesbezüglich aber noch ändern, würde die Wahl aber wahrscheinlich auf besagtes „Evidence“ fallen, da es „einfach ein sehr starker Song ist und gut als Single funktionieren würde.“ Dass „Viva Emptiness“ aber aufgrund der teilweise neuen Ausrichtung nicht uneingeschränkt Begeisterung bei den Fans hervorrufen wird, ist aber ebenfalls abzusehen. „Das stimmt auch. Von einigen Fans, die eher das Gediegenere und Melancholische an uns mögen, habe ich schon gehört, dass sie mit unseren neuen harten Nummern nicht zurecht kommen. Andererseits haben wir diesmal aber soviel positives Feedback wie noch nie zuvor bekommen. Die Reaktionen lagen weit über meinen Erwartungen, aber die setze ich ohnehin grundsätzlich wesentlich niedriger als nötig an. Besonders in der Metal-Szene wurde das Album sehr gut aufgenommen und hat uns viel Aufmerksamkeit beschert.“ Liest man die Song-Texte KATATONIAs, liegen Gedanken über die seelische Gesundheit ihres Verfassers wahrlich nicht fern. Die Offenheit, mit der Jonas über seine Fehlbarkeiten und ängste singt, ist manchmal in der Tat erschreckend und macht den Zuhörer unwillkürlich betroffen. Jonas ist es aber wichtig darzulegen, dass es sich dabei nur um einen Teil seiner Persönlichkeit handelt. „Meine Texte benutze ich in erster Linie dazu, negative Erfahrungen zu verarbeiten und zu kanalisieren. Somit sind die Lyrics das berühmte Ventil, das es mir ermöglicht, entspannter zu leben. Ich würde mich zwar nicht unbedingt als depressiv beschreiben, aber es ist schon eine Tatsache, dass ich ein Grübler bin und dass ich Probleme als viel größer wahrnehme, als sie es eigentlich sind.“ Nach der Essenz seiner Texte befragt, startet mein Gesprächspartner nach einigen Sekunden nachdenklichen Schweigens den Versuch, diese darzustellen. „Ich glaube, das Wesentliche meiner Texte ist, dass sie in jeder Hinsicht sehr einfach gehalten sind. Die jeweiligen Aussagen sind eindeutig, und ich drücke mich auch mit einfachen Worten aus. Ich habe noch nie einen Grund gesehen, weshalb ich extra schön klingende Worte aus einem Wörterbuch zusammenklauben sollte. Einfachheit geht auch Hand in Hand mit Ehrlichkeit, und das ist für mich ebenfalls ein sehr wichtiges Kriterium für einen KATATONIA-Text. Die Lyrics des neuen Albums sind zwar abstrakter und kälter, in gewisser Weise entmenschlichter als früher, damit sie sich der Stimmung der Musik anpassen, sind aber nach wie vor typisch für mich. Auf „Last Fair Deal...“ habe ich beispielsweise hauptsächlich über gebrochene Herzen und unerwiderte Liebe gesungen, wodurch der Textcharakter bittersüß uns sehr melancholisch wurde. Dies ist auf „Viva Emptiness“ etwas anders. Die Texte sind nicht mehr derartig vergangenheitsbezogen, sondern erzählen von einer düsteren und leeren Gegenwart und ängstlichen Blicken in die Zukunft. In ihrer Gesamtheit sind sie sogar regelrecht paranoid.“ Dennoch wird es wohl nie fröhliche Musik von KATATONIA geben, und auch ansonsten sieht Jonas keine Notwendigkeit, außerhalb seiner Hauptband positive Gefühle durch Musik auszudrücken. „Für mich muss Musik immer auf irgendeine Weise dunkel sein, und ich höre mir auch nichts an, was dieses Kriterium nicht erfüllt. Das mag sich zwar engstirnig anhören, ist aber die Art, mit der ich an Musik herangehe. Ich habe außerdem den Anspruch, dass meine Texte einen bestimmten künstlerischen Standard halten, den ich nur gewährleisten kann, wenn ich viel Leidenschaft und Herzblut in sie investiere. Und es sind nun einmal besonders die dunklen Seiten an mir, die mich am meisten beschäftigen und die größte Auseinandersetzung mit sich fordern. Wenn es mir gut geht, komme ich auch gar nicht auf die Idee, Musik zu machen oder Texte zu schreiben. Bin ich hingegen in schlechterer Verfassung, passiert das beinahe automatisch.“ Aus diesem Grund sollte man von den Lyrics auch nicht auf die Persönlichkeit des Verfassers zu schließen versuchen, worauf Jonas großen Wert legt. Da seine Texte nur sein Anecken mit der Realität festhalten und zur Vergegenwärtigung und Verarbeitung der eigenen Probleme dienen, sind sie folglich sehr einseitig, wodurch das daraus entstehende Bild der Person Jonas Renske verzerrt wird. Dennoch vertraut der KATATONIA-Frontmann zuversichtlich auf den Verstand seiner Hörer, dass sie von selbst darauf kommen, dass seine Persönlichkeit mehr beinhaltet als das in den Texten Dargestellte. ...Stefan Belda

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