HARKON – Interview mit Björn Gooßes

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HARKON – Interview mit Björn Gooßes
Ein Newcomer mit alten Bekannten: Björn Gooßes (THE VERY END), Volker Rummel (ex-THE VERY END), Marcel Willnat (FORCES AT WORK) und Lars Zehner (MERCURY ARC) gründeten 2017 HARKON und lieferten 2019 eine absolut hörenswerte EP ab. Durchschlagkräftige Metalriffs, gute Melodien und eine ordentliche Portion Eingängigkeit erwarten den Hörer, der die EP übrigens sogar kostenlos auf der Bandcamp-Seite der Truppe bekommt. Grund genug, um mal bei Björn nachzuhaken…

Eure erste EP „Ruins of Gold” hat nun zwei Jahre auf dem Buckel. Was hat sich seitdem getan?

Richtig, unser erstes Lebenszeichen gaben wir mit "Ruins Of Gold" im Feburar 2019. Kurz danach starteten wir dann auch mit den ersten Gigs und durften in den Folgemonaten ein gutes halbes Dutzend Shows quer durch NRW spielen, deren Highlight sicherlich das Turock Open Air mit u.a. QUEENSRYCHE und LEGION OF THE DAMNED war. Ab Frühjahr 2020 sah es dann auf einmal alles ganz anders aus, aber das muss ich ja sicher nicht weiter ausführen... Aufgrund der Abstandsregeln hatten wir dann entsprechend auch längere Probepausen, nur im Sommer 2020 haben wir ein paar mal zusammengefunden, während seit Oktober wieder Essig ist. Dementsprechend pausiert der letzte Feinschliff für das Debutalbum, dessen Songmaterial im Großen und Ganzen eigentlich steht, leider ein wenig. Bei HARKON passiert halt viel in der Gruppendynamik im Proberaum, und dieses kreativen Moments wollten wir uns bisher durch zuviel Heimarbeit ungern berauben. Aber mal sehen, wie lange der ganze Spaß noch so dauert. Ewig wollen wir mit der Produktion des Debutalbums natürlich nicht warten, und die Aufnahmen können ja auch unter coronakonformen Bedingungen stattfinden.

Du hast mir bereits vor dem Interview gesagt, dass ihr nur elf Rezis für eure EP bekommen habt, obwohl ihr flächendeckend bemustert habt. Was macht das mit einer Band die bereit ist durchzustarten?
Hinzu kam ja noch Corona, so dass ihr auch nicht live spielen konntet. Wie hält man da dann die Motivation hoch?

Wir sind trotz allem Eifer natürlich auch Realisten. Ne bisher völlig unbekannte Band landet auf dem noch zu rezensierenden Stapel halt nicht ganz oben. Das liegt in der Natur der Sache und damit kommen wir schon klar. Es sind ja die anderen, die was verpassen, haha! Mittlerweile sind‘s zwar glaub ich 13 Reviews, aber das ist ja immer noch nicht gerade viel, und ich würde lügen, wenn ich ich sagte, das sei kein bisschen frustrierend. Andererseits waren alle Reviews gut bis sehr gut, im Rock Hard wurde "Ruins Of Gold" z.B. sogar zum "Demo des Monats" gekürt. Aber das ist ja eh nur die eine Seite der Medaille. Die Talfahrt, die die gesamte Kulturszene durch Corona macht, ist sicher ein abendfüllendes Thema und nicht gerade förderlich für die Stimmung. Aber die Leidenschaft, gemeinsam etwas zu erschaffen, was man liebt, war seit jeher die vorrangige Motivation, und die nimmt einem ja niemand. Selbst wenn wir gerade mal wieder zwangsweise Probepause haben. Viele scheißen zwar drauf und proben trotzdem, aber wir sind teilweise selbständig, haben Familien, etc. Da geht man vielleicht etwas vorsichtiger mit dem Thema um. Ich scharre zwar mit den Hufen und würde die Produktion unseres Debutalbum schon gerne bald angehen, aber wir können es halt auchnicht erzwingen. Jedoch machen wir alle nicht erst seit gestern Mucke, da gibt man auch bei einer längeren Durststrecke nicht auf!

Eure EP ist von A-Z super-professionell. Ihr habt euch aber dafür entschieden die Songs kostenlos via bandcamp anzubieten. Weshalb?

Weil wir trotz der besagten Qualität - Danke für die Blumen, übrigens! - für ein allererstes Lebenszeichen einfach kein Geld haben wollten. Das hat aber nichts mit der grassierenden unsäglichen Meinung vieler zu tun, dass Musik grundsätzlich doch bitte gratis zu sein hat. Das war ja eine bewusste Entscheidung unsererseits. Außerdem bezieht sich das ja auch nur auf die digitale Version, bei deren Download via Bandcamp man trotzdem freiwillig etwas zahlen kann, was des Öfteren auch passiert ist. Die kleine Auflage Digipacks, die wir als physische Tonträger anbieten, verkaufen wir für ‘nen schlanken Fünfer, um dort wenigstens kostendeckend zu arbeiten.

Eigentlich müsste eine Band mit eurem musikalischen Background und dieser spielerischen Qualität doch durch die Decke gehen. Sind der einfache Zugang zu professioneller Aufnahmetechnik und die endlosen „Vertriebswege“ via Social Media da vielleicht gleichermaßen Fluch und Segen? Einerseits macht es es euch einfacher, andererseits gibt es auch einfach eine Flut von Veröffentlichungen.

Klar, jeglicher technischer Fortschritt ist meist sowohl Segen als auch Fluch. Bestes Beispiel ist sicher das Internet. Das gesamte Wissen der Menschheit steht Milliarden Menschen mehr oder weniger gratis mit wenigen Mausklicks zur Verfügung. Aber Hass, Katzenbilder und Stammtisch-Sprüche sind trotzdem der Shit. Nix gegen Katzenbilder, aber Du verstehst sicher, was ich meine... Und ja, ein Überangebot gibt es sicherlich. Leider auch viele Geschmacksverirrungen. Aber in einer Szene, in der der Anteil an Fans, die selber Mucke machen, so hoch ist wie in der unsrigen, ist das leider ein nicht wegzudiskutierender Fakt. Ändert aber zum Glück weder was an unsere Motivation noch an den uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Und wir hoffen natürlich, fürs Debutalbum Mitstreiter in Form von Label/Verlag/Booker zu bekommen, dann sieht die Sache mit den 13 Reviews auch vielleicht wieder anders aus, haha!

Das Artwork und der Song „Ruins of Gold” handelt ja von den Übeln dieser Welt. Wieviel von dem Hirn des Coverartworks ist der Menschheit denn noch geblieben, wenn du mal auf das letzte Jahr und die letzten Wochen zurückschaust?

Schwierige Frage. Grundsätzlich bin ich eigentlich Optimist. Seit dem Ausbruch de Pandemie wächst allerdings der Misanthrop in mir, haha... Eine derartig weitreichende Krise bringt eigentlich auch viele Chancen mit sich, die meines Erachtens nur leider sehr oft ignoriert worden sind oder aufgrund äußerer Umstände nicht wahrgenommen werden konnten. Auch wenn es nach wie vor viele großartige, kluge und progressiv denkenden Menschen gibt, so wird speziell in solchen Zeiten doch allzu oft den besonders laut schreienden, nur leider eher schlichteren oder zumindest nichts Gutes im Schilde führenden Gemütern mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Zumindest verzerren diese ein Bild, bei dessen ruhiger und reflektierter Betrachtung vielleicht doch die eine oder andere Chance entdeckt und eher wahrgenommen werden könnte. Um den Bogen zum Artwork zu spannen: Es macht meines Erachtens mehr Sinn, sich auf den noch vorhandenen Rest des goldenen Hirns zu konzentrieren und dieses zu schützen und wiederaufzubauen, statt nur über die unter ihm wachsende golden Pfütze zu meckern, oder?

Marko Hietala ist gerade bei NIGHTWISH ausgestiegen und hat in seinem Statement u.a. kritisiert, dass Musiker von der Industrie (Streamingdienste usw.) und von Veranstaltern gnadenlos ausgequetscht werden. Wie stehst du zu Streamingplattformen usw.? Warum meint jeder dort mitmachen zu müssen, wohlwissend, dass es dort kein Geld zu verdienen gibt?

Dass es dort kein Geld zu verdienen gibt, stimmt ja so nicht ganz. Natürlich sind die Relationen noch nicht das, was sie gerechterweise sein sollten, aber im Gegensatz zu dem einmaligen Kauf eines physischen Tonträgers, den ich mir bis an mein Lebensende anhören kann, fließt bei jedem einzelnen Stream eines Songs Geld. Klar, das sind Mikrobeträge, und Kleinvieh macht manchmal auch nur ganz schön wenig Mist, aber das ist gar nicht der Kern des Problems. Ob 1989 nun Tapes bespielt, 1997 CDs gebrannt oder 2005 MP3s kopiert wurden - Die Leute, die sich mehr oder weniger illegal Mucke besorgen, gab es immer und wird es immer geben. Es sind die Big Player, denen man geschlossen auf die Füße treten muss. Daher kann ich z.B. die Bestrebungen der GEMA, die als erste Verwertungsgesellschaft einen Vertrag mit dem diesbezüglich bisher eher durch Ignoranz glänzenden Riesen YouTube geschlossen hat, nur begrüßen. GEMA & Co ist auch wieder ein Thema für sich und wird meiner Meinung nach besonders in der Stromgitarrensezene oft falsch verstanden. Ich denke, in Deutschland lebende Künstler*innen können froh sein über das hiesige Urheberrecht, welches sich ja auch nach und nach einer modernen Lebenswelt anpasst.
Und da schließt sich wieder der Kreis. Denn natürlich macht man dort mit, wo die eigene Mucke die weiteste Verbreitung erfahren kann. Daher gibt es ohne bereits bestehende Fanbase kaum einen Weg an Spotify, YouTube etc. vorbei.
Veranstalter, Booker und so weiter sind wieder ein Thema für sich - aber dass viele Leute ein Stück vom frischgebackenen Kuchen haben wollen, die eigentlich nicht mal Mehl von Zucker unterscheiden können, war auch schon immer so. Ein Vollzeitmucker wie Marco Hietala, der nunmal primär von Musik lebt und in einer extrem aktiven und erfolgreichen Band wie Nightwish gespielt hat, erreicht zu Zeiten eines pandemiebedingten Berufsverbots vielleicht auch noch ein anderes Level an Frustration, das kann ich von hier aus nur schwer beurteilen. Unterm Strich finde ich die zahllosen Möglichkeiten, anno 2021 Musik zu verbreiten, grandios! Es kommt nur wie immer drauf an, wie all die verfügbaren Werkzeuge genutzt werden und welchen Spielregeln man sich dabei unterwirft oder eben nicht. Da steht man schnell wie der Ochs' vorm Berg und findet vielleicht zu schnell alles kacke, weil man eigentlich nur mit seinen Kumpels Krach machen und sich nicht mit Google Ads oder Digitalvertrieb beschäftigen will. Man muss das ja auch alles nicht machen. Dann hört einen aber vielleicht außer deinen 17 Kumpels und Tante Erna niemand.

Du positionierst dich politisch klar. In der Corona-Krise leiden viele Kunstschaffende, wie Musiker, Techniker usw. besonders, da sie keine Einnahmequelle mehr haben. Das hat auch dort bei vielen Leuten zu großer Frustration und teilweise seltsamen Aussagen geführt. Wo ist für dich der Grad zwischen kritischem Diskurs und Verschwörungstheorie?

Ich bin in der privilegierten Position, nach wie vor meiner Arbeit nachgehen zu können, ein Dach überm Kopf zu haben, unter dem ich glücklich mit Frau und Hund lebe, gesund zu sein und alles, durch das Corona mir bisher einen Strich machte, hat mich mich meist "nur" emotional betroffen. Dass man sich vielleicht schneller populistischen Antworten gegenüber öffnet, weil man selber so richtig in der Scheiße sitzt, kann ich durchaus nachvollziehen, wenn auch nicht gutheißen. Und ich habe viele Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis, die Vollzeit in der Event- und Gastroszene gearbeitet haben und seit einem Jahr gucken müssen, wo sie bleiben. Viele Lösungsansätze verpuffen, Hilfspakete sind häufig ein Tropfen auf dem heißen Stein oder nicht abgreifbar, da man durchs Raster fällt. Oft werden Menschen aus dem kulturschaffenden Bereich ob fehlender Lobby nicht gehört, und das Vertrauen in die Führungsetage des Langes sinkt zusehends. Alles äußert unschöne Entwicklungen. Aber das näher zu beleuchten, würde hier sicher den Rahmen sprengen.
Dennoch habe auch ich bei einigen Bekanntschaften einen Wandel feststellen müssen, den ich nicht mehr akzeptieren konnte und entsprechende Konsequenzen ziehen musste. Wobei ich da fast immer den Eindruck hatte, dass die Pandemie da lediglich Dinge zum Vorschein brachte, die bei der jeweiligen Person schon länger unter der Oberfläche vor sich hin köchelten. Allerdings bewege ich mich ja auch in einer Filterblase und bin mir bewusst, dass außerhalb dieser eine Menge Schwachsinn durch den Äther geistert. Womit wir wieder bei Segen und Fluch der Technik wären, denn soziale Medien sind wie Öl für so manches hässliche Feuer.

Wie wird es mit HARKON weitergehen? Habt ihr schon konkrete Pläne für eine Post-Corona
Welt?

Klar: Endlich wieder zusammen einen heben und den Stromgitarren-Göttern huldigen! Im Klartext heißt das: Songwriting abschließen, Debutalbum aufnehmen, Label suchen. Und natürlich Gigs, Gigs,Gigs... es wird viel nachzuholen geben. Der Kampf um den Livemarkt wird bestimmt verrückt. Egal, wir haben Bock und beißen uns da schon durch. Denn das Album wird ein Knaller - Und das ist keine Drohung, sondern ein heiliges, heavymetalistisches Versprechen!

(c) Pics: 2018 Tom Jäschke - Frontrow Images

Line Up

Björn Gooßes – Gesang
Volker Rummel – Gitarre
Marcel Willnat – Bass
Lars Zehner - Schlagzeug
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