Therapy? im Interview (September 2001)

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  • Erstellt am: Mittwoch, 26 September 2001
Therapy? im Interview (September 2001)

THERAPY? Sind spätestens seit der Veröffentlichung von „Troublegum“ eine feste Größe im Rockbereich. Am 18.9,201, also eine Woche nach den Terroranschlägen in New York und Washington, gab mir Basser und Liveflummi Michael Mc Keegan telefonisch Auskunft zum neuen Album „Shameless“ und brachte Licht in Fragen, die in der Vergangenheit auftauchten. Da „THERAPY?“ Nordiren sind, wollte ich auch das Thema Terror nicht aussparen. Der Herr der vier Saiten ist trotz des Erfolgs wirklich auf dem Boden geblieben und so ergab sich das folgende informative Gespräch.

Zuerst die Frage, ob ihr mit dem „Shameless“ Album zufrieden seid.

Ja völlig. Es ist genau das, was wir machen wollten. Wir haben unsre Ziele, die wir vor den Aufnahmen hatten, erreicht.

Es ist nicht mehr so noisy wie „Suicide Pact“.

Ja, wenn du die Geschichte von „Therapy?“ kennst, weißt du, daß wir uns eigentlich nie mit dem nächsten Album wiederholen. Wir wollten „Suicde Pact“ nicht wiederholen, das ist eine unserer Regeln, aber ich mag das Album.

Habt ihr denn dann schon Ideen, in welche Richtung das nächste Album gehen wird?
Gibt es denn schon Soundrichtungen, wenn ihr probt? Es ist ja, wie gesagt, ein Kennzeichen von „Therapy?“, daß man nicht weiß was man zu hören bekommt, wenn man die neue CD in den Schacht legt.

Ja das stimmt. Viele Bands die ich mag wie „Depecher Mode“, „REM“, haben gemeinsam, dass jede Platte anders klingt, eine andere Atmosphäre hat. Ich mag aber auch „Motörhead“ und die „Ramones“, obwohl sich deren Platten sehr ähnlich anhören. Ich kann mir vorstellen, daß es für „Therapy?“-Fans frustrierend ist, wenn sie einen bestimmten Song oder ein bestimmtes Album lieben. Aber jeder weiß, daß wir kein Album, womöglich noch in einer softeren Variante wiederholen. Ich persönlich mag es, wenn ich von einer Band, die ich mag, etwas anderes zu hören bekomme.

Warum heißt das Album „Shameless“? Es gibt keinen gleichnamigen Song auf der Platte, wie seid ihr auf den Titel gekommen?

Es war ein Joke beim Recording. Wir wollten Gitarrenharmonien spielen und unser Producer sagte: „Hey es ist 2001, keiner will mehr Gitarrenharmonien hören.“

Who cares!?

Yeah eben, er nannte es „Shameless“ und so wurde es zum running gag. Immer, wenn jemand Unsinn machte, wurde er als schamlos bezeichnet.

Und was hat es mit dem Cover auf sich. Mit den Hasen im Theater wirkt es doch etwas strange? „Therapy?“ haben eigentlich immer ungewöhnliche Cover.

Ja. Die letzten beiden Alben „Ten Jear Plan“ und „Suicide Pact“ waren visuell sehr dunkel, in schwarz, grau und weiß gehalten. Wir wollten auch diesmal ein dunkles Cover, aber in einer anderen, surrealen Art. Wir mögen das Surreale sehr gerne, wie z.B. Monty Python. Die waren auch eine Inspiration für uns. Wir wollten nicht, dass das Bild smooth ist, es sollte ruhig sein. Es gibt genug Bands mit schwarzweißen Covern mit Totenschädeln etc., das ist langweilig.

Hat das Cover eine Aussage, oder geht es ausschießlich um die visuelle Wirkung?

Um ehrlich zu sein, geht es nur um die Wirkung. Es gab auch düstere Covervorschläge, einige von ihnen waren aufregender, aber das war das Cover, was den besten Eindruck hinterließ und uns allen im Gedächtnis geblieben ist.

Ihr habt „Denim Demon“ für den „Alpha Motherfuckers - Tribut To Turbonegro“ Sampler gecoveret. Seid ihr angesprochen worden oder wie kam der Kontakt zustande?

Das war ganz witzig. Andy, unser Sänger, hat ein Interview mit Viva gemacht und hat erwähnt, daß er „Turbonegro“ hört und ein großer Fan von ihnen ist. Auf der letzten Tour fragte dann der Chef von Blitz Core (Label von „Turbonegro“, das den Sampler veröffentlicht hat), ob wir auf dem Album sein wollen. Wir haben den Song auf der Tour immer als Soundchek gespielt. Dann sind wir nach Seattle zu Jack Adino geflogen, der auch ein großer Turbonegro Fan ist und haben es aufgenommen. „Turbonegro“ waren eine von wenigen Rockbands, die „Therapy?“ über viele Jahre inspiriert haben. Wir mögen ihr Image, ihren Humor und natürlich ihre Songs. Wir waren stolz da mitmachen zu dürfen.

Nachdem ich den Sampler gehört hatte, dachte ich, dass das nächste „Therapy?“ Album schnell wird, denn es ist einer der Tracks mit der meisten Energie auf dem gesamten Sampler.

Na ja, das Orginal ist ja schon ein geiler Song, und wir haben natürlich versucht, noch etwas mehr rauszuholen. Man macht ja keine Coverversion, die schlechter als das Orginal ist.

In eurem Info steht, dass ihr einen Gig in Wemley mit „Slayer“ und „Pantera“ spielt, stimmt das?

Ja, das sollte im Rahmen der Tatooconvention am 14.9. sein. Aber auf Grund der Ereignisse in Amerika wurde die Veranstaltung abgesagt. Also haben wir nicht gespielt.

Das bringt uns zum Thema Terrorismus. Ihr kommt aus Belfast und jeder weiß, dass Terror da schon fast zum Alltag gehört. Hat das Attentat in Amerika etwas verändert, oder hast du einen besonderen Blickwinkel für das Geschene?

Ich will dazu keine Kommentare abgeben, ich weiß nur, was in Belfast los ist. Zu dem anderen kann ich nichts sagen.

Aber hat das Geschehene Folgen in Irland? Es ist ja deutlich geworden, welche perversen Auswüchse der Terrorismus bekommen kann.

Das ist schwer zu erklären. Ich bin nun 30 Jahre alt. Seit 30 Jahren kenne ich Terrorismus in Nordirland. Es ist nicht mit dem zu vergleichen, was Schreckliches in Amerika passiert ist. Das ist etwas völlig anderes.

In der Band sind ja Katholiken und Protestanten. Gab es da nie Probleme, auch von Seiten der Eltern, die nicht wollten, daß ihr mit den anderen zu tun habt? Und wie ist es auf Konzerten? Verbindet der Rock?

Yes, Rock defently unites. Wenn du den Konzertsaal betrittst, geht es dir nicht um die Religion des anderen, du bist da, um dich von der Band unterhalten zu lassen. Es ist die Möglichkeit, mal zu vergessen, was draußen passiert. Es gab noch nie Ärger auf einem unserer Konzerte.
Es gab auch nie Probleme mit unseren Eltern. Du musst wissen, dass nur wenige in der Bevölkerung Ärger machen, aber daß sind natürlich die, die die Aufmerksamkeit der Medien bekommen. 95% versuchen, ein normales Leben zu führen. Unsre Eltern hatten nie Vorurteile und sind „Open Minded“. Wir haben den anderen nur gefragt: „Kannst du Gitarre spielen und losrocken?“ Darum ging´s!

Da hatte ich wohl einen falschen Eindruck von der Gewaltbereitschaft der Iren.

Ja, es sind vielleicht 250 Leute, die Terror machen, und es gibt 5 Millionen Menschen hier.

Na gut, nicht jeder Deutsche ist ein Skinhead oder Nazi, auch wenn das im Ausland oft so gesehen wird.

Ja, da gibt es wohl die gleichen Klischees. Das liegt viel an den Medien.

Nun aber weg vom Terror und zurück zur Musik. Ihr werdet ausgiebig touren. Ihr seid sehr viel unterwegs. Wird euch das nicht irgendwann mal zu viel oder langweilig?

Nein, wir freuen uns auf die Tour, wir haben seit Mitte letzten Jahres nicht mehr getourt. Bis Weihnachten haben wir geprobt und Songs geschrieben. Im Januar und Februar haben wir aufgenommen. Und seit dem haben wir nur ein paar einzelne Shows gespiel, und ansonsten normal gelebt und jetzt geht´s wieder los. Als Band mögen wir das Touren; wenn du es nicht magst, solltest du es auch lassen. Wir spielen gerne live.

Einige von euch sind ja verheiratet, ist das nicht schwierig für die Beziehung?

Weißt du, unsere Frauen sind Gold. Sie sind außergewöhnliche Personen und haben das Verständnis, das man braucht. Wenn wir auf Tour gehen, spielen wir unseren Rock ´n Roll, es geht uns nicht um Chicks und Drogen. Es geht um die Musik.

Von euch hört man auch nie Skandale, oder dass ihr Hotelzimmer auseinander nehmt oder Ähnliches. Auch bei Fernsehinterviews macht ihr einen eher schüchternen Eindruck.

Uns interessiert nur die Musik. Wir sind froh, das wir Musik machen können. Viele andere wollen doch nur berühmt werden und Geld verdienen und spielen nur deshalb in einer Band. Ich glaube es gibt Bands, die ein Hotelzimmer gar nicht verwüsten wollen, sondern denken, dass sie so etwas tun sollten. Wenn sie das machen, wollen ist es ihre Entscheidung.

Wo du gerade das Geldverdienen ansprichst. Ich habe gehört, dass euer alter Drummer die Band verlassen hat, weil ihm die Musik zu kommerziell geworden ist. Stimmt das?

Das ist Bullshit. Hat er das gesagt?

Nein, ich habe es gelesen.

Nein, wenn er das gesagt hätte, wäre ich ziemlich angepisst. Unsere Musik hat sich gewandelt, aber wenn du dir die Platten nach seinem Ausstieg anhörst, sind sie doch härter als z.B. „Infernal Love“. Er war nicht gerne auf Tour, und weil wir viel unterwegs waren, stieg er aus.

Es gibt noch andere Gerüchte um „Therapy?“, die ich mit dir klären möchte.
Es heißt, dass Andys Stimme zu Beginn verzerrt war, weil ihr keinen Sänger gefunden habt. Andy fand seine Stimme eigentlich zu schlecht, und deshalb habt ihr sie verzerrt.

Ja, das ist völlig wahr. Wir wollten immer einen Sänger und hatten keinen. Dann bekamen wir einen Gig und einer von uns musste singen. Wir mögen Bands wie „Sonic Youth“, bei denen ist die Stimme auch nicht im Vordergrund, sondern eher ein Hintergrundinstrument. Wir haben die Stimme verzerrt, damit wir spielen konnten und es hat funktioniert.

Hatte Andy inzwischen Gesangsunterricht oder hat er einfach mehr Mut bekommen? Seine cleane Stimme kann sich ja inzwischen hören lassen.

Nein , er hat ein gutes Einfühlungsvermögen. Nachdem er verzerrt gesungen hatte, wurde er zuversichtlicher, daß er auch clean singen könnte und das wollte er dann ausprobieren. Er singt aber manchmal auch sehr tief oder wie ein Alkoholiker auf der Staße.

Das ist für mich auch einer der Gründe, warum eure Platten nicht langweilig werden.

Ja, das stimmt, Gitarren haben unterschiedliche Effekte, Drummer unterschiedliche Rhythmen, manche Sänger aber singen immer mit der gleichen Stimme. Auf der neuen Platte singt sogar Martin mal einen Chourus mit hoher Stimme.

Gerücht Nr 3.
Es geht um das ? hinter eurem Bandnamen. Ich habe bereits drei verschiedene Begründungen gehört. Eine sagt, dass es an dem Layout für die erste Single lag, da der Bandname nicht mittig war, musste er verlängert werden. Das Zweite ist, dass ihr eigentlich hinter alles und jeden ein Fragezeichen setzt. Und die dritten sagen, es war nur, damit ihr euch von einer gleichnamigen Band der 70er unterscheidet. Was stimmt nun?

Um ehrlich zu sein, stimmen alle drei Begründungen. Aber die erste Begründung ist die ausschlaggebende. Wir haben uns beim Artwork verrechnet. Und es sah wirklich sehr unprofessionell aus. Dann haben wir das Fragezeichen dazu gemacht und es passte auch zu unserer Musik, den Texten und zum Artwork.
Es gab auch eine Band, komischerweise auch aus Belfast, die „Therapy“ hieß. Die spielten Folk, sehr traditionell und songwritermäßig. Durch das Fragezeichen gab es nie irgendwelche rechtlichen Probleme.

Warum habt ihr kein Ausrufungszeichen benutzt? Andy hat mal gesagt, dass die Musik für ihn eine Art Therapie ist.

Ein Ausrufungszeichen erinnert mich immer an Werbung. Es ist eines der zu oft benutzten Zeichen, oder?

Da hat der Gute wohl mal wieder Recht und ein Ausrufezeichen passt auch nicht zum Understatement der Band.
Nun aber zurück aus der gelichteten Gerüchteküche zum neuen Longplayer. Warum habt ihr in Seattle aufgenommen? Ging es um das Image der Stadt, oder einfach nur um das Studio?

Das lag an unserem Produzenten Jack Endino. Wir wollten mit ihm arbeiten, weil er viele gute Alben in den letzten Jahren gemacht hat. Er hat alte Sachen von „Mudhoney“, „Nirvana“ und „Soundgarden“ gemacht. Das ist zehn Jahre her und seitdem hat er ca. 160 Alben gemacht. Wir haben ihn angerufen, und er war sehr locker. Es ging seinem Vater schlecht, und er wollte nah bei ihm sein und so hat er uns gefragt, ob wir nicht nach Seattle fliegen wollen.

Wo wir gerade bei Seattle sind. Ich bin der Ansicht, dass „Troublegum“ mit „Nirvanas“ „Nevermind“ verglichen werden kann. Es gibt nur wenige Alben, die so alt sind und trotzdem kennt jeder Tracks wie „Screamager“ oder „Nowhere“, wenn sie irgendwo gespielt werden. Das gilt für Metaller wie für Punks und andere. Es ist ein Album, das Fans unterschiedlicher Szenen mögen. Siehst du das auch so?

Ja völlig. Zurückblickend sehe ich das so. Als wir „Troublegum“ damals veröffentlicht haben, hatten wir so viel zu tun, dass wir gar nicht richtig mitbekamen, wie das Album einschlug. Es war aber nie so groß wie „Nevermind“ oder „Appetite For Destruction“.

Das gilt aber nur für die kommerzielle Seite.

Ja gut, die Alben haben das gleiche Feeling. Es kommen alte Leute, Leute die seit Anfang des Punk dabei sind, es kommen Metalheads und Kids, die die Songs von ihren Brüdern kennen.

Langweilt es euch manchmal nicht, wenn ihr auf Tour seid und ihr immer die alten Hits wie „Screamager“ oder „Nowhere“ spielen müßt. Oder sagt ihr euch, das wollen die Leute hören und dabei ist ja auch am meisten los vor der Bühne.

Solange es die Leute hören wollen, werden wir es spielen. Die Band heißt immer noch „Therapy?“. Und wir sind stolz auf unsere Vergangenheit. Das ist ein Teil von uns. Wenn wir den Namen der Band ändern würden, ließen wir die Songs vielleicht weg. Aber warum sollten wir sie weglassen? „Black Sabbath“ spielen auch immer noch „Iron Man“ und „Paranoid“. Mit „Nowhere“ und „Screamager“ bekamen wir 93/94 den Erfolg. Wir verkaufen heute nicht mehr so viele Platten. Wir sind ehrlich stolz auf die Songs, sie sind brilliant. Ich mag sie noch sehr, sonst würden wir sie nicht mehr spielen. Es wäre schlimm, Sachen zu spielen, auf die man keinen Bock hat.

Andererseits gibt es ja genug Bands, die ihre alten Sachen nicht mehr spielen, und es ist ja auch verständlich, wenn du als Musiker die neuen Sachen präsentieren willst, wo du die anderen schon hunderte von Malen gespielt hast.

Ja, das ist unser achtes Album. Wir werden auf der kommenden Tour viele neue Sachen spielen, aber es gibt natürlich auch die alten Sachen, die die Leute hören wollen.

Wer wird euch denn auf eurer Tour supporten?

4-5 Shows werden wir mit „Thumb“ spielen. Ein paar Gigs spielen wir mit „4Lyn“. Wir versuchen, noch eine andere deutsche Band mitzunehmen, aber das ist alles noch in Planung.

Hängt eure Playlist davon ab, mit wem ihr spielt? Gibt es Unterschiede, wenn ihr mit „Slayer“ spielt oder „U2“ supporten würdet?

Wenn wir irgend jemanden supporten, ist es nicht unsere Show. Wir spielen dann nur 30-40 Minuten. Da ist es wichtig, den Kids deine Stärke zu zeigen. Aber wir würden unser normales Set spielen. Auf einem „Therapy?“ Konzert wissen wir, daß uns die Leute vorher kennen. Wir spielen länger und auch ein paar langsamere Songs, damit es nicht zu hektisch wird. Es ist klasse, daß wir mit „U2“ der „Pantera“ spielen könnten. Das würde beides Sinn machen.

So, da waren die 30 Minuten schon um, die ich zur Verfügung hatte. Zum Schluss verabschiedete ich mich in Vorfreude auf die Tour bei einem wirklich angenehmen Gesprächspartner.





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