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Hinter dem Projekt ORTNIT steckt kein geringerer als Thomas Helm, seines Zeichens klassisch ausgebildeter, hauptberuflicher Sänger und Musiker, der Insidern als Kopf der Prog-Band Noekk ein Begriff sein sollte, mindestens allerdings als Kompagnon von Markus “Schwadorf” Stock bei Empyrium. Auf “Sidrat” fröhnt er nun bereits zum zweiten Mal nach dem selbstbetitelten 2022er Debut seinem Faible für Dungeon-Synth. Stichwort Dungeon-Synth! Richtig, da war doch was. Genau, in diesem Genre setzte sich der Verfasser dieser Zeilen doch schon einmal beim Review zu EYE OF MORDOR gewaltig in die Nesseln und brachte damit Trollmusic-Cheftroll Thor weniger in Verlegenheit, als zum Donnerdrummeln und Feixen.

Was liegt also näher, als sich gleich noch einmal dieser “Gefahr” auszusetzen, wenn ein von mir nicht weniger geschätzter Mensch und Musiker anfragt, ob ich nicht Lust und Muße habe, mich schreiberisch mit seinem künstlerischen Schaffen auseinander zu setzen. Ein Experte für Dungeon-Synth bin ich auch in der Zwischenzeit nicht geworden. Mein schmaler Fundus an Expertisenwissen beschränkt sich nach wie vor auf die Ursuppe verschiedener Künstler und Veröffentlichungen, an denen man nicht vorbeigekommen ist, wenn man mit dem Black Metal der Neunziger sozialisiert wurde.

Doch zurück zu ORTNIT und Thomas Helm, dessen Aktivitäten und Affinitäten mir in diesem Metier bisher noch völlig unbekannt waren. König Ortnit ist übrigens Hauptprotagonist der gleichnamigen niederdeutschen Heldensage. Ortnit, der einst aus dem Lampartenland auszog, um Sidrat, die Tochter des Heidenköngis Machorel auf der Burg Montabur für sich zu gewinnen. Mit einem Ring, güldener Rüstung, dem Schwert Rose und der Hilfe des Zwergen Alberich, gleichfalls Vater von Ortnit, gelingt die Entführung von Sidrat. Das vermeintliche Glück dauert jedoch nur kurz an. Ein Versöhnunggeschenk des Heidenkönigs bringt nicht Reichtum, sondern Plage über das Lampartenland. Aus Echseneiern schlüpfen Drachen, denen König Ortnit schließlich als Futter zum Opfer fällt.

Der thematische Rahmen ist damit schon einmal vorgezeichnet und könnte epischer kaum sein. Leider lässt es sich nach einer rudimentären Auseinandersetzung mit der Geschichte anhand der Titel “Am stillen Herd”, “Notsignal”, “Eingeschneit” und “Erstarrt” sowie anhand der musikalischen Sequenzen nur schwer nachvollziehen, in welcher Szene man sich gerade befindet.

Allerdings kann ich mit dem ORTNIT´schen Dungeon-Synth-Kosmos wesentlich mehr anfangen, als mit Eye Of Mordor, wobei der direkte Vergleich sich verbittet, weil letztere weitestgehend in Ambient-Gefilde abschweifen, während bei ORTNIT im doppelten Wortsinn auf klassische Strukturen zurück gegriffen wird. Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass die gewählten Klangfarben zeitweise entfernt an Empyrium erinnern. Die simple Key-”Orchestrierung”, die den Musikstil in der Regel auszeichnet, ist dabei jedoch auf das Wesentlichste beschränkt.

Dennoch gelingt es Thomas Helm sehr eindrucksvoll, ausladend und ausschweifend eine, die eigene Phantasie anregende Geschichte sehr bildhaft klangmalerisch umzusetzen. “Sidrat” deckt die gesamte Bandbreit des Dungeon-Synths ab, von Kitsch über kindliche Naivität bis hin zu klassicher Seriösität. Unabhängig von Thor Joakimssons Verweis auf Tschaikowsky stiegen während des Hörens sehr schnell Erinnerungen an dessen Werk “Peter und der Wolf” in mir hoch. Beim abschließenden “Echoes” wendet sich Thomas Helm ab vom Heldenepos und hin zu der eigenen persönlichen musikalischen Vergangenheit. Es handelt sich um die Adaption von Marduk´s “Echoes From The Past” (“Those Of The Unlight” - 1993). Die ist nicht nur gelungen, sondern fügt sich nahtlos und stimmungsvoll wie feierlich an das Ende von “Sidrat”. Es ist für mich ein spezielles Album für besondere Anlässe, bei denen es mich danach dünkt, mich malerischen, phantasivollen Klangwelten hinzugeben.

Das Design von Benjamin König passt einmal mehr wie die Faust auf´s Auge zur Musik. Was wäre hier erst möglich gewesen, wenn man die Mittel gehabt hätte, den thematischen Inhalt Song für Song in einem opulenten Booklet zu visualisieren, wobei ich selbst nur die Tape-Version vorliegen habe.

Nichtsdestotrotz ist “Sidrat” eine lohnenswerte Entdeckung. Ortnit ist tot, lang lebe Wolfdietrich!


ORTNIT - Sidrat by Orko Productions:

Kategorie

V.Ö.

07. April 2023

Label

Antiq Records

Spielzeit

35:54

Tracklist

1. Am stillen Herd

2. Notsignal

3. Eingeschneit

4. Erstarrt

5. Echoes

Line Up

Thomas Helm – Keys, Arrangements

 


Bewertung

1