Wacken - Der Film

300 Fußballfelder bedarf es mittlerweile, um das größte Heavy Metal Festival der Welt zu beherbergen. Erstaunlich, vor allem wenn man bedenkt, dass vor ca. 25 Jahren locker ein Fußballfeld ausreichte, um das Festival über die Bühne zu bringen. Mittlerweile ist WACKEN in der Musikwelt allgegenwärtig, so dass Regisseur Norbert Heitker auszog, um die wichtigsten Impressionen aus dem „Holy Wacken Land“ auf die Kinoleinwand zu bringen.

Nachdem die 3D Variante der „Dokumentation“ im vergangenen Sommer über die Kinoleinwände flackerte, liegt nun die Blue-Ray und DVD Version für den Hausgebrauch vor. Eine Festivalerfahrung für die älteren Semester, wie den Kollegen Lison und mich also: Sofa, Chips und Cola Light, statt Luma, Witterungsbedingungen und Alkoholkoma.

Heitker lernte laut eigener Aussage erst bei den Dreharbeiten, worum es eigentlich geht. WACKEN stellt für viele Besucher weit mehr als nur irgendein Festival dar. WACKEN wird mehr und mehr zum Religionsersatz für Metalheads aus aller Welt. Kein Wunder, dass sich zunehmend auch immer mehr Szenefremde dieser Anziehungskraft nicht widersetzen können. So bleibt der Freund des Heavy Metal doch irgendwie staunend zurück, wenn JAN DELAY eine WACKEN Hymne schreibt, HEINO über die Bretter der Hauptbühne „tobt“ oder auch MAMBO KURT Klassiker der Metalgeschichte verheimorgelt. WACKEN und eine gewisse Ballermannstimmung gehören anno 2014 sicherlich ebenso zusammen wie Gänse und Schmalz. Doch sei es drum: Welcher Festival-Veranstalter träumt nicht von Besucherzahlen wie auf dem WACKEN. Und wir wollen auch nicht vergessen, dass das WACKEN-Duo Hübner und Jensen als Fans begonnen haben und für Fans über die Jahre ein unglaubliches Festival auf die Beine gestellt haben.

Und um eben diese Mischung aus Kommerzialisierung, Lebenseinstellung und Metal Musik geht es irgendwo auch in dem vorliegenden Film. Im Gespräch mit MACHINE HEAD Mastermind Rob Flynn verstand der Regisseur die Faszination WACKEN zum ersten Mal: „Er erzählt, dass er ohne eine

Religion aufgewachsen ist und dass es nur eine Sache gab, die ihm im Leben Halt gegeben hat - und das war die Musik. Da fiel bei mir der Groschen. Darum geht’s. Es geht um die Kraft von Musik.“ Doch der Film ist nicht, wie viele der jährlichen Fernsehbeiträge, ein reiner Musikfilm, sondern die Handlung wechselt zwischen Bühnenauftritten (z.B. ANNIHILATOR, ALICE COOPER, TRIVIUM, DORO, ANVIL, MOTÖRHEAD usw.), Musikerinterviews (z.B. HENRY ROLLINS, SCOTT IAN, ALICE COOPER usw.) und Gesprächen mit bzw. Dokumentationen über die Fans (z.B. CIELU WANG aus Taiwan, MICHA REESE aus Deutschland, KATIE McHOES aus den USA usw.). Und natürlich fehlen Institutionen wie die FEUERWEHRKAPELLE und die METAL BATTLES auch nicht. Und während so typische Bilder und Situationen des ganz normalen Festival Wahnsinns auf die Mattscheibe gebracht werden, dürfen einige Kommentare der WACKEN-Väter natürlich auch nicht fehlen.

Ich habe nicht nachgezählt, wie häufig ich in WACKEN war. Doch eins ist klar, das Festival veränderte sich jedes Jahr: neue Bühnen, neue Regelungen, neue Ansprechpartner, größer, regnerischer, lauter. Diese Entwicklung ist leider nicht Teil der Dokumentation. Trotzdem, auch wenn ich selber nicht mehr nach WACKEN fahre, da mir dort mittlerweile viel zu viele Leute sind, die den Blick auf die Bühne verstellen, überkommt den Zuschauer beim Anschauen des Films doch eine gewisse WACKEN Melancholie. Andererseits muss man auch feststellen, dass sich mir Sinn und Notwendigkeit eines solchen filmischen Unternehmens als Kinoproduktion auch nach Ansehen des Filmes nicht so wirklich erschlossen haben. Letztlich gab es ja eine irgendwie ähnliche Herangehensweise mit „Full Metal Village“ schon einmal. Quintessenz des Filmes bleibt am Ende wohl: kleines Dorf im Niemandsland entwickelt sich einmal im Jahr zum Mekka der gesamten Metalwelt und demonstriert dabei die integrative Kraft des Metal über alle kulturellen, staatlichen und religiösen Grenzen – letztlich mittlerweile sogar über musikalische Grenzen – hinweg.

Vielleicht hat DORO Recht und der Film symbolisiert für ehemalige und aktuelle WACKEN Pilger eine Art Heimkehr. Ob man ihn haben MUSS? Wohl nicht, denn letztlich finden wir auch hier nichts, was wir nicht schon selbst erlebt haben oder wussten. Trotzdem ist der Film gut gemacht und in dunklen Herbst- und Winternächten verbreiten die Bilder und der donnernde Metalsound doch auch durchaus nostalgische Stimmungen.

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