Plage Noire 2009

  • Datum: 13.-14. November 2009
  • Ort: Oldenburg in Holstein, Weissenhäuser Strand
  • Besucher: 4500
  • Tickets: 99 Euro + VVK

Festival
Bereits auf dem letzten M'era Luna Festival präsentierte der Veranstalter sein neues Festivalkonzept für den Herbst. Konzerte von 20 Bands und ein umfangreiches Rahmenprogramm sollten an zwei Tagen in der Ferienanlage Weissenhäuser Strand am zweiten Novemberwochenende eine neue Festival-Ära einläuten. Zielgruppe war das kaufkräftige Ü30-Publikum, entsprechend fiel die Bandauswahl aus und es wurden sogar Betreuungsmöglichkeiten für Kinder angeboten. Die Festivaltickets enthielten 2 Übernachtungen in einer Ferienwohnung und wenn man in größeren Gruppen mit bis zu 10 Personen eine Wohnung belegen konnte, wurden die Ticketpreise günstiger.

Location
Die Ferienanlage am Weissenhäuser Strand ist äußerlich sicherlich nicht die schönste ihrer Art und auch schon etwas in die Jahre gekommen. Aber für das Plage Noire Festival hat sie sich als absolut zweckmäßig und überaus komfortabel erwiesen. Kurze Wege von den Appartements zur zentralen Passage "Galeria" mit den Veranstaltungssälen, Restaurants, Bistro, Bar und einigen Verkaufsständen, alles unter einem Dach. Von dort nur wenige Schritte bis zum vor der Tür aufgebauten Zirkuszelt mit der großen Bühne und Platz für ca. 3000-4000 Besucher. Das Zelt war ausgestattet mit stabilem Kunststoff-Fußboden und beheizt, es war ja schließlich schon November. So konnte die Lieblingsband sogar im T-Shirt gefeiert werden, auch wenn das manchem schon etwas zu warm war. Die beiden inneren Veranstaltungssäle waren teilweise mit Teppich und Sitzmöglichkeiten ausgestattet und ebenfalls angenehm beheizt. Der "Baltic Festsaal" bot eine große Bühne für die "kleineren" Konzerte, das holzgetäfelte und säulendurchzogene Witthüs hatte mehr urigen Charakter und war eher der Ort für Lesungen und Partys. Die wenigen dort stattfindenden Konzerte ermöglichten allerdings auch eine besondere Nähe zwischen Musikern und Publikum. Da bei der Auftaktveranstaltung die Besucherzahl mit offiziell ca. 2300 Festivalgästen noch überschaubar blieb, wurde es bei den einzelnen Konzerten nie zu eng und der spontane Wechsel zwischen den Locations war jederzeit problemlos möglich. Zudem waren überall saubere Toiletten in unmittelbarer Nähe zu finden, dass es keine Dixis gab, hat niemand vermisst.

Auch das Wohnen war sehr angenehm, selbst wenn die ganz kleinen 20qm Appartements etwas beengt wirkten. Für zwei Tage war das in Ordnung und mit etwas Glück kam man in einer erst kürzlich renovierten Wohnung mit modernster Ausstattung unter. Selbst dort konnte man auf Knopfdruck am Festival teilhaben, auf dem TV-Kanal der Ferienanlage wurde Musik von Festivalsamplern gespielt, der Veranstalter hat wirklich an alles gedacht. Und wenn man bisher auf anderen Festivals darunter gelitten hat, dass das Hotelfrühstück nach einer langen Partynacht zur völlig unchristlichen Zeit aufgetischt wurde, so war man hier sein eigener Herr über Toaster und Kaffeemaschine und konnte das Aufstehen ganz stressfrei auf den frühen Nachmittag legen. Luxus pur!



Rahmenprogramm
Erwähnenswert sind die Lesungen, die bislang nur bei wenigen Festivals wie dem Wave Gotik Treffen zum festen Bestandteil gehören. Vor allem der bei Kerzenlicht gehaltene Vortrag von Emilie Autumn im gemütlichen Witthüs fand großen Zuspruch, obwohl natürlich in englisch gehalten. Emilie las aus ihrem neuen Buch "The Asylum For Wayward Victorian Girls" und rief unter anderem dazu auf, ihre Wikipedia Seite ab sofort mit irgendwelchem Quatsch zu ergänzen, nachdem es ihr selbst nicht gelungen ist, eigene Änderungen und Richtigstellungen einzubringen, da diese von den Verwaltern der Wikipedia gleich wieder "korrigiert" wurden. Autogrammstunden mit den anwesenden Künstler durften natürlich nicht fehlen, ergänzt wurden diese durch ein Fotoshooting mit der Band ASP. Geboten wurde außerdem ein Kurzfilm-Festival, Modenschau, eine Weinverkostung, sowie Wellness, Schwimmen, Billiard, Bowling und weitere Sportmöglichkeiten in den Räumlichkeiten der Festivalanlage. Die meisten Besucher nutzen jedoch die Zeit zwischen den Veranstaltungen, um einfach in der Galeria-Passage in oder vor einem der Restaurants Platz zu nehmen oder für einen Spaziergang zum Ostseestrand und der kleinen Seebrücke. Alles Angebotene konnte man gar nicht mitnehmen, dafür war das Festival viel zu kurz.



Musik
Wie so oft bei Festivals war es unmöglich alle Bands zu sehen, da allein schon der frühe Beginn der Konzerte am Freitag um 17 Uhr bei längerer Anreise das erste Problem darstellte. Und so rockten Mono Inc bereits die Bühne, während wir noch mit den Formalitäten beim Einchecken beschäftigt waren. Immerhin waren fast alle Auftritte in "voller Konzertlänge" angekündigt und dauerten in der Regel mindestens eine Stunde, so dass die Festivalbesucher bei häufigem Wechsel zwischen den Bühnen viele Auftritte zumindest teilweise sehen konnten.

Der erste Auftritte am Freitag war für mich der von In The Nursery. Das britische Zwillingspaar Clive und Nigel Humberstone ist seit den frühen 80ern als In The Nursery aktiv, zunächst im Postpunk Umfeld gestartet entwickelten sie recht bald ihren orchestralen an Filmmusiken gemahnenden Stil und gewannen Ende der 80er Dolores Marguerite C als feste Sängerin. In dieser Besetzung sind sie auch heute noch unterwegs. Live beeindrucken sie vor allem durch ihre rhythmische und percussionsintensive Show mit dem markanten Sound der Military-Drums. Geboten wurde beim Plage Noire ein Querschnitt ihres Schaffens aus 25 Jahren, angefangen mit ungestümen Stücken der frühen Jahre wie Deux Ex Machina oder Compulsion bis hin zu gediegenen Titeln ihres letzten Albums Era.



Weiter ging es im Baltic Festsaal mit And Also The Trees, ebenfalls eine Band aus Großbritanien, die Anfang der 80er Jahre im Postpunk Umfeld gegründet wurde und zu jener Zeit auch eng mit The Cure befreundet war. Auf ihrer aktuellen Tour präsentieren die Musiker um Sänger Simon Huw Jones ihre melancholischen Songs in Form eines Akustik-Sets mit Konzertgitarre und Kontrabass. Ein beeindruckendes Erlebnis, auch wenn das Festivalumfeld fast schon zu unruhig war und ich mir diesen Auftritt noch besser im bestuhlten Witthüs hätte vorstellen können.



Als nächstes standen Rotersand auf dem Programm. Ihr Auftritt war auf der winzigen Bühne des Witthüs angesetzt, was Sänger Rascal gleich zu Anfang zu dem Scherz veranlasste, dass eigentlich die Märklin Version von Rotersand für dieses Konzert gebucht war, diese jedoch gerade auf der Modellbahnmesse in Nürnberg spielen würde. Und während der hochgewachsene Rotersand-Sänger aufpassen musste, sich nicht den Kopf an den niedrigen Deckenbalken des rustikalen Saales zu stoßen, konnte man angesichts der niedrigen Bühne aus den hinteren Reihen leider nicht viel sehen. Dafür war der Kontakt zum dicht stehenden Publikum schnell hergestellt und am Schluss tanzten zahlreiche Fans gemeinsam mit der Band auf der kleinen Bühne. Am Ende verließen Rotersand mit begeisterten den Worten die Bühne, sich an diesen Auftritt garantiert noch lange zu erinnern.

Den Abschluss des Tages bestritt Anne Clark im Baltic Saal. Nachdem Anne Clark in den letzten Jahren hauptsächlich mit ihrer fünfköpfigen Band und einem Akustik-Programm unterwegs war, stand dieses Mal wieder ein rein elektronisches Set an. Begleitet wurde Anne Clark dieses Mal von dem Tangerine Dream Musiker Steve Schroyder, wie Anne Clark selbst, ein Urgestein der elektronischen Musik, der insbesondere beim Klassiker "Our Darkness" neue Einflüsse einbrachte und zum Schluss des Titels ein tolles Solo improvisierte.

Am Samstag ging es weiter mit den Solitary Experiments, die Berliner Formation brachte gefälligen EBM auf die Bühne des Baltic Saals und stellte ihr neues Album "In The Eye Of The Beholder" vor.



Nimmt man die Besucherzahlen im Festivalzelt zum Maßstab, waren Deine Lakaien der eigentliche Headliner des Samstags. Als wäre das Plage Noire Festival für Akustik bzw. Unplugged Auftritte geradezu prädestiniert, stand auch bei Deine Lakaien ein Gig nur mit Piano und Gesang auf dem Programm. Auf der riesigen Bühne wirkten die beiden Musiker samt Flügel und Barhocker zwar etwas verloren und boten auch keine aufwändige Licht- und Bühnenshow, konnten jedoch allein durch ihre eindringliche Musik begeistern. Das große Zelt war gut gefüllt und die Besucher belohnten jeden einzelnen Titel von Ernst Horn und Alexander Veljanov mit frenetischem Applaus. Insbesondere wenn Ernst Horn mit Gläsern oder Drumstick die Innereien seines Konzertflügels traktierte, um Donnergeräusche oder gitarrenähnliche Klänge zu erzeugen. Das ist bei diesen Auftritten von Deine Lakaien natürlich nichts aufregend Neues, aber man wäre enttäuscht gewesen, wenn diese Einlagen gefehlt hätten. Am Ende gab es für diesen Auftritt stehende Ovationen.



Die Pause bis zur nächsten Band konnte für einen Blick auf Kirlian Camera im Baltic Saal genutzt werden. Die italienische Formation um Angelo Bergamini und Sängerin Elena Fossi brachte mit ihrer Musik nochmal einen düsteren Moment auf die in diesem Fall oft viel zu hell beleuchtete Bühne, getragene Balladen wechselten sich ab mit bedrohlichem Elektro-Stakkato.



Die letzte Band auf der großen Zeltbühne und offizieller Headliner des Samstags waren London After Midnight. Jetzt war es nicht mehr ganz so voll im Zelt wie zuvor bei Deine Lakaien, aber auch hier war noch gut etwas los und es herrschte ausgelassene Stimmung. Mit aufwändiger Licht- und Videoshow wurde zum Abschluss nochmal standesgemäß das volle Gothicrock-Programm geboten.



Ganz vorbei war es aber noch nicht, Blutengel standen als letztes noch auf der Baltic-Bühne. Chris Pohl und seine beiden Sängerinnen Constance und Ulrike und präsentierten vor allem Stücke ihres aktuellen Albums "Schwarzes Eis" und als Premiere ihre brandneue Single "Soultaker". Wie von Blutengel gewohnt, geschah dies im Rahmen einer theatralischen Darbietung, die von 5 Tänzerinnen unterstützt wurde. Nebenbei wurde nicht nur mit Partykanonen Glitzer-Konfetti ins Publikum geschossen, sondern die vorderen Reihen auch mit einer Ladung Kunstblut besprengt. Allerdings verspritzt man das sonst wohl in höheren Locations, denn an der weißen Decke des flachen Baltic Saals zeugte nach dem Konzert eine dicker Blutfleck davon, wer hier zuletzt den Ton angegeben hatte.





Nach dem Ende der Konzerte gab es zum Ausklang beider Tage noch jeweils zwei Partys, im Baltic Saal mit Schwerpunkt Gitarre und Electro und EBM im Witthüs. Wobei das verwinkelte und gemütliche Witthüs eindeutig die bessere Location für diesen Zweck war. Auch wenn die Holztäfelung bei manchem den Eindruck einer Dorfdisko hinterließ.

Fazit
Auch wenn bei diesem Festival vorab die Preise unglaublich hoch erschienen, wurde dafür doch allerhand geboten. Bei diesem Festival hat einfach alles gestimmt. Die entspannte Atmosphäre, bequeme Unterkünfte, kurze Wege und alles unter einem Dach, was man zum genießen des Wochenendes brauchte. Viele Kleinigkeiten, wie eine beim Check-In ausgehändigte Geschenk-Tasche mit einer CD und einer Live-DVD des Sponsor-Labels, einer älteren Zillo-Ausgabe - natürlich mit Artikeln über Bands des Festivals - und weiteren Goodies konnte einfach nur einen positiven Eindruck hinterlassen. Hoffentlich behält der Veranstalter diesen Standard im nächsten Jahr aufrecht, dann könnte sich das Konzept eines Komfort-Festivals in den nächsten Jahren etablieren. Und auch wenn dieses Mal noch drei Wochen vor Beginn die Preise gesenkt wurden und zahlreiche Karten über Gewinnspiele unter das Szenevolk gebracht wurden - viele, die dieses Mal noch eine Karte gewonnen haben, wollen beim nächsten Mal auch wieder dabei sein. Wenn das kein Erfolg ist...





:::Björn Klapprott