Alexander Kaschte - Weisser als das Wasser

  • V.Ö.: 09 Juni 2016
  • Insekten Haus

Schockiert und entsetzt hinterließ der Autor Alexander Kaschte nach dem 2014 veröffentlichten Teil 1 der „Weißer als das Wasser“-Trilogie seine Leser. Zwei Jahre lang verbannte er sie in den grauenhaften Keller des Wartens auf die Fortsetzung. Eine Wartezeit, die sich angesichts der Ereignisse in der Nationalpolitik und der daraus resultierenden Reaktionen der Bevölkerung absolut gelohnt hat, denn Teil 2 setzt da an, wo es niemand erwartet: im gefühllosen, versumpften, dreckigen Neonazismus – mitten in Deutschland. 

Unverblümt brutal und schamlos direkt sticht schon der Beginn des zweiten Teils in ein Wespennest des Hirns und lässt den Leser bis zum Schluss schwer schlucken. So werden die Augen Zeuge einer Schlägerei zwischen dem skrupellosen Tankstellenbesitzer Ronny und 4 Flüchtlingen sowie des anschließend folgenden Mordes im Beisein der hirnlosesten Bevölkerung, die es in einem Land nur geben kann. Nicht selten hat man den Drang, dem Wahnsinn durch ein Beiseitelegen der Lektüre zu entkommen,  doch anhand des kurzatmigen und sehr guten Schreibstils möchte man nicht nachgeben.

Kaschte bindet auch mit der Fortsetzung um den mongoloiden Hans, der taubstummen Margarethe und Jacek den Leser fest an eine Geschichte, die einer Achterbahn der Gefühle gleicht. So wohnt man Hans‘ finsteren Beobachtungen im Kinderzimmer bei, sieht glibberige Gummispinnen zu Boden rutschen, möchte den erschöpften Jungen und das magere Mädchen nur zu gern aus der kalten, traurigen Dunkelheit befreien und lernt im gleichen Atemzug Ursula kennen, während man Rainer in seiner pubertären Entwicklung über die Schulter schauen darf.

Der Leser fährt mit Jacek und seinem Bully nach Hoyerswerda, begrüßt mit ihm gemeinsam den gefühllosen Hurensohn Denny und blickt in die Seele einer wohl zurecht verstörten Frau, die sich gern ein Messer in den Bauch rammen würde. Letztlich findet man sich in einem Schlafzimmer wieder, in dem sich derartig abartige Szenen abspielen, die man lieber nicht sehen, nicht fühlen, sich einfach nicht ausmalen möchte.

Wer den Beginn der Trilogie schon verquer, dreckig und verstörend fand, sollte sich ganz fest anschnallen, denn die Fortsetzung ist mehr als gelungen!

Letztlich kann man den zweiten Teil der Trilogie wohl mit folgendem Satz umschreiben: „Egal, wie schlecht es dir geht - wenn du dieses Buch gelesen hast, weißt du, dass du noch gut dran bist.“

Julia Wilde

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