Protzen Open Air 2015

  • Datum: 26.06.-28.06.2015
  • Ort: Protzen, Brandenburg
  • Besucher: 1000
  • Tickets: 35 €
  • Redakteur: Jens Dunemann
Protzen Open Air 2015

Das Protzen Open Air erfreut sich Jahr für Jahr zunehmender Beliebtheit. War das Festival in Brandenburg zwischen Berlin und Neuruppin im letzten Jahr im Laufe des Samstags erstmals ausverkauft, so ging für die diesjährige Auflage bereits Ende April nüscht mehr: Ausverkauft!

Was ist also dran, am Konzept des Protzen Open Air´s? Es ist die Mischung aus vielem, was den Nerv einer Generation von Metalheads trifft. Ein bischen weniger von allem, der Reiz des Unvollkommenem, die musikalische Mischung aus purem Underground und etablierten Szene-Größen, der überschaubare Rahmen der Veranstaltung bzw. die familiäre Atmosphäre und nicht zuletzt, dass dies ein Festival ist, das von Fans für Fans organisiert wird und das ohne eine Vielzahl von ehrenamtlichen Helfern nicht möglich wäre. Nicht zuletzt sei jedoch der Hangar, in dem die Konzerte stattfinden erwähnt, durch den das Festival und die Gigs den einzigartigen Reiz von Clubatmosphäre bekommen.

Eine Bühne, Dixies, drei Merch- und CD-Stände, Grill mit Wurst und Steak, Knofi-Baguette und Pizza-Stand, Bier, Wein, Erdbeerbowle sowie diverse Mixgetränk-Angebote, nicht zu vergessen der höllische Mexikaner, allabendliche Lagerfeuerromantik und natürlich gute Live-Musik reichen vollkommen, um ein rundum gelungenes Wochenende zu verleben. Wer´s mit der Körperhygiene etwas genauer nimmt, der hat immerhin samstags die Möglichkeit, für einen symbolischen Euro auf dem nahe gelegenen Sportplatz eine Dusche zu nehmen.

Samstag, 28.08.2015:

Pechvögel des diesjährigen Protzen Open Air sind zweifelsohne POSTMORTEM. Drummer Max landet rund zwei Stunden vor dem Gig im Krankenhaus. Während hinter den Kulissen noch heftig diskutiert wird, kommen SINISTER in den Genuss, ihren Auftritt verlängern zu können und ihre Starke Darbietung zu untermauern. Die Holländer gehören zur Ursuppe der europäischen Death Metal - Szene aber durch ständige Line-Up-Querelen hatte ich die Band spätestens nach "Savage Or Grace" 2003 aus den Augen verloren. Sechs Alben sind seither erschienen, das jüngste Produkt aus diesem Jahr heißt "Dark Memorials". Wie dem auch sei, das Quintett unterstreicht eindrucksvoll, dass man noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt ist. Nach wie vor verbinden Sinister die technischen finessen des amerikanischen mit dem Groove und der Eingängigkeit des europäischen Death Metals. Während danach Postmortem mit Organisator Mario den Ausfall ihrer Show offiziell verkünden, um als Entschädigung ihre Shirts für ´nen Heiermann rauszuhauen, dürfen UNLEASHED das Finale des Protzen Open Air 2015 früher als erwartet einläuten.

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Angeblich soll die Show auch länger ausfallen, doch gefühlt sind es fortan die Pausen zwischen den Songs, die sich mitunter in die Länge ziehen. Aber schließlich sind Johnny Hedlund und Co. auch nicht mehr die Jüngsten. Dennoch möchte ich diese kleine Spitze nicht missverstanden wissen. Was Unleashed an diesem Abend im Hangar veranstalten, ist aller Ehren wert. Die Band mag auf größeren Bühnen des Festivalzirkus trotz eines großen musikalischen Erbes jahrein, jahraus zu einer - zweifelsohne unterhaltsamen - Karikatur ihrer selbst verkommen sein, die Rahmenbedingungen in Protzen bieten den Death Metal - Kriegern jedoch ein perfektes Schlachtfeld, auf dem sie beweisen können, dass man die Schweden auch heuer noch nicht abschreiben darf. Vom ersten Ton an steht der Hangar komplett auf dem Kopf und so wie die Gefolgschaft vor der Bühne Klassiker wie "To Asgard We Fly", "Winterland", "Midvinterblot", "Death Metal Victory", "Hammer Battallion" oder das finale "Before The Creation Of Time" in sich aufsaugt, so sehr genießen auch Hedlund und Konsorten sichtlich ihren bärenstarken Auftritt und bringen das Festival unverhofft früh aber würdig zu Ende.

Was war vorher passiert?

ILLDISPOSED sorgen durch Maiden- und Hello Kitty-Designs zunächst mit unkonventionell spaßigen wie originellen Shirtmotiven am Merch-Stand für Aufsehen, um anschließend allen, die die Band nach dem einen oder anderen musikalischen wie marketingtechnischen Flirt mit dem Metal-Core-Lager schon abgeschrieben hatten, mit ihrer rohen dänischen Urgewalt zu überrollen. Der Hangar platzt aus allen Nähten und wer von der skandinavischen Soundwand der Musik-Hooligans mit dem schrägen Humor nicht mitgerissen wird, dem ist an diesem Abend nicht mehr zu helfen. Währenddessen lässt sich die hübsche, vor allem aber ungemein sympathische und offene Frontfrau von IZEGRIM mit ihren Kollegen für einen erfolgreichen Gig zuvor feiern. Dazu gibt´s auch allen Grund, denn das holländische Quartett bringt - obwohl schon seit weit über zehn Jahren aktiv - eine unverbrauchte Thrash-Breitseite auf die Bühne, die irgendwo zwischen ihren Landsleuten von Legion Of The Damned und Arch Enemy anzusiedeln ist. Großartig.

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WEAK ASIDE, die Ostfriesen-Connection um Bandleader Thomas Zorn hat schon in rund einem dutzend teilweise namhafter Bands (u. a. Fearer, Spearhead, Vomiting Corpses, Dew-Scented, Obscenity etc.) ihr Unwesen getrieben. Die aktuellen Band bringt eine beeindruckende Mischung aus bolzenwerferartigen Breitband-Grooves und technischen Finessen des klassischen Ami-Death-Metal auf die Bühne. Da stimmt die Nackenmuskulatur automatisch mit ein und am Ende darf sogar noch mal richtig die Pogo-Sau rausgelassen werden, als Thom dem Publikum mit dem Extreme Noise Terror - Klassiker "Raping The Earth" die räudigen Wurzeln der Band offenbart. (Linse) Nach einem Besuch am Zeltplatz geht es wieder gen Hangar um WEAK ASIDE zu sehen. Was passiert auf Festivals, wenn ihr mit einem vollen Bier vor dem Eingang steht und die Security zu euch sagt, dass ihr damit nicht reinkommt? Richtig: Entweder muss man den liebevoll gebrauten Gerstensaft wegschmeißen oder ihn runterstürzen, was mit Genuss nicht mehr viel zu tun hat. In Protzen gibt es eine weitere Alternative: Die Security reicht freundlich lächelnd einen Plastikbecher und sagt „Hier, zum umfüllen“. Mal wieder ein Beleg für die überragende Einstellung der Festival Macher. So, nun aber wieder zur Musik, denn auch hier kann Protzen punkten. Ich war ja schon enttäuscht, als CHAPEL OF DISEASE abgesagt hatten, aber mit WEAK ASIDE wurde ein mindestens ebenbürtiger Ersatz gefunden, der ebenfalls aus dem FDA-Stall stammt. Das aktuelle Album ist eine der besten Death Metal - Scheiben, die in diesem Jahr das Licht der Welt erblickten. Und so gibt es am Nachmittag ´The Next Offensive´ im Hangar. Und die ist mächtig. Wer so sympathisch rüber kommt und Monstertracks wie ´Gods Of Pain´ mit so gutem Sound in die Menge feuert, der überzeugt auf ganzer Linie. Ich bin mir sicher, dass da noch die ein oder andere mächtige Offensive von der Waterkant auf uns zukommt. Das freut. (Trille) Die Iren-Thrasher von SYPHOR, die relativ modernen wie melodischen, teilweise progressiv angehauchten deutschen Deather von ISLAY sowie die Old-School-Deather von Demonbreed konnten mich am Samstag leider nicht von der Basis bzw. der Protzen-Familie am Zelt weg locken. Nicht, dass ich die Qualität der Combos damit anzweifele, der Berichterstatter ist einmal mehr bei guten Getränken und Gesprächen mit alten Freunden pflichtvergessen versackt. (Linse) Über Elbe und Havel hatte sich zuvor der PANZERKREUZER auf den Weg von Dresden nach Neuruppin und am Samstagmittag pünktlich hinterm Hangar angelegt. Die aus nur drei Mann bestehende Besatzung eröffnet den zweiten Festivaltag. Ein großer Pluspunkt death POA ist die Bühne im Hangar, in dem man neben gutem Sound auch bei Tageslicht den Eindruck hat, ein Clubkonzert zu sehen. Eine Band wie Panzerkreuzer wirkt in diesem Rahmen noch wesentlich intensiver. Es war ein guter Schachzug, Panzerkreuzer an den Anfang zu setzen, dem schweren und stellenweise schleppenden Death Metal können die noch etwas trägen Synapsen schon gut folgen. Celtic Frost, Winter oder Obituary werden nicht ohne Grund als Bandfaves genannt. Ich werde mich nach diesem gelungenen Start in den zweiten Tag auf jeden Fall um das Debüt ´Aurora´ kümmern. (Trille)

 

Freitag, 27.06.2015:

Während sich der Rausch des donnerstäglichen Party-Auftakt nur schwer verziehen will, sich der gemütliche Zeltplatz mehr und mehr füllt ballern die spanischen DECAPITATED CHRIST, neuerdings auf FDA-Rekotz, den Anwesenden eine Death-Grind-Breitseite um die Ohren. Spätestens nach diesem fulminanten Auftakt hat sich der Kater oder genauer gesagt, der Captain verzogen. Oder sagen wir, er wurde durch geeignetes Antidot neutralisiert. Weiter geht´s mit der "Schwermusik" von BETALMAND, die ich dem Namen nach im Vorfeld eher als belanglose Cover-Truppe eingestuft hätte. Weit gefehlt, denn was der Fünfer aus Brandenburg aktionsgeladen auf die Bretter bringt, ist äußerst schmissig. Sägende skandinavische Gitarren, stampfender Death Metal mit jeder Menge Melodie, ohne es jedoch an Härte und Brutalität missen zu lassen. Dazu mit einem augenzwinkern versehene deutsche Texte, fertig ist meine erste persönliche Überraschung des Festivals. Die Jungs machen - so frisch und unverbraucht wie Band und Musik ist - mal so richtig Freude. WEYLAND von der Ostseeküste sowie die Berlin-Connection um DEHUMAN REIGN und FIRST AID, verpasse ich, weil sich der Verfasser auf dem Weg "mal eben kurz" ins Basislager allzu leicht ablenken lässt. Man kennt halt einfach zu viele Leute... Diverse Getränke später - wer hat nur an der Uhr gedreht? - geht´s dann mit REVEL IN FLESH schon richtig steil. Mit den deutschen Newcomern habe ich ein ähnliches Problem, wie seinerzeit mit Fleshcrawl. Musikalisch ist das, was die Herren sowohl auf Scheiblette, wie auch auf der Bühne zelebrieren, nämlich Schwedentod in höchster Vollendung, tadellos. Zu tadellos, da skandinavischer als jede nordische Death Metal - Band, so dass ich mich letzten Endes frage, wozu man eine Band braucht, deren Quintessenz man auf zig einschlägigen und allseits bekannten Klassiker-Alben um vieles besser dargeboten bekommt. Den Süddeutschen fehlt für mich einfach das gewisse Etwas und vor allem richtig starke Songs, die sie aus dem Durchschnitt hinaus heben würden. Die Spanier von GRAVEYARD rumpeln danach noch ein wenig mehr über die Todesmetall-Schulbank, als seien sie ebenfalls in den frühen Neunzigern sitzen geblieben. Das ist nicht unbedingt origineller als bei den deutschen Schwedenverehrern, aber der sehr düstere und morbide, äußerst rohe Sound reißt mich erheblich mehr vom Hocker. Selbiges hatte ich mir von den Schwedentod-Urgesteinen CENTINEX erhofft, aber was mich auf Tonträger mitunter schon begeistern konnte, das rattert am heutigen Abend nahezu komplett an mir vorbei. Ich bin zwar kein großer Experte aber ich vermute, die Herren haben für mich persönlich einfach das falsche Material im Gepäck. Das haben GRAND SUPREME BLOOD COURT danach definitiv nicht. Die Niederländer fräsen sich durch das gesamte "Bow Down Before The Bloodcourt" - Album und legen noch "Welcome To The Sawmill" von der Split mit Paganizer oben drauf. Richter van Drunen führt die Kammer einmal mehr souverän, wettert über alles und jeden, und schreit sich über die widerlichsten Ungerechtigkeiten der Menschheit die Eingeweide aus dem Leib. Ganz nebenbei bereitet Martin van Drunen das begeisterte Publikum darauf vor, dass die großartige Darbietung am heutigen Abend auf unbestimmte Zeit, zumindest in dieser Besetzung die letzte Show sein wird.

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Aber die lässt zumindest keinerlei Wünsche offen. Was habe ich mich als langjähriger Fan mit dem Sängerwechsel im Hause MORGOTH schwer getan. Doch das Ergebnis in Form des aktuellen Albums "Ungod", die Biografie aber nicht zuletzt das Interview, welches ich dazu mit Gitarrist Sebastian Swart führen durfte, stimmte mich in der Beziehung zu meinen einstigen Jugendhelden etwas versöhnlicher. Nun war ich umso gespannter, ob mich Morgoth auch mit Carsten Jagger auf der Bühne überzeugen würden... Nun, sie konnten und insbesondere Neuzugang und alter Hase zugleich, Jagger, kann vollauf überzeugen. Morgoth als Inbegriff des deutschen Death Metal zünden ein Feuerwerk aus Klassikern und aktuellen Titeln, welche dem alten Stoff um nichts nachstehen, das sich gewaschen hat. "Sold Baptism", "Body Count", "Under The Surface", "Resistance", "Snakestate", "God Is Evil" oder "Burnt Identity" verlangen dem Protzen-Besucher am Ende des ersten Tages noch einmal alles ab, auch wenn sich der Hangar zunehmend leert. Wie dem auch sei, nach einer solch´ energiegeladenen Show mache ich gern meinen Frieden mit Morgoth und verabschiede mich ans Lagerfeuer in eine lange Nacht.

  

Fazit:

Ob ausverkauft oder nicht, das Potzen Open Air war auch im Jahr 2015 einmal mehr eine rundum gelungene Veranstaltung. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle auch einmal den sehr guten Sound, hatte doch nahezu jede Band, die ich an diesem Wochenende in und vor dem Hangar erleben durfte, einen druckvollen und klaren Sound, was selbst auf großen Festivitäten dieser Art alles andere als selbstverständlich ist. Anlass, etwas zu ändern gibt es auch für das kommende Jahr kaum. Sicher, das eine oder andere Dixi mehr würde nicht schaden, auch würde ich mich persönlich noch über einen zusätzlichen Musik-/Merchstand freuen. Ein weiteres Anliegen wäre mir, dem Betreiber des Grill eine Brücke zu einem einheimischen Metzger zu schlagen. Denn speziell die Würstchen waren am zweiten Tag einfache Supermarktware. Nicht das diese überteuert verkauft wurden aber hier würde ich auch gern einen Euro mehr löhnen, wenn man dafür ein qualitativ hochwertigeres und geschmacklich besseres Produkt bekommen würde.

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Ansonsten zog man im Lager der Organisatoren bereits die ersten Register für das kommende Festival-Jahr, noch bevor die ersten Töne des Protzen Open Air 2015 überhaupt angestimmt wurden. Bei den mittlerweile bestätigten Bands muss sollte man sich vermutlich auch im kommenden Jahr ran halten und frühzeitig Karten sichern.

Bisher sind für das nächste Jahr bestätigt:

Protzen 2016 Flyer

IMPALED NAZARENE

POSTMORTEM

MALIGNANT TUMÖUR

SOULBURN

FLESHCRAWL

DISBELIEF

CHAPEL OF DISEASE

BODYFARM

FURNAZE

SOUL DEMISE

 KALI YUGA

 

Einen unterhaltsamen Videorückblick, der die entspannte Atmosphäre des Protzen Open Airs sehr gut einfängt seht ihr hier:

 

Einen weiteren ausführlichen Bericht mit reichhaltiger Fotostrecke  der Märkischen Online Zeitung findet ihr HIER!