Ewigheim im Interview - Von Leuchttürmen, Irrlichtern und Altersmilde

weitere Artikel zu Eisregen Empyrium Ewigheim Interview Irrlichter Oul Sun Of The Sleepless The Vision Bleak

Ewigheim im Interview - Von Leuchttürmen, Irrlichtern und Altersmilde
Hallo Yantit, hallo Allen, hallo Markus! Einmal mehr heiße ich Euch beim Twilight Magazin willkommen! Ihr seid im Begriff, mit "Irrlichter" Euer sechstes Album zu veröffentlichen. Ich möchte jedoch zu Beginn noch einmal zurück auf den Vorgänger "Schlaflieder" blicken, mit dem ich persönlich zum ersten Mal von EWIGHEIM enttäuscht wurde, was sich seinerzeit auch in meiner Rezension niedergeschlagen hat. Zwar hat sich meine Meinung über das Album mittlerweile etwas relativiert aber trotzdem empfinde ich es nach wie vor als das schwächste Album in Eurer Diskografie. Könnt Ihr das nachvollziehen, wie fühlt sich der Vorgänger nach gut zwei Jahren Abstand und  den frischen "Irrlichter"(n) auf der Habenseite an?
 
Yantit: Hey … das ist bedauerlich aber auch nicht zu ändern und so ganz nachvollziehen kann ich es nicht. Ehrlich gesagt halte ich mich im Rahmen einer Veröffentlichung selbst für den unbarmherzigsten Kritiker, dass war bei „Schlaflieder“ so und ist heute, bei „Irrlichter“ nicht anders. Rückblickend würde ich aber sagen, dass „Schlaflieder“ (neben „Heimwege“) unser stärkstes und vor allem emotionalstes Album ist.

EH Cover Irrlichter
Doch nun zum neuen Album"Irrlichter". Während dieses Interviews seid Ihr gerade auf Tour mit Lacrimas Profundere. Die Tour findet teilweise noch vor der eigentlichen Veröffentlichung des Albums statt. War das so geplant oder hat es sich einfach so ergeben? Ist es nicht eine Herausforderung oder Risiko, dass man zwar darauf brennt, die neuen Songs präsentieren zu wollen, ohne dass das Publikum mit ihnen vertraut ist? Wie läuft die Tour, seid Ihr froh, wieder auf der Bühne zu stehen?
 
Yantit: Ja, es ist schön wieder Konzerte geben zu können und die Tour könnte kaum besser laufen. Das wir Teile der Konzerte vor Veröffentlichung des Albums spielen hat sich so ergeben, ist aber auch kein Problem. Zum einen waren die Stücke die wir live spielen auch gleichzeitig die (vorab) Singles zu „Irrlichter“, andererseits läuft Tour ja auch unter dem Motto „20 Jahre Ewigheim“. Der Plan war also von Anfang an eine Setliste, die Titel aller Alben zu etwa gleichen Teilen beinhaltet.
 
 
Aus den bereits eingangs erwähnten Gründen liegt mir "Irrlichter" wieder wesentlich näher. Es repräsentiert so viel mehr von dem, für das ich EWIGHEIM immer gemocht und geschätzt habe. "Irrlichter" ist für meinen Geschmack ein sehr düsteres und nachdenkliches Album geworden, welches mich insbesondere durch den warmen Sound und von der Atmosphäre her an "Heimwege" erinnert. Wie ist das Album entstanden. Laut Info-Sheet beinhaltet das Album sowohl autobiografische Elemente, als die Auseinandersetzung realitäts- und gegenwartsbezogenen Themen? Werdet Ihr langsam altersmilde oder gar altersweise?
 
Yantit: Erstmal freue ich natürlich, dass dir „Irrlichter“ (wieder mehr) zusagt und gerade beim Sound der Platte gebe ich dir recht. Textlich war Ewigheim aber schon immer mein „Tagebuch“, also sowohl autobiografisch als auch real und gegenwärtig. Wenn sich im Lauf der Zeit überhaupt etwas geändert hat, dann ist es die Wortwahl … das könnte man dann auch altersmilde nennen ;) Und ernsthaft, wenn du irgendwann selbst in die auf „Schlaflieder“ besungenen Situationen kommst, wirst du schnell feststellen wie abgrundtief finster und vor allem nachdenklich dieses Album ist. Von daher kann ich nicht ganz nachvollziehen, warum du gerade „Irrlichter“ düster findest aber sehr nachdenklich ist es alle male … und es ist eben auch alles subjektiv.

Ewigheim02

Aufmerken lässt auch das Cover-Artwork, welches aus der Feder von Sakai Hoitsu stammt und EWIGHEIM erstmals in der Historie ein mehr oder weniger farbenfrohes Layout schenkt. Wie seid Ihr auf den Künstler gestoßen und wie schwierig war es, die Illustrationen als Artwork verwenden zu dürfen? Ward Ihr der klassischen und puristischen schwarz-weiß- und Käferrad-Symbolik überdrüssig?
 
Yantit: Nein, nicht überdrüssig, aber irgendwie hatte ich das Gefühl ein paar Farbtupfer (die sich ja auch musikalisch, auf „Irrlichter“ finden) könnten nicht schaden. Das Käferrad verwenden wir eher dann, wenn die Texte in Richtung Fabel gehen und das war hier nicht der Fall. Auf "24/7" übrigens auch nicht. Die Arbeiten von S. Hoitsu sind mir schon länger ein Begriff, ganz einfach weil ich mich schon sehr lange für Malerei interessiere ;)
 
Auch neu ist das Label. Während "Schlaflieder" noch, via Massacre Records erschien, kommt "Irrlichter" via Golden Church, auf dem Allen schon sein Solo-Projekt Oul veröffentlicht hat. Was hat den Ausschlag gegeben, auch mit EWIGHEIM den Schritt in die "Selbstvermarktung" anzutreten? Welche Vorteile hat dies für Euch gegenüber der Kooperation mit einem etablierten Label?
 
Yantit: Es ist einfach ein Versuch und ein sehr spannender noch dazu. In erster Linie ging es uns immer um Selbstverwirklichung und dabei ist Sache mit Golden Church ein richtig großer Schritt, zumal Tobias eben auch selbst ein Teil von Ewigheim ist … sprich, es könnte alles kaum persönlicher sein. Ob, und wenn ja welche (anderen) konkreten Vorteile der Umbruch hat wird sich zeigen.
 
 
Frei nach dem Band-Credo entstanden die "Irrlichter" diesmal unter dem Einfluss von Blut, Kot, Blumen und Bethlehem (statt Sonnenschein - Anm. d. Verf.). Nun ist die Abwesenheit von Licht bzw. Sonnenschein unüberhörbar, der Einfluss der deutschen Dark Metal - Pioniere nicht direkt. Welchen Anteil hatten Bethlehem denn nun in lyrischer oder in musikalischer Hinsicht? Was schätzt Ihr an Jürgen Bartsch & Co., für was stehen Bethlehem für Euch?
 
Yantit: Sehr gut, dann hast du für‘s Interview die CD und nicht irgendeinen blöden Link bekommen :) Die Zeit in der „Irrlichter“ entstand war tatsächlich nicht die fröhlichste in meinem Leben … also wenig Sonnenschein. Komischerweise sind es in diesen Momenten oft die vermeintlich traurigen oder merkwürdigen Dinge, die mir Mut machen und dazu gehören eben auch Bethlehem. Sie begleiten mich schon seit „Dark Metal“ und sind neben Type 0/Carnivore und Laibach eine der Bands, die ich am wenigsten missen möchte, ich liebe sie einfach und um es kurz zu machen Bethlehem = Sonnenschein. Ihr lyrischer Einfluss geht gegen Null aber einen musikalischen haben sie mit Sicherheit. Eine Sache die ich an Bethlehem/J. Bartsch allerdings schon immer bewundert habe, ist ihr Understatement. Wo andere Bands krampfhaft versuchen sich in ein möglichst gutes Licht zu rücken waren Bethlehem - trotz der totalen Innovation, auf die sie sich meiner Meinung nach wirklich etwas einbilden könnten -  immer „einfach nur“ Bethlehem. Man beachte die Anführungsstriche, sie sind wichtig, oder besser gesagt ein Lob. 
 
Meine persönlichen Favoriten sind "Leuchtturm" und "Verzeih´ mir". Ersterer aufgrund seiner schweren, düsteren Atmosphäre, verwoben mit der Thematik Schicksal und Vertrauen. Was sind Eure Leuchttürme und Anker in stürmischen Zeiten, auf die Ihr vertraut?
"Verzeih´ mir" mag ich ebenfalls aufgrund der Harmonie zwischen Atmosphäre und Lyrik? Liege ich da richtig mit der Interpretation, dass ein Großteil der Menschen dauerhaft und getrieben Phantomen und Idealbildern hinterher hetzt und hechtet und dabei das Glück des Gegenwärtigen im Tunnelblick auf das Unerreichbare nicht mehr wahrnimmt?
Welche Songs des neuen Albums liegen Euch selbst besonders am Herzen und warum?
 
Yantit: Meine Leuchttürme sind meine Frau und Bethlehem °lach°
Ernsthaft, wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Ich habe oft das Gefühl, viele Menschen haben längst ihre Wurzeln verloren und damit nichts mehr, dass ihnen Halt im Leben geben kann. Wenn man dann tatsächlich die Chance bekommt der „Leuchtturm“ für andere zu sein, sollte man sie nutzen. Eben weil es nicht so viele Möglichkeiten gibt den Mikrokosmos anderer Menschen etwas lebenswerter zu machen … außerdem glaube ich schon immer an Karma ;)
Die Inhalte erkläre ich nicht gern, aber mit deiner Interpretation von „Verzeih mir“ kommst du dem, was ich beim schreiben sagen wollte schon sehr nahe und auch musikalisch bin ich da ganz bei dir. Textlich ist mir „Spinnenkind“ besonders wichtig, weil der Text noch ein wenig persönlicher ist als die anderen.
 
 
EWIGHEIM feiern in diesem Jahr das 20jährige Jubileum. Ihr spielt alle in weiteren, etablierten Bands. Allen bei The Vision Bleak, Markus bei The Vision Bleak, Sun Of The Sleepless oder Empyrium, Yantit bei Eisregen. Welchen Stellenwert hat EWIGHEIM nach all den Jahren für Euch heute, was möchtet Ihr mit der Band noch erreichen und vor allem was darf der Fan nach der aktuellen Tour im Jubiläumsjahr noch erwarten?
 
Yantit: Ewigheim war da schon immer ein Fall für sich, aber ich möchte den „Wert“ der Band nicht an der Zahl ihrer Veröffentlichungen oder Konzerten festmachen. Gerade in den letzten Jahren haben wir es geschafft unsere Termine richtig und vor allem langfristig zu koordinieren, solange da alles passt bekommen wir auch alles unter einen Hut. Ebenfalls ganz wichtig bei Ewigheim: der Spaß an der Freude … und um mehr geht es hier auch nicht.
Und richtig, dass Jubiläum :) Wir haben noch einige Ideen, wie die Veröffentlichung der fehlenden LP‘s auf Vinyl oder die Wiederveröffentlichung von „Mord nicht ohne Grund“ in einer etwas geschmackvolleren Verpackung. Wenn alles passt, wird es dann gegen Ende des Jahres noch eine EP mit 4 neuen Stücken von uns geben … doch dazu mehr, wenn es tatsächlich soweit kommen sollte. 

Ewigheim01

Zeit für die finalen Worte an uns, die Fans wobei Ihr gern darauf eingehen dürft wann und warum alles gut wird und welchen Beitrag EWIGHEIM daran haben werden.
 
Yantit: Das mit dem „Alles wird gut“ ist eine ganz einfache Sache, da wir alle irgendwann sterben werden … spätestens dann wird alles gut ;)
Über den Anteil, den wir mit Ewigheim daran haben halte ich mich jetzt lieber mal bedeckt … Allen B. Wäscht mir sonst den Kopf ;)
In diesem Sinne, hab vielen dank für die tollen Fragen und denen, die das hier gelesen haben, vielen Dank für Interesse an Ewigheim und ihre Zeit.
meraluna



 

Line Up

Yantit - Texte, Rhythmusgitarren, Programmierungen
Allen B. Konstanz - Gesang, Schlagzeug
Schwadorf - Leadgitarren