Suicidal Tendencies - Interview mit Mike Muir

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Das letzte Interview mit Dean von den SUICIDAL TENDENCIES ist gerade mal 4 Monate alt. Wenn die Band im Rahmen der Persistence Tour aber wieder nach Berlin kommt und es die Möglichkeit gibt, mit Mike Muir zu sprechen, sage ich natürlich zu. Im Folgenden geht es nicht nur um die neue Scheibe aber auch wenn Cyco Miko auf meine Fragen nicht immer direkt antwortet, ist es doch interessant, seine Statements zu lesen. Im Gegensatz zur Bühne präsentiert sich Mike äußerst ruhig und entspannt, nur sein Sprechtempo ist nahezu identisch.

Hi Mike, wie geht´s dir?

Danke, gut. Ich hab noch etwas mit der Zeitverschiebung zu kämpfen, weil es der erste Tag der Tour ist und das Wetter ist auch nicht besonders einladend.

Na gut, der Berliner Nieselregen kann natürlich nicht mit dem Sonnenschein in L.A. mithalten. Da ich schon ein Interview mit Dean gemacht habe und darin viel zur neuen Platte gesprochen wurde, würde ich gern über ein paar allgemeinere Sachen sprechen.

Gern, das ist cool.

Du hast ja gerade angesprochen, dass ihr aus L.A. seid. Ihr habt eure Musik relativ gleichzeitig mit dem Hardcore aus Boston und New York entwickelt und es gibt ähnliche Wurzeln. Euer Sound ist aber völlig anders. Wie erklärst du das?

Das ist einfach. Menschen haben unterschiedliche Motivationen. Viele Leute kopieren einfach das, was sie sehen oder hören. Bei mir war es so, dass ich viele Sachen, die es zu hören gab, nicht mochte. Ich wollte etwas machen, was mir selbst gefiel. Was wir damals gemacht haben, hatte noch niemand gemacht. Viele Leute haben damals schlecht über uns gesprochen und immer gesagt, was man alles nicht tun kann und was „falsch“ ist. Als wir unsere erste Platte herausgebracht haben, gab es verheerende Kritiken in den Punkrock und Metal Magazinen. Uns war das r ziemlich egal. Beim Punkrock geht es ja vielen darum, dagegen zu sein und sie haben all diese Regeln, wie man sich zu kleiden oder anzuhören hat. Da hab ich mich schon immer gefragt, warum die ihre Heuchelei nicht bemerken. Wir haben uns nicht so sehr darum gekümmert, was andere Leute machen. Es ging darum, was wir machen. Es gab schon viele Punkrocker, die eine heftige Antipathie gegen uns hatten.

Ihr ward ja irgendwie zwischen den Stühlen. Denn den Punks ward ihr zu Metal und den Metallern zu punkig.

ST 3Was passierte ist, dass uns Leute gehört haben, die nicht in diesen Kategorien gedacht haben. Die mochten uns. Diese Leute haben sich halt nicht so um diese ganzen Regeln gekümmert. Sie haben wie wir die Musik der Musik wegen gehört. Wir waren schon außerhalb der bisherigen Szenen. Dann fingen viele Skater an, unsere Musik zu hören. Danach entdeckten uns dann aber auch einige Punkrocker und Metalheads. Da konnten einige mehr mit uns als mit den Spandex Hosen, Eyeliner und den typischen Metal Vocals anfangen. Wir haben nach und nach unser Publikum gefunden. Wir gehörten nie zu einer bestimmten Szene, da wir unterschiedliche Einflüsse haben. Daher gibt es auch nicht den typischen Suicidal Fan. Natürlich übernehmen einige den Look, aber insbesondere in den letzten Jahren kommen die unterschiedlichsten Leute, die sehr von Suicidal in ihrem Leben beeinflusst wurden. Das ahnt man oft gar nicht.

In den Texten liegt für mich ein weiterer Unterschied zu den New Yorker Bands. Die haben ja immer den Harten raushängen lassen und du hast auch über Verletzlichkeit gesungen, was auch mutig ist. Wie wichtig war es dir, da nicht die Klischees zu bedienen?

Das war eigentlich nicht so wichtig. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Es war mir damals nicht bewusst, dass es irgendjemanden kümmert, was ich singe. Es gab schon Leute, die gesagt haben, dass das „Pussy Shit“ ist. Andere fanden es gut. Das wichtigste ist doch, dass die Leute überhaupt anfangen nachzudenken. Es ist schon komisch, welche unterschiedlichen Herangehensweisen die Menschen auf die gleiche Sache haben. Es gibt viele Leute in der gesamte Welt, die mir heute sagen, dass sie unsere Texte irgendwie interessiert haben. Weil sie nicht alles verstanden haben, nahmen sie Wörterbücher zur Hilfe und manche sagen, dass sie so angefangen haben, Englisch zu lernen. Es gibt ja Leute, die unverständlich grunzen oder schreien, so bin ich aber nicht. Es ist mir wichtig, dass meine Texte verständlich sind.

Neben den Texten über Verletzungen gab es ja auch immer sehr kämpferische Texte wie `The Feeling Is Back´, ´You Can’t Bring Me Down´ oder ´Build To Survive´. Die Songs haben eine sehr positive Energie. Wie wichtig ist es dir, nicht weinerlich zu werden?

Du musst halt immer wieder auf die Beine kommen. Es wird ja nicht passieren, dass du morgens aufwachst, du reich bist und ein Supermodel an deiner Tür klopft. Viele Leute sitzen rum und warten auf ein Wunder. Egal ob es um Religion oder einfach um das Leben geht. Von alleine passiert aber nichts. Und manchmal ist es vielleicht sogar gut, dass Dinge nicht so laufen wie man möchte. Denn durch die eigenen Erfahrungen wird man stärker und schlauer. Das bewahrt einen oft vor weiteren negativen Erfahrungen. Es geht um Wahrnehmung und nicht einfach um Stärke oder Schwäche. Man muss sich kennen und das gibt dir Stärke. Es ist wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Es geht doch um das Herz, wenn man mit Menschen in Kontakt ist und nicht nur um Worte. Das gilt nicht nur für Sänger in einer Band, sondern für alle menschlichen Wesen.

Das Thema des Kämpfens zieht sich durch die Texte und ist auch auf ´13´sehr präsent. Was glaubst du, wie wäre dieser Kampf verlaufen, wenn du nicht Musiker bei Suicidal wärst?

(Lacht) Zum Unglück einiger Leute wäre ich wohl Anwalt geworden. Als ich ein Kind war, bin ich oft zu Gerichtsverhandlungen gegangen. Das Gericht war vier Blocks vom Strand entfernt und so bin ich da oft nach dem Strand noch mit meinem Rad vorbeigefahren. War unglaublich, was ich dort für Lügen zum Beispiel von Polizisten erlebt habe. Als später mal Freunde von mir vor Gericht waren, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht um Schuld ging. Es ging eher darum, woher sie kamen. Mit Kindern aus reicheren Elternhäusern wurde viel milder umgegangen. Ich hätte da gern ein bisschen mehr Gerechtigkeit reingebracht.

Das ist die berufliche Seite, aber wie wäre es persönlich gelaufen? Ist es dir wichtig, die Musik als Ventil zu haben?

ST 4Es gibt ja viele Leute, die sagen, sie brauchen die Musik, um die negativen Dinge loszuwerden. Ich brauche das nicht. Es ist doch das Wichtigste, ehrlich zu sein. Da macht es keinen Unterschied, in welcher Situation du bist. Es wäre egal, was ich mache. Ich wäre auch ich, wenn ich Lehrer wäre. Ich bin so erzogen worden, dass man ehrlich und gewissenhaft ist. Mein Vater hat mir beigebracht, nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern immer zu schauen, wie man Dinge besser machen kann. Es geht immer um Ehrlichkeit, gerade zu sich selber.

Was ja nicht leicht ist.

Genau, darum laufen ja auch viele mit einem aufgesetzten Lächeln rum. Sie wollen bloß nicht gefragt werden, ob es ihnen nicht gut geht. Dann müssen sie sich ja mit Sachen beschäftigen, mit denen sie nichts zu tun haben möchten.

Du hast jetzt öfter von Ehrlichkeit gesprochen. Ist das der Grund, warum du auch immer wieder kritische politische Texte schreibst?

Das ist komisch. Es gibt immer Leute, die sagen, dass wir eine politische Band sind. Andere sagen, wir sind unpolitisch. Ich glaube, dass die Politiker, je höher sie kommen, in einer bestimmten Struktur gefangen sind. Ich habe noch nie gewählt und manche fragen, ob das an sich ein Statement ist. Es ist insofern ein Statement, als dass es noch niemanden gab, den ich wählen wollte, an den ich wirklich geglaubt habe. Wenn ich glaube, dass jemand ein wirklich guter Mensch ist, der Veränderungen aus den richtige Gründen voranbringen will, dann werde ich ihn wählen. Aber ich glaube, dass Politik wie ein Gift ist. Es ist wie ein Klo auf einem Festival – es stinkt. Und wenn du lange genug daneben stehst, riechst du selber wie Müll. Das meine ich mit Gift. Die Leute haben gute Absichten, werden aber im System verändert. Das singe ich bei ´Two Sided Politics´. Wenn sie gegen das System sind, ist das System gegen sie. Und das ist das Problem.

Suicidal haben ja ein paar Jahre pausiert. Was hast du in dieser Zeit am meisten vermisst?

Ich hatte ja große Rückenprobleme und zwei Operationen. Damals habe ich einfach weitergemacht. Dann hatten wir etwa eineinhalb Jahre später wirklich große Auftritte mit bis zu 95.000 Besuchern. Ein Gig war im Olympic Auditorium, ehe dies geschlossen wurde. Der Laden hat eine große Historie, was Punkrock angeht. Wir wollten die Show filmen um eine DVD zu machen. An dem Morgen bin ich aufgewacht und konnte nicht mehr gehen. Alles war eingerichtet, die Kameras waren da und ich habe diese Show irgendwie durchgezogen. Am nächsten Tag war ich dann beim Arzt und der sagte, dass eine weitere Operation nötig ist. Das war dann die dritte und zu der Zeit habe ich meinen ersten Sohn bekommen. Ich durfte damals auch nichts mehr heben und hab gesagt: „Das ist ein Zeichen, das war´s“. Ich habe mich dann noch bei allen bedankt, bei denen ich das tun wollte. Damit ging es mir gut. Ich hatte keine Probleme und kein Bedauern. Ich habe auch nicht gedacht, dass ich dies oder das noch einmal haben möchte.

Das wundert mich jetzt aber schon. Du bist ein so agiler Frontmann, der immer in Aktion ist, auch wenn er nicht singt. Es ist deutlich, dass du viel Spaß hast, da dachte ich schon, dass du die Auftritte vermisst.

ST 5Nein, ich habe da wirklich nichts nachgetrauert. Es ging mir gut. Ich habe mich auf mein Leben mit neuen Herausforderungen gefreut. Meine Frau kommt aus Australien und wir sind erstmal dorthin gefahren. Dort gab es dann später die Frage, ob wir nicht auf dem Soundwave Festival spielen können. Das hat mich dann schon gereizt, denn der australische Teil und der Familie und sogar mein Sohn hatten mich ja noch nie live gesehen. Meine Frau hat mir dann gesagt, dass es mir ja wieder gut geht und gefragt, warum wir nicht die Show spielen. Wir haben das dann gemacht. Es war schon komisch, weil ich vor dieser Show dann sehr nervös war. Das bin ich eigentlich nicht. Ich hab mich dann gefragt, was bloß los ist. Hatebreed haben vor uns gespielt und ich habe sie vom Bühnenrand angeschaut und gemerkt wie ich immer nervöser wurde. Es war dann aber ein wirklich guter Gig. Dann haben mich Leute aus Frankreich angerufen und denen habe ich dann ein paar Shows zugesagt. Wir haben also langsam angefangen, wieder Shows zu spielen. Das war aber alles ohne Verpflichtungen. Wir haben das nur gemacht, wenn wir die Promoter mochten. So hätten wir auch Shows absagen können, wenn es gesundheitlich nicht gegangen wäre. Es ist dann immer mehr geworden und irgendwann ist dann die Idee gekommen, auch wieder eine Platte rauszubringen. Wenn man mal von etwas weg war, bekommt man einen anderen Blick auf die Dinge. Ich denke mir heute immer, dass es die letzte Show sein könnte, die wir spielen. Wir wissen alles mehr zu würdigen. Gleichzeitig möchten wir auch bei unseren Familien sein und spielen nicht zu viele Shows, damit es nicht einfach ein Job wird.

Vor dem Auftritt nach längerer Zeit warst du nervös. Hattest du das Gefühl, dass der Druck vor dem neuen Album auch höher als in der Vergangenheit war? Immerhin hat es neben der Pause ja auch viel mit der für dich bedeutsamen Zahl 13 zu tun. Und bedeutet dir ein Album mit dem Titel 13 mehr als andere?

Es bedeutet mir in unterschiedlichen Zusammenhängen viel. Wir haben kontinuierlich aufgenommen und irgendwann kommst du zu dem Punkt, an dem du so viele Songs aufgenommen hast, dass es dir schwer fällt, eine Auswahl zu treffen. Andere Bands nehmen 10 bis 12 Songs auf und sagen, OK, wir haben ein Album. Das war bei uns anders. Ich hab mich dann gefragt, was ich von einer guten Platte erwarte. Ich habe mich in die Zeit zurückversetzt, als ich 16 war. Damals war ich wirklich kritisch der Musik gegenüber. Es gab nur wenige spezielle Platten, die ich mochte. Wenn ich diese Platte gehört hätte, hätte ich ehrlich gesagt, dass ich so etwas noch nie gehört habe. Ich hätte sie sicher oft gehört und auch auf die Texte geachtet. Und dann hätte ich mich gefragt, worin der Unterschied zu den anderen Platten besteht. Als wir ´Feedump´ aufnahmen, wollte ich eine Punkrock Platte machen, von der ich wusste, dass ich sie mit 15 Jahren geliebt hätte.

Auf der Tour habe ich euch gesehen. Ihr ward da wirklich sehr beim Punk. Du hast auf der Bühne klar gemacht, dass ihr keine Metal Band seid. Auf der anderen Seite habt ihr 2012 in Wacken gespielt. Für mich klingt das neue Album wie eine Schnittmenge, die eure unterschiedlichsten Phasen repräsentiert.

Die erste Platte war sehr simpel. Die Leute waren sehr kritisch damit und haben uns gesagt, was man alles nicht machen kann. Ich denke, wir haben über die Jahre unseren eigenen Stil entwickelt und ich mag die Platte wirklich. Es ist für mich auch leichter geworden. Dadurch, dass wir schon viele Platten rausgebracht haben, sind die Leute mit unseren Stil vertrauter als es am Anfang der Fall war. Es ist uns egal, wie viele Menschen das Album kaufen, wenn es rauskommt. Uns ist wichtig, wie viele das Album nach 5 Jahre kaufen. Seit unserem ersten Album sind 30 Jahre vergangen und die Leute kaufen es immer noch. Ich denke, dass einige Leute ´13´ im Jahr 2025 entdecken und sie cool finden werden. Es gibt ja Bands, die sich heute bemühen, dass ihre Platte so klingt, als wäre sie vor 20 oder 30 Jahren erschienen. Das ist nichts für uns. Wir wollen eine Platte machen, die uns heute repräsentiert.

Für mich sind die Verkaufszahlen da nicht so wichtig. Ich habe gelesen, dass ´Suicidal For Life´ die kommerziell erfolgreichste Platte war. Die Leute sprechen doch aber viel mehr über das Debüt oder ´Lights Camera Revolution´. Diese Alben haben mehr Eindruck hinterlassen.

Das stimmt nicht. ´Lights Camera Revolution´ hat sich besser verkauft als Suicidal For Life´. Aber du hast Recht, das Interesse an unserer Ersten Platte ist heute wesentlich höher als es damals war. Wie gesagt, haben es die Leute damals nicht gehört, weil es zu einem bestimmten Stil gehört hat. Es waren die, denen es ausschließlich um die Musik ging. Und dann wurden wir halt bekannter. Aber das Video zu ´Smash It´ haben wir mit Metal Mulisha gemacht. Die kommen ja aus der (Moto) Cross Szene. Es passt einfach gut, unsere Musik dazu zu hören. Viele von denen kannten unsere alten Platten.

Nochmal zurück zu dem Wacken Gig. Hast du dich da denn nicht wie ein Alien gefühlt?

Ja, das trifft es in gewisser Weise. Das Festival ist musikalisch halt sehr einseitig ausgerichtet. Da gibt es dann Leute, die sagen, dass sie uns nicht mögen. Wenn ich dann nachfrage, kommt oft heraus, dass sie noch keine Songs von uns gehört haben. Ich finde es immer etwas merkwürdig, dass es da auch Leute gibt, die bei der Show kaum Regungen zeigen und im Nachhinein erzählen, wie großartig es war. Es gibt aber auch Leute, die uns nicht mögen, das ist OK. Wenn dich jeder mag, läuft etwas falsch.

Ich halte es auch für besser zu polarisieren, als Everybodys Darling zu sein.

Genau. Je mehr Leute dich hassen, desto mehr Menschen lieben dich. Es gibt immer Fans, die bedingungslos zu uns stehen und andere überzeugen wollen. Zu uns kommen so viele unterschiedliche Leute, es kann nicht jedem gefallen. Neulich war sogar ein Bürgermeisterkandidat bei einem Auftritt, der Titelsong seiner Kampagne war ´You Can´t Bring Me Down´. Es waren vier Polizisten bei einer anderen Show, die arbeiten mussten und alle hatten Suicidal Tattoos. Einer von ihnen hat erzählt, dass er früher Punk war und immer „Fuck The Police“ geschrien hat. Das ist schon verrückt. Aber ich mag gerade diese Erfahrungen.

Das verstehe ich, schön wenn sich Menschen entwickeln.

Wie stellst Du eigentlich die Setlist zusammen. Das scheint mir bei der Anzahl der Hits fast das Schwierigste an einem Gig zu sein.

Da hast du Recht, ich hab die für heute noch gar nicht gemacht.

Wenn du willst, kann ich das gern übernehmen.

ST pers(Lacht) Ne, das machen wir schon selber. Wir proben vor einer Tour viele Songs. Wir sehen ja dann, wie es läuft und wechseln schon mal etwas aus. Es ist ja gerade nicht da, aber der Tourmanager kommt immer irgendwann an und sagt „Mike, jetzt mach die Setlist!“ Dann schreib ich halt was auf. Es ist aber immer unterschiedlich. Auf einer Tour wie dieser ist das schwieriger als sonst. Wir haben nur die Möglichkeit, eine Stunde zu spielen. Wenn wir normalerweise eine Headliner Show machen, spielen wir 90 Minuten. Da können wir natürlich viel mehr Songs unterbringen. Weil wir ja so viele Platten draußen haben, ist es schwer, heute Tracks außen vor zu lassen. Es gibt natürlich immer Anfragen nach bestimmten Songs, aber das geht dann halt nicht.

Ist dieser Fundus an Songs auch der Grund, warum ihr bisher keine Anniversary-Tour zu einem eurer Alben gespielt habt. Das ist momentan ja ziemlich angesagt.

Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Ich bin keine sentimentale Person. Es gibt viele Leute, die gern an die alten Zeiten denken, in denen sie jung und unbesiegbar waren. Sie reden über die guten alten Tage und ich sage dann immer, dass die Leute sich nur nicht daran erinnern, dass früher auch nicht alles gut war.

In der Erinnerung verklären ja viele die alten Zeiten.

Ja, genau. Mein Bruder hat die Dog Town Skates Dokumentation gemacht. Er hat gesagt, dass es unglaublich ist, wie unterschiedlich die Erinnerungen verschiedener Leute an ein und dieselbe Situation sind. Manchmal sprechen mich Leute an und sagen „weißt du noch damals…“. Ich frage sie dann erstmal, ob sie da waren. Es gibt tatsächlich Leute, die tatsächlich glauben, dass sie bei Sachen dabei waren, was aber nicht der Fall war. Insbesondere wenn Drogen und Alkohol im Spiel waren, fallen die Erinnerungen doch sehr unterschiedlich aus. Es ist halt immer die Version einer Person, die nicht objektiv ist. Wenn Bands also diese Anniversary-Touren machen, geht es ja oft auch darum, mal wieder größere Hallen zu füllen. Viele Leute erwarten dann etwas, was einfach nicht möglich ist. Das waren einfach andere Zeiten. Als wir jetzt in den Staaten unterwegs waren, kamen Leute auf mich zu, die sagten, dass sich ihre Eltern bei einem Suicidal Gig kennengelernt und dann geheiratet haben.

Na, das ist das Sucidal for Life

(Lacht) Genau. Andere Väter kommen mit ihren Kindern und erzählen von den damaligen Konzerten. Das bedeutet mir mehr als einfach zu versuchen, die Zeit zurückzudrehen. Man kann einfach nicht mehr 16 sein.

Zu was ganz Anderem. Muss eigentlich jeder Musiker auf der Bühne und bei Promo Fotos ein Suicidal Shirt tragen?

Nein, das ist kein Muss. Alle in der Band kennen die Historie der Band und schätzen diese. Sie sind stolz auf die Band und sind mit ganzem Herzen dabei.

Also gibt es da keine Vorgaben von dir. Ich weiß, dass es Metal Bands gibt, bei denen der Nietengurt Pflicht ist.

(Lacht) Wirklich? Das ist ja albern, sowas überlassen wir den Clown-Bands. Wir sind anders als die anderen Bands und daher macht es auch keinen Sinn, im typischen Metal oder Punkrock Outfit auf die Bühne zu gehen. Dass die Musiker die Shirts tragen zeigt eher, dass sie die Band schätzen und in gewisser Weise stolz sind, ein Teil davon zu sein. Wir waren halt nicht nur musikalisch, sondern auch optisch immer etwas anders.

ST 2Übrigens folgte mein erstes Suicidal Konzert auf dem ein Bandmitglied kein Suicidal Shirt trug. Götterdrumer Eric zeigte seine Sympathie für Eminem.

Du hast ja zu Beginn davon gesprochen, dass sich viele Bands gleich anhören. Was hältst du denn von Gruppen wie Dr. Living Dead, die keinen Hehl daraus machen, dass sie euch kopieren wollen?

Die waren neulich unser Support. Ich glaube nicht, dass es viele Bands gibt, die wie Suicidal sein wollen. Aber es gibt sicher viele Bands, die von uns beeinflusst wurden.

Na es ist ja fast unmöglich, euer Level zu erreichen.

Ich habe viele Musiker getroffen, die komplett andere Musik machen, aber Fans von Suicidal sind und waren. Viele schätzen gerade, dass wir so anders sind. Und diese Leute wollen dann natürlich auch etwas Eigenständiges machen.

Aber zurück zur Frage: magst du denn Dr. Living Dead?

Ich kenne sie nicht wirklich. Die Show habe ich nicht gesehen. Wir haben uns vorher getroffen und es sind nette Typen.

OK, das klingt eher diplomatisch als euphorisch. Zum Schluss würde ich gern noch wissen, wie du es Dir erklärst, dass ihr in den letzten Jahren wieder Populärer geworden seid. Ich habe manchmal den Eindruck, dass es, wie bei Motörhead, reicht, einfach älter zu werden. Im Gegensatz zu Lemmy und Co habt ihr aber sogar für 13 Jahre keine neue Platte gemacht und trotzdem kamen immer mehr Menschen zu den Shows.

Na ja, ich glaube, das kommt nicht von selbst. Wir haben auf vielen unterschiedlichen Festivals gespielt. Da sehen dann viele Leute wieder den Namen und denken sich, dass sie uns mal wieder anchecken sollten. Und dann kommen sie zur Bühne und fällen ihr Urteil. Wir haben halt auf vielen Festivals gespielt und da waren die unterschiedlichsten Leute im Publikum. Und wenn du diese Leute überzeugst, dann kommen sie wieder. Für mich ist es ein Kompliment, von Menschen aus so unterschiedlichen Szenen geschätzt zu werden.

Und wer an diesem Abend vor beziehungsweise auf der Bühne (die wie üblich vom Publikum mitgenutzt wurde) stand, wird sicher beim nächsten Gig wiederkommen.

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Copyright of the pictures by Robert "The Drunken Kamerakind" Günther

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