Hat Superkräfte - Lee Aaron im Twilight Interview

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Hat Superkräfte - Lee Aaron im Twilight Interview
Karen Lynn Greening ist den meisten Fans besser bekannt als LEE AARON, welche i.d.R. Synonym mit der gleichnamigen Hard Rock Band verwendet wird. Hervorgegangen aus dem THE LEE AARON PROJECT (1982), war die Kanadierin wenig später als „Metal Queen“ in aller Munde – und optisch als eine Art weibliches Gegenstück zu MANOWAR in knappes Leder und Fell gekleidet. Mit diesen Zeiten hat „Radio On“ nichts mehr gemeinsam.

Statt als sexy Metal-Amazone oder nicht weniger kurvenreiches Hair Metal Girl präsentiert sich die 1962 in Belleville geborene Sängerin heute als gestandene Musikerin mit feinem Gespür für kernige Rocksongs. Darüber hinaus hat die Dame aber auch klare Standpunkte, wie sich im Interview mit dem Twilight Magazin zeigte.

Mit dem titelgebenden „Radio On“ vom neuen Album präsentiert LEE AARON eine Art „Carpe Diem“ Song. Allerdings mag die Idee vor dem Radio zu sitzen, um auf die Lieblingssongs zu warten, für viele jüngere Musikfans mindestens nostalgisch, wenn nicht sogar aus der Zeit wirken. Da fragt man sich natürlich, ob der Song – von der dann entstehenden sprachlichen Hürde – auch genauso wirken würde, wenn man das Radio durch „Streaming“ ersetzen würde.

„“Radio On” ist definitiv ein “Carpe Diem“ Song. Er erinnert uns daran das Leben in der Gegenwart zu genießen und auch an die Bedeutung von Musik.Es ist der Soundtrack unserer Leben. So viele Rockstars haben uns in letzter Zeit verlassen und daran hab ich bei dem Song gedacht.
Ich streame auch Musik,“ gesteht die Sängerin mit einem Lächeln. „Spotify ist das neue Radio. Das Wort selbst steht also nur als Euphemismus für den Konsum von Musik, egal in welcher Form. Das Wort „Stream“ singt sich auch nicht besonders gut,“ lacht Lee. „Außerdem ist Radio nostalgischer und macht mehr Spaß.“


Wenn wir schon über Streaming sprechen… Jeder erzählt mir, dass es unglaublich wichtig ist die eigene Musik auf Spotify etc. zu haben. Gleichzeitig scheint kein Künstler an den Streams Geld zu verdienen. Weshalb ist es also so wichtig dort präsent zu sein, anstatt sich auf die Leute zu fokussieren die tatsächlich Tonträger kaufen? Das wäre vielleicht eine vergleichsweise kleinere Gruppe, aber finanziell macht es am Ende vielleicht gar keinen Unterschied.

„Mein Publikum ist im Wesentlichen über 35 und sie kaufen physische Musik. Es ist für uns wichtig unsere Musik bei Spotify und iTunes zu haben, um mit dem aktuellen Markt mitzuhalten und ich glaube nicht, dass es unseren Verläufen schadet. Es ist natürlich beschämend wie wenig ein Künstler für Streams gezahlt bekommt: Einen Bruchteil von einem Cent. Das muss sich ändern, den junge Künstler haben wenig Motivation, es sei denn sie können auf Tour gehen. Und das ist durch Covid momentan bekanntlich schwer. Wenn du ein Künstler mit sehr jungem Publikum bist, welches ausschließlich streamt, dann ist dein Album bloß Werbung für eine Tour.

Ich hatte es bereits angesprochen: Von den „Metal Queen“ Zeiten ist auf „Radio On“ nicht mehr viel übrig geblieben. Wenn ich die Scheibe höre, dann höre ich aus den Songs eher Künstlerinnen wie SARA EVANS oder GRETCHEN WILSON heraus – natürlich ohne die Steel Guitar und die Fiddle. Hat dir eine bestimmte Reife und Erfahrung die Freiheit gegeben dich stärker darauf zu konzentrieren was du wirklich machen möchtest?

„Das ist eine interessante Beobachtung. Ich finde nicht, dass unsere Musik irgendetwas mit Country Music zu tun hat, aber ich schreibe gelegentlich einen Rocksong der diesen „Southern Americana“ Geschmack hat. „New Country“ imitiert schlicht den Classic Rock. Meine Musik spiegelt sicherlich mein Alter und meine Erfahrung wieder, aber ich sehe meine Songs eher als ROLING STONES Rock’N’Roll Sound, der stilistisch nichts mit Country Music zu tun hat.“

Ich habe mal ein “Behind the Scenes“ Video von dir bei YouTube gesehen und dort sagtest du sinngemäß so etwas wie: „Der Nachteil eine Frau in der Rockszene zu sein sei, dass man mehr als die Jungs in der Band darauf achten müssen in die Jeans zu passen.“ Wie wichtig sind dir diese optischen Dinge denn heute noch im Vergleich zu den 80er und 90ern, als „Sex sells“ offensichtlich Teil der LEE AARON Marketing Strategie war.

„Nun ja, Sexismus existiert in Musik, ob wir es zugeben wollen oder nicht. Die Leute erwarten von JOAN JETT, DORO und LITA FORD, dass sie immer gut aussehen. Täusch dich nicht, das gilt auch für Männer. Wie viele Witze mussten VINCE NEIL oder AXL ROSE ertragen, weil sie älter geworden sind und zugenommen haben? Wenn du nicht gerade unter einem Stein lebst, musste man das in den Sozialen Medien mitbekommen. Am wichtigsten ist mir, dass ich auf meine Gesundheit und meinen Körper achte, so dass ich mich gut fühle und meine Stimme in bester Verfassung ist. Ein Nebeneffekt von einem abstinenten und gesunden Leben ist, dass man besser aussieht. Ich mache Witze darüber, aber wenn man sich für die Unterhaltungsbranche entscheidet, steht man unter öffentlicher Beobachtung und die Medien interessieren sich für dein Aussehen. So ist das eben.“

Am Anfang der letzten Woche habe ich in den Nachrichten allerdings von einer Studie gehört, die herausgefunden hat, dass sich Frauen – und Männer – im Alter deutlich besser fühlen und mit ihrem Körper zufriedener sind als Mädchen zwischen 18-25 Jahren. Eine Zeit, in der man offenbar am stärksten mit dem eigenen Körpergefühl zu kämpfen hat.
Du scheinst diese Studie zu bestätigen, denn die Promobilder und Liveaufnahmen zeigen stets eine bestens gelaunte, attraktive LEE AARON in ihren besten Jahren, die eine positive Ausstrahlung hat.

„Das ist richtig. Mit dem Alter und mit Erfahrung kommt auch Selbstvertrauen. Wenn man erstmal einige Kinder geboren, den Körper (und zeitweise dein Leben…) verloren und ihn dann wiederbekommen hat, dann denkt man sich: „Ich bin so bad-ass, ich kann alles tun.“ Man hört auch auf sich mit anderen zu vergleichen. Junge Mädchen stecken in der Falle versuchen zu müssen jemand zu sein, der sie nicht sind, anstatt zu feiern wer sie tatsächlich sind. Es braucht Zeit, um diese Einstellung zu überwinden. Heute denke ich, dass die sexieste Eigenschaft eines Menschen ein Lachen und eine positive Einstellung ist. Das sind echt gute Fragen, muss ich sagen.“


Danke. Wenn wir schon von Einstellungen sprechen, lass mich auf ein Interview zusprechen kommen, in dem du sagtest, dass deine Tochter ihren Instagramm Account geschlossen hat, weil sie festgestellt hat, dass er zu viel Zeit frisst. Mit „Devil’s Gold“ hast du auch einen Song auf dem neuen Album in welchem du soziale Medien kritisierst. Sie seien zu oberflächlich und kreierten ein falsches Bild davon wie Menschen sein sollten.
Ich persönlich finde, dass bspw. Kommunikation via WhatsApp oftmals in ganze falsche Richtungen laufen kann und am Ende des Tages beide Seiten sauer sind, ohne dass es eigentlich einen Grund gegeben hätte. Wie viel Zeit verbringst du denn mit sozialen Medien und wo siehst du die Vor- und Nachteile?

„Ich versuche Dinge zu posten, die den Leuten einen Einblick in mein musikalisches Schaffen geben und ein wenig über mein Leben erzählen. Es scheint so, als seien sozialen Medien Teil der Zukunft und sie sind notwendig, da Menschen online leben und dort ihre Nachrichten und Informationen über alles Mögliche bekommen. Dennoch bin ich mir sehr darüber bewusst, dass es Teams von Softwaredesignern in Sillicon Valley gibt, deren gesamte Tätigkeit ist Programme zu schreiben, die die User so viel wie möglich am Phone lassen. Sie nennen es „engagement“ und für mich fühlt sich das etwas böse an. Ich meine, irgendein ein Typ hat diese kleine Blase mit den drei Punkten programmiert, damit ich weiß, dass mir jemand zurückschreibt und ich das Telefon nicht weglege. Wir haben eine komplette Generation von Kindern, die niemals ein Instrument lernen wird, da sie zu sehr durch ihre Telefone abgelenkt sind.
Die Menschen lesen geschriebene Kommunikation falsch und missverstehen viele Dinge, da sie keine Gesichtsausdrücke sehen können. Mitgefühl und Menschlichkeit benötigt aber die Interaktion von Mimik. Die einzige Verbindung von zukünftigen Generationen zur Vergangenheit wird nur noch in der Datensammlung verschiedener Plattformen widergespiegelt werden. Das ist ein irres Konzept für mich.“

Glücklicherweise lässt sich die Vergangenheit von LEE AARON vor allem anhand guter Alben nachzeichnen. In den 80er und 90er Jahren gab es noch nicht diesen Zugang zu globalen Plattformen und daher auch weniger Hate Speech usw. Waren die Zeiten damals deshalb besser? Oder waren sie einfach nur anders?

„Wow, diese Fragen haben wirklich wenig mit Musik zu tun, oder?“, lacht die Sängerin. „Ich glaube, dass die Welt in vielen Dingen ein besserer Ort ist als damals. Das Internet hat Raum geschaffen, um Bewusstsein und Teilhabe für alle Menschen zu schaffen. Wir haben viel mehr Wissen darüber, was in den entferntesten Teilen der Welt passiert. Gräueltaten können und Echtzeit aufgedeckt werden und Menschen können sich in positiver Weise mobilisieren, um zu helfen. Ich glaube, dass es trotz der ganzen Fehlinformationen und Fake News leichter ist, unsere Führer der Lüge zu überführen. Die Wahrheit ist dort draußen und sie einfacher zu finden. Ich glaube allerdings auch, dass die soziale Verantwortung mit diesen sozialen Plattformen größer werden muss und ich hoffe, dass dies passieren wird.“


Da drücken wir die Daumen. Doch während Millionen von Menschen früher vom Leben als Rockstar träumten, hat Lee in einem Interview gesagt, dass das Leben als Rock Star nicht ihr Ding war. Heute möchte man vielleicht lieber Influencer werden. Welchen Rat würdest du deinen Kindern – und anderen jungen Leuten – denn geben, wenn sie sich für eine Karriere auf dem scheinbar glamourösen Weg der Stars entscheiden?

„Ich habe das schon sehr oft gesagt, aber ich würde ihnen sagen, dass sie nicht all die wundervollen Dinge glauben sollen, die Leute über sie sagen, denn dann wird dein Ego außer Kontrolle geraten. Aber glaubt auch nicht die ganzen negativen Dinge, die die Leute sagen, denn dann wird euer Selbstvertrauen einen Knacks bekommen. Die Wahrheit liegt meist irgendwo dazwischen. Versucht nicht wie jemand anderes zu sein. Es gibt nur ein „Du“ und genau das ist deine Superkraft. Wachse, hilf anderen auf, bleib bescheiden und – am wichtigsten – bleib freundlich.“



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