Kleze - Desintegration

CD Reviews, Kleze - Desintegration

In der Geschichte der lateinischen Literatur gibt es die Trias "interpretatio", "imitatio" und "aemulatio". Damit wird bezeichnet, wie sich römische Schriftsteller an ihren griechischen Vorbildern abarbeiteten. "Interpretatio" meint in diesem Zusammenhang die bloße Übersetzung des griechischen Originals, die "Imitatio" die Nachahmung, die "Aemulatio" das Übertreffen des Vorbildes.

Nach nunmehr acht Jahren haben sich die Mannen von KLEZ.E zusammengerauft, um uns mit einem neuen Album zu beglücken, das in vielerlei Hinsicht den Geist von THE CURE atmet, die uns schon seit über neun Jahren einen neuen Longplayer schuldig bleiben. Schon der Titel "Desintegration" lehnt sich an eines der wichtigsten CURE-Alben "Disintegration" an, auch das Cover kann in THE-CURE-Tradition gesehen werden. Gleiches gilt für die ersten beiden Songs des Albums, die wirklich herausragend sind. 'Mauer' erinnert phasenweise ganz stark an 'The Holy Hour' vom CURE-Klassiker "Faith", ein Song, den Robert Smith in Erinnerung an den JOY-DIVISION-Frontmann Ian Curtis geschrieben hat, der sich seinerzeit das Leben genommen hatte. Hammermäßig kommt dann auch 'Flammen' daher, ein Track, der etwas dynamischer, aber nicht weniger niederdrückend und nachdenklich ist und eher von "Pornography" stammen könnte, zumindest was das Drumming angeht. Dem geneigten Fan könnte da 'Cold' in den Sinn kommen, auch wenn mitunter auch die elektronischen PARADISE LOST aus der "Host-Ära" durchschimmern. Weltklasse.

Das war es dann zunächst aber auch mit der Herrlichkeit. Dieses Niveau kann das unentschlossene und leiernde 'Nachtfahrt' leider nicht mehr halten. Gleiches gilt für die Texte. THE CURE waren nie wirklich eine politische Band, KLEZ.E versuchen sich vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage und dem Erstarken des Rechtspopulismus im Stile von TOCOTRONIC in kryptisch sozialer Gesellschaftskritik, die aufgrund ihrer mainstreamigen Zeitgeistlastigkeit aber nicht so richtig überzeugen kann, auch wenn das Anliegen aller Ehren wert ist. Etwas besser ist da schon 'November' mit dem THE-CURE-typischen melancholischen Gedengel, wofür Robert Smith immer seinen Six-String-Bass benutzt hat. Vor allem das Finale ist sehr gelungen. Ähnliches gilt für 'Schwarz', obwohl die tiefe Niedergeschmettertheit und unbändige Wehmut der vermeintlichen Vorbilder nicht erreicht werden kann, zumindest wenn man sich an den relevanten Alben orientiert. Sehr reduziert und riffmäßig an P. J. Harvey und gesanglich an U2 orientiert scheint mir 'Lobbyist' zu sein. Interessante Kombination.

Intermusikalität zu "Disintegration" gibt es in "Drohnen". Denn Gewitter läutete auch einen der depressivsten CURE-Songs ein, nämlich 'The Same Deep Water As You'. Eine ähnlich niedergedrückte Stimmung findet sich auch hier, gepaart mit festlicher Intensität. Vielleicht sogar der beste Song des Albums, der auch nicht durch den Rausschmeißer 'Requiem' getrübt wird. Ein Album, acht Songs, auch etwas, was an "Faith" oder "Pornography" erinnert.

Fazit: Trotz aller Eigenständigkeit arbeiten sich KLEZ.E in ambitionierter Weise an ihren Vorbildern von THE CURE ab und legen mit "Desintegration" eine ehrenwerte "Imitatio" ab, die das Vorbild nicht übertreffen kann, aber vor allem in THE-CUREiger "Faith-Manier" gekonnt daran erinnert, dass die Mannen um Robert Smith einmal richtig gute Alben gemacht haben und dass auch in heutiger Zeit dieser Sound gebraucht wird. Ein gutes Album. Kaufen!